Comic
Schürzenjäger auf Irrfahrt: Von der Schickeria in die Gosse
Rufus Himmelstoss lässt nichts anbrennen. Erst ein Schluck Schampus, nachdem er sich aus seinem Sportflitzer geschwungen hat, dann macht sich der Vertreter einer Markisenfirma daran, Neukunden zu gewinnen – oder besser gesagt Kundinnen. Denn auf gelangweilte Hausfrauen in den Außenbezirken von München hat er es besonders abgesehen. Das Interesse ist durchaus gegenseitig, sodass Sonnenschutz-Akquise und amouröse Abenteuer häufig Hand in Hand gehen. Schließlich befinden wir uns mitten in den 70er Jahren; Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll beziehungsweise Disco sind angesagt.
Ein Typ wie der Monaco Franze
Dumm nur, dass Rufus nicht nur Schürzenjäger und Pokerspieler, sondern auch Familienvater ist. Ständig lebt er über seine Verhältnisse, macht Schulden, vernachlässigt Ehe und Kind. Deshalb wirft ihn seine Frau zu Hause raus. Als er dann im Suff einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht, beginnt sein Absturz: Er landet obdachlos auf der Straße.
Die Geschichte, als Komödie gestartet, entwickelt sich auf den 120 Seiten des ersten Buches immer mehr zur Tragödie. Erinnert Rufus Himmelstoss zunächst an den ewigen Stenz Monaco Franze aus der gleichnamigen bayerischen TV-Serie, bricht seine Schickeria-Welt mit Champagner, Koks und schönen Frauen völlig in sich zusammen. Und Uli Oesterle weiß, wovon er erzählt: Die Hauptfigur ist angelehnt an seinen eigenen Vater. Peter Oesterle stieg aus einem Leben in geregelten Bahn aus, verließ die Familie und brach den Kontakt zu ihr irgendwann ganz ab. Die Spur verlor sich, bis er 2010 alkoholkrank starb. Als Uli Oesterle von der Stadt Karlsruhe die Todesbenachrichtigung erhielt, entschloss er sich, das alles in einer Graphic Novel zu verarbeiten – und die großen Lücken im Lebenslauf des Vaters „mit Erdichtetem zu verfugen“, wie er im Nachwort erklärt. „Ich wollte etwas Echtes schreiben, etwas, das mich angeht und das trotz der teils frei erfundenen Elemente glaubwürdig bleibt.“
Das Lebensgefühl der 70er
Dass die Bildergeschichte trotz vieler fiktiven Elemente – den tragischen Autounfall zum Beispiel gab es nie – eine ganz persönliche Auseinandersetzung ist, zeigt die zweite Erzählebene. Sie handelt von dem Comic-Zeichner Victor Himmelstoss, der 2005 mit dem Tod seines jahrzehntelang abwesenden Vaters konfrontiert wird und mit der Frage, was dieser ihm fremde Mensch für sein Leben bedeutet. Er kommt gerade mit der Arbeit an einem 500-Seiten-Epos nicht voran und kümmert sich zu wenig um seinen Sohn.
Uli Oesterle, selbst zweifacher Vater, gelingen wahrhaftige Figuren in einem vielschichtigen Comic, der sich mit ernsten Themen wie Vaterschaft, Verantwortung und Obdachlosigkeit auseinandersetzt. Dazu hat der Autor und Zeichner im Milieu recherchiert, lebte bei einer Kunstaktion drei Tage auf der Straße. Das habe ihm gezeigt, „wie sich Armut anfühlen und wie sie riechen kann“, wie unmenschlich und hart die Einsamkeit dort sei. Doch „Vatermilch“ ist keineswegs nur düster. Die Szenen aus dem schrillen München der 70er sind beschwingt erzählt. Oesterles lässiger Zeichenstil in zarten Grautönen vermittelt treffend das Lebensgefühl – samt wild gemusterten Hemden und Schlaghosen.
Die große Bühne fällt weg
Der 54-Jährige, der in München lebt, arbeitet seit 30 Jahren als Illustrator und Comic-Zeichner. Einen Namen machte er sich durch „Hector Umbra“. Der Titelheld ist auf der Suche nach seinem Freund, einem von Monstern entführten DJ. Eine unheimliche Odyssee durchs teils reale München, aber obskurer in der Handlung und expressionistischer gezeichnet als die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss. Beide Comics wiederum sind groß angelegte Projekte. „Hector Umbra“ war nach sechs Jahren und drei Alben abgeschlossen, von „Vatermilch“ sind vier Bände geplant.
Für den Carlsen-Verlag ist die Neuerscheinung einer der Schwerpunkttitel der ersten Jahreshälfte. Aktuell wäre er in Erlangen auf dem Comic-Salon groß vorgestellt worden. Diese Bühne fällt Corona-bedingt leider weg. Trösten kann sich der Künstler mit der Förderung durch die Berthold-Leibinger-Stiftung. Den Preis für noch unveröffentlichte Werke erhielt Oesterle schon 2016. Die Jury sprach von einem „großen Zutrauen an ein Unterfangen, das unsere Neugier gerade auch in seinem stilistisch/narrativen Aufbruchswillen geweckt hat“. Diese Hoffnung wurde bislang nicht enttäuscht.