Mainz
Foreigner in der Zitadelle: Das Theseus-Paradoxon
Es scheint fast, als wollten uns schon die alten Griechen mental auf das vorbereiten, was mit der Band Foreigner einstmal geschehen würde. Seit der Antike wird darüber gegrübelt, ob ein Objekt immer noch dasselbe Objekt ist, nachdem jedes seiner Bestandteile ausgetauscht wurde. Ob also beispielsweise ein Schiff noch das selbe Schiff ist, nachdem jede einzelne Holzplatte durch eine neue ersetzt wurde, oder ob es sich dann viel eher um ein neues Schiff handelt. Man nennt dieses philosophische Gedankenexperiment das Theseus-Paradoxon.
Was das jetzt mit Foreigner zu tun hat? Nun, auch bei der 1976 gegründeten britisch-amerikanischen Band ist nichts mehr, wie es einmal war. Kein einziges Gründungsmitglied ist mehr dabei. Auch kein Mitglied, das die großen Hits der 1970er oder 1980er persönlich miterlebt hätte. Nicht einmal die eher schwache Phase in den 1990er Jahren. Wer heute bei Foreigner auf der Bühne steht, tut dies längstens seit 2004 und kennt die Anekdoten aus den goldenen Zeiten der Band nicht durch eigenes Erleben, sondern auch nur durch Hörensagen. Da wird dem Foreigner-Klassiker „Feels Like The First Time“ auf seine alten Tage noch eine zweite Bedeutungsebene eingezogen.
Den einen oder anderen Konzertbesucher hat dieser Umstand überrascht. „Als ich mir die Karten besorgt hatte, war mein Bruder erst noch richtig neidisch. Dann hat er ins Internet geguckt und rausgefunden, dass da niemand mehr von früher dabei ist. Dann war’s vorbei mit dem Neid“, erzählte eine Besucherin einer anderen auf dem Weg zum Parkhaus nach dem Konzert. Sie blieben zurück mit der Frage: Wann ist eine Band noch eine Band und nicht ihre eigene Cover- beziehungsweise Tribute-Band?
Es ist schon einigermaßen unüblich, dass eine Band noch durch die Lande tourt, obwohl wirklich kein Original mehr mit auf der Bühne steht. Ja, Sepultura fallen einem ein, Thin Lizzy, dann wird’s schon dünn. Offiziell ist bei Foreigner auch noch Mick Jones am Start, der langjährige Gitarrist, Keyboarder und musikalische Kopf der Band. Seit dem Bekanntwerden seiner Parkinson-Erkrankung vor wenigen Jahren ist der mittlerweile 81-Jährige auf Tour aber nicht mehr dabei.
Den jüngsten personellen Wechsel hat es erst vor kurzem gegeben. Der Foreigner-Frontmann schlechthin, Lou Gramm, ist ja schon seit 2003 nicht mehr dabei, sein Nach-Nachfolger Kelly Hansen, der ab 2005 am Mikro stand, hat die Band 2025 verlassen. Auf ihn folgte Luis Maldonado, der schon in den Jahren zuvor immer mal wieder aushalf. Klar, dass sich der Mexikaner am legendären Lou Gramm messen lassen muss. Das war auch in Mainz nicht anders. „Kein schlechter Mann, gute Stimme, aber eben nicht Lou“, lautete ein Urteil, dem man gleich mehrfach lauschen konnte. Stimmlich gewinnt Gramm sicherlich den Vergleich, in Sachen Bühnen-Präsenz mag Maldonado Vorteile haben.
Lästige Vergleiche wird man nicht los, indem man hauptsächlich auf altes Material setzt, aber genau das tun Foreigner eben. Das letzte reguläre Album der Kapelle erschien 2009, der Vorgänger 1994. Bei den Rock-and-Roll-Hall-of-Famern von 2024 ist seit langer Zeit die Verwaltung des „eigenen“ Erbes angesagt (wenn man das in diesem Fall aus genannten Gründen überhaupt so sagen kann).
Natürlich war auch der Auftritt in Mainz ein einziger Ritt durch den Backkatalog der Band, eine Best-Of-Revue, die noch einmal beeindruckend vor Augen führte, welch große Hitdichte diese Band hatte. Kaum ein Song, den man nicht direkt mitsingen konnte, ob das jetzt „Cold as Ice“, „Urgent“, „Waiting For A Girl Like You“ oder „Juke Box Hero“ waren. Im Zugabenteil (für den sich der neue Frontmann ranschmeißerisch ein Deutschland-Trikot überstreifte) gab’s auch noch „Hot Blooded“ und „I Want To Know What Love Is“ on top. Letztgenannter Song ist sicherlich die bekannteste Foreigner-Nummer, aber nicht die, die meisten Publikumsreaktionen hervorrief. Den Mainzern stand der Sinn offenbar weniger nach Ballade denn nach Rock. Songs wie „Urgent“ oder „Cold as Ice“ wurden da frenetischer beklatscht.
Auch wenn man das Gefühl hatte, eine Foreigner-Party mit einer Foreigner-Tribute-Band zu feiern: Gelungen war die Sause allemal. Die Stimmung war an diesem Sonntagabend hervorragend. Und das lag nicht nur am gleichzeitigen Sieg der deutschen Nationalelf bei der Fußball-WM.