Jubiläum RHEINPFALZ Plus Artikel Schauspieler Gustl Bayerhammer wäre heute 100 Jahre alt

Gustl Bayrhammer in seiner Paraderolle in „Meister Eder und sein Pumuckl“.
Gustl Bayrhammer in seiner Paraderolle in »Meister Eder und sein Pumuckl«.

Es ist keine geringe Auszeichnung für einen Schauspieler, wenn ihm ausgerechnet eine Kinderserie zu dauerhaftem Nachruhm verhilft. Gustl Bayrhammer war auf Bühne und Bildschirm ein wandlungsreicher, verlässlicher und sehr solider Charakterdarsteller. Für mehrere Generationen junger Fernsehzuschauer bleibt er jedoch der liebenswerte Schreiner aus der Sendereihe „Meister Eder und sein Pumuckl“. An diesem Samstag wäre er 100 Jahre alt.

Den von Ellis Kaut erdachten Handwerker, der in seiner Münchner Hinterhofwerkstatt einen rothaarigen Kobold beherbergt, spielte Bayrhammer im Hörfunk, in zwei Kinofilmen und ab 1982 in 52 Episoden einer bis heute erfolgreich wiederholten Fernsehreihe. Gemütvoll, brummig und dennoch stets fürsorglich erträgt der Mann an der Werkbank jeden Schabernack des (nur für ihn sicht- und hörbaren) Klabautermann-Nachfahren. Der gezeichnete Hausgeist spricht mit der Quäk- und Krähstimme von Hans Clarin und ist eine Zeichentrickfigur, die in die Realaufnahmen mit ihren menschlichen Mitspielern einkopiert wurde: Trickfilm-Poesie aus der Vor-Computer-Ära.

Ochsentour durch die Theaterprovinz

Vor der Fernsehkamera waren die bajuwarisch-behäbigen Grantler vom Schlag des Meisters Eder das angestammte Rollenfach des Schauspielersohns, der sich im Zweiten Weltkrieg zur Luftwaffe gemeldet und nach erfolgter Bühnenausbildung die übliche Ochsentour durch die Theaterprovinz absolviert hatte. Neun Jahre lang gehörte er zum Ensemble des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Dann ging er nach Salzburg und kehrte 1967 mit der Verpflichtung an die Kammerspiele in seine Heimatstadt München zurück.

Weil er – bei Bedarf! – mit sonorem Organ den bayerischen Zungenschlag pflegte, wurde er früh mit dem Etikett eines Volksschauspielers versehen. Das war er sehr wohl, weil er eine so erdennahe, bodenständige, durch und durch authentische Vitalität entfaltete. Von weißblau schenkelklopfender Gaudi in Lederhosen war seine schlichte Menschlichkeit jedoch meilenweit entfernt. Er meinte es ehrlich, wenn er sich gegen „dümmlichen Bayern-Kitsch“ und ein plattes „Seppel-Image“ verwahrte.

Kein „Komödienstadel“

Dem Fernseh-„Komödienstadel“ kehrte er deshalb frühzeitig den Rücken. Stattdessen glänzte er auf der Bühne in den vollblütigen Volksstücken von Fleißer und Horváth, Brecht und Kroetz, als „Wittiber“ von Ludwig Thoma und kleinbürgerlicher Bürgermeister in Martin Sperrs Schwulendrama „Jagdszenen in Niederbayern“. Über 700-mal war er der gütig-strenge Himmelspförtner im Mundart-Klassiker „Der Brandner-Kasper und das ewig’ Leben“ von Kobell.

Bundesweit bekannt machte ihn 1966 das sehr kontrovers aufgenommene Fernsehspiel „Das Bohrloch“ von Rainer Erler, in dem er einen Landarzt spielte, der sein Dorf zum Heilbad aufwerten will. Dann kam der „Tatort“, Bayrhammer wurde zum Dackelfreund und Kriminalkommissar Veigl, hinter dessen bärbeißiger Granitköpfigkeit immer so etwas wie leise Melancholie aufschimmerte.

„Bayerisch ist nicht nur Kasperltheater“, pflegte er zu sagen. „Es kann sehr dramatisch sein.“ So kultivierte der barocke Zwei-Zentner-Mann in annähernd 100 TV-Filmen den sprichwörtlich weichen Kern hinter einer rauen, aber erfrischend klischeefreien Schale: humorig bis schlitzohrig in den 1985 gestarteten „Weißblauen Geschichten“; herrschsüchtig und hartherzig wie als Großbauer in Geißendörfers „Sternsteinhof“ (1976) und der historischen Dorfchronik „Sachrang“ (1978); hintersinnig bis weise wie der Schwiegervater in Fassbinders „Bolwieser“ (1977).

Ein kämpferischer Demokrat

Abseits von Bühne und Kamera gab sich der Mime, den ein Millionenpublikum ins Herz geschlossen hatte, als toleranter, aber kämpferischer Demokrat, der gegen die Asyl-Richtlinien der CSU wetterte und sich für Umweltschutz stark machte - übrigens lange bevor politisches Engagement von Schauspielern in Mode kam. Der Freistaat behängte ihn dennoch mit all seinen Auszeichnungen einschließlich der Ernennung zum Staatsschauspieler.

1993 ist der Herzkranke mit 71 Jahren gestorben. Wie immer, wenn ein Menschenbildner von derart hohen Gnaden dahingeht, hieß es in den Nachrufen, er sei „mehr als nur“ ein Volksschauspieler gewesen. Und wie immer zeugt diese Benotung von dünkelhafter Ahnungslosigkeit. Denn was heißt „mehr als nur“? Gustl Bayrhammer war ein großer Volksschauspieler. Mehr geht nicht!

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