Kultur Schräg!
Ist die Musik erst schrill und schrecklich, laufen die Leute davon. Denkt die Deutsche Bahn. Davonjagen will sie ab September mit „sogenannter atonaler Musik“ (O-Ton Bahn) die Säufer, Drogensüchtigen, Obdachlosen und Kriminellen, die es sich im Berliner S-Bahnhof Herrmannstraße in Neukölln stundenlang gemütlich machen. 3000 Straftaten pro Jahr gibt es an diesem Bahnhof. Man könnte den Sicherheitsdienst forcieren, aber das ist teuer und unpopulär. Atonale Musik ist billiger (hat jemand an die Gema gedacht?). Und es könnte funktionieren: Verlassen doch selbst Klassik-Freunde gerne den Saal, wenn Atonales von Schönberg ins Mozart-Konzert eingeschmuggelt wird. Aber sind die Ohren der normalen Bahngäste nicht viel empfindlicher für Dissonanzen als die der zugedröhnt Dahindämmernden? Nervt Musikberieselung gleich welcher Art auf Dauer nicht jeden? Die Sache ist also klar: Die Bahn will alle vergraulen! Da die täglichen Meldungen „Zug fällt aus“ dazu nicht ausreichen, müssen dringend neue Ideen her. Im Juli kündigte die S-Bahn im Zuge einer „Qualitätsoffensive“ an, in der Ringbahn-Linie nicht mehr an jedem Bahnhof zu halten. So könne man die vielen Verspätungen aufholen. Seltsamerweise gab es viele Proteste, das Projekt wurde fallen gelassen – etwas vorschnell, denn damals hatte man den Ringbahn-Bahnhof Hermannstraße ja gar nicht miteinbezogen! Denn das wäre dort die beste Lösung: Keine Züge mehr, nur noch schräge Klänge. Es würde die atonale Musik endlich populär machen und den so kunstsinnigen S-Bahn-Verantwortlichen den lange begehrten Deutschen Kabarettpreis einbringen.