Mannheim
„Schimmerschwund“: Der Landauer Maler Benjamin Burkard stellt im Kunstverein aus
„Kultur ist Gewohnheitssache“ Na ja, stimmt schon, irgendwie. Aber als Bildtitel? In diesem Jahr malte Benjamin Burkard das für seine Verhältnisse mit 120 auf 100 Zentimetern eher mittelgroße Format. Im Zentrum sitzt ein Reitersmann in Gardeuniform und Schwert zur Seite in strammer Haltung auf einem Rappen. Typus Reiterdenkmal, also von gestern, auch wenn das Zaumzeug verpixelt ist.. Vor ihm als Assistenzfiguren zwei kleinere Reiter, links Kinder mit Lampions, die sich weiter hinten in einer grauen Masse verlieren. Soweit der erste Eindruck. Passt alles nicht zusammen, wäre da nicht die furios inszenierte Malerei, die eine in ihren Details gar nicht nacherzählbare Bild-Geschichte (wenn es denn eine sein sollte) überwuchert, hinterfängt, versehrt und interessant macht, aber nichts dazu beiträgt irgendetwas zu erklären. Und sie eben deshalb interessant macht.Absuchen der Katalogabbildung mit der Lupe hilft nicht weiter. Benjamin Burkhard ist und bleibt ein Rätselkönig der Malerei. Nur eine, die wichtigste, Gewissheit: Der Südpfälzer kann malen. Das frappiert, gerade in einer Zeit, in der „die Malerei“ wie schon so oft zufrieden billigend oder panisch betroffen totgesagt wird, obwohl sie immer und unverdrossen putzmunter war.
Benjamin Burkard, geboren am 30.November 1986 in Kandel, wo er heute noch lebt) Abitur am Europa Gymnasium Wörth, Studium der Biologie und Kunst in Landau, Atelier in Neupotz – kann man noch bodenständiger und pfälzischer sein? Mag sein, aber um als Maler in der Welt unterwegs zu sein, muss man sich heutzutage (was Burkard nicht tut) keinen Schritt aus seinem angestammten und insofern sicheren Terrain bewegen. Kompetente Interpreten, Wegbegleiter, Fürsprecher und Kenner sind ihm sicher. Der Kunsthistoriker Christoph Zuschlag (Kunsthistorisches Institut Bonn) gehört dazu. Im Nirgendwo zwischen abstrahierender Figuration und figurativer Abstraktion hat er Benjamin Burkards Malerei schlagwortartig, aber treffend verortet. Bewundert werden (Friedrich W.Kasten vom Mannheimer Kunstverein gehört dazu) zu Recht souveränes Handwerk, komplexer Bildaufbau, malerische Brillanz, Wissen um die Grundlagen des künstlerischen Schaffens und die komplexe Bildanlage, die so man ehrlich ist, nicht in Stunden zu begreifen und inhaltlich schon gar nicht aufzudröseln ist. Es sind wie Entwürfe oder Vorboten von gewaltigen Wandmalereien anmutende Wimmelbilder, die alles aufgesaugt haben, was die Jetztzeit an leicht zugänglichem Bildmaterial und Verfahren analog oder digital oder KI-generiert zur Verfügung stellt.
Die Ausstellung mit neueren Arbeiten im Mannheimer Kunstverein rühmt sich die erste institutionelle des durchaus im Kunstbetrieb schon angekommenen Malers zu sein. „Schimmelschwund“ heißt sie, wieder so eine rätselhafte Bildüberschrift von 2022 aufgreifend. Man muss ja schon froh sein, wenn die Schießbudenfigur der zur „Gewohnheitssache“ herabgestuften „Kultur“ auf einem Gaul und nicht auf einem Hirsch (wahlweise Elch) sitzt. Die sind Burkards Markenzeichen, Macke meinetwegen. Nicht röhrend (das tut nur einer), aber präsent mit und ohne Reiter, mit oder ohne floralem Gestrüpp auf dem Geweih, einzeln, als beobachtende Gruppe (so in der grandios monumentalen Seeschlacht-Paraphrase „Sicherer Hafen“ von 2024. mit einem mit Altdorfers Münchner „Alexanderschlacht“ konkurrierendem Himmel), mal fast porentief echt oder als nett verpixeltes Fries im Hintergrund.
Benjamin Burkards Malerei dröhnt gewaltig, aber sie tut es auf nette Weise. Professionelle Kunsthistoriker., Kenner und Interessierte bekommen etwas zwischen die Zähne. Hier Manets von abgestorben Bäumen versehrtes „Frühstück im Freien“ („Oxidierte Romantik“, 2023), dort C.D.Friedrichs „Eismeer“ („Der Strand“, 2023), Rembrandts „Nachtwache“ als Gruppenbild von Jägern und Beute (2020) und sogar die Goldgründe des Mittelalters, die Benjamin Burkhard in einem von ihm entwickelten Verfahren reaktiviert hat; die Anregung dazu kam ihm beim Hausbau, wo er das Verputzen gelernt hatte. Was, steht zu vermuten, den Prozess des Bildmachens noch einmal verlängert und die im Gespräch erwähnte Verselbständigung der Malerei während der Arbeit gewiss begünstigt hat.
Benjamin Burkards Bilder leuchten von den Kunstvereins-Wänden und unsereiner ist ratlos vor und begeistert von ihnen. Muss man zugeben. Und fühlt sich wie in einem Theater, in einem klug geordneten Chaos, in dem alte, neue und ganz neue Stücke so aufgeführt sind, dass sie ganz neu, ganz alt und sehr viel dazwischen sind. Tröstlich? Wohl eher nicht. Aber, pfälzisch zugespitzt, saugut gemalt, wenn das ein Kriterium ist.
Die Ausstellung:
Bis 16. Februar 2025 im Mannheimer Kunstverein. Täglich außer montags von 12 bis 17 Uhr, mittwochs 14 bis 19 Uhr. Weihnachtspause vom 23. Dezember bis 2. Januar.