Architektur RHEINPFALZ Plus Artikel „San Riemo“: Ein Genossenschaftshaus hat den DAM-Preis gewonnen

Schlägt hohe Wellen: Das Gennossenschaftshaus „San Riemo“ in München hat den Dam-Preis gewonnen.
Schlägt hohe Wellen: Das Gennossenschaftshaus »San Riemo« in München hat den Dam-Preis gewonnen.

Es ist: kein Haus für den ersten Blick. Wie radikal der Genossenschaftsbau „San Riemo“ in München-Riem ist, erschließt sich erst nach und nach. Im Innern ist er hochflexibel, mixt Privat- und Gemeinschaftsflächen, passt für viele Lebensformen. Das Erdgeschoss? Eine Halle für alle. Jetzt ist die Architektur mit dem DAM-Preis ausgezeichnet worden. Das Bauwerk des Jahres.

Der Bau steht mitten in einem dieser Wohngebiete im Wachkoma. Auf dem Ex-Flugfeld des vor 30 Jahren geschlossenen Flughafens München-Riem. Ein sehnsuchtsvoller Name, „San Riemo“, so ist das Gebäude betitelt. Klingt nach Italien, Küste. Eine gläserne Fassade aus beweglichen Fenstertüren schimmert leicht grünlich, was von einer vorgelagerten Schicht aus gewelltem Polycarbonatplatten herrührt. Dahinter paust sich ein schmaler, durchlaufener Wintergarten durch. Auch die Verkleidungen der restlichen Außenhaut sind gewellt. Und weiß. Die Deckenplatten, die Rahmungen der großen Fenster im Erdgeschoss, die Vorhänge, türkisfarben. Die Fenster an der Südfassade samt Haupteingang wurden dreieckig eingeschnitten. Die des Erdgeschosses, das sich zum Hof öffnet, so niedrig eingesetzt, dass Kinder einen exklusive V.I.P-Eingang für sich haben. Die Basis des Hauses selbst ist ein vier Meter hohe Halle. Raum für den hauseigenen Waschsalon und Stauraum, eine Werkstatt, die Gemeinschaftsbibliothek, eine Spielstraße durchzieht die lange Flucht, gelbe Vorhänge wallen als Raumteiler. Eine Gewerbefläche dort wird vorerst von einer Stiftung zur Förderung benachteiligter Jugendlicher genutzt.

Himmelblaue Aussichten

Die Treppenhäuser sind lilafarben und himmelblau gestrichen. Auf dem Dach befindet sich ein Garten mit Hochbeeten und Draußenküche, Ausblicken dazu. Rund 100 Menschen leben und arbeiten in der zum investorenüblichen Geschosswohnungsbau querstehenden Alternativ-Architektur. Home-Office-Arbeiter, Patchworkfamilien, Senioren, Frischverliebte. Es ist das erste Gebäude, das die 600 Mitglieder zählenden Genossenschaft KOOPERATIVE GROSSSTADT realisiert hat.

Erwerb von Genossenschaftsanteilen gegen lebenslanges Wohnrecht, alle sind Mieterinnen und Mieter im eigenen Haus. Im ersten Stock ist eine therapeutische Wohngemeinschaft eingezogen. Eine Familie mit acht Kindern lebt flexibel und bis auf Weiteres auf 200 Quadratmetern. Junge Paare mit Anhang sind statt ins für Normalmenschen unbezahlbare Glockenbachviertel hierhergezogen. Wer eine der 27 Wohnungen betritt, steht stracks in der Küche. Flur gibt’s nicht. Die Ablage der Garderobe wird sich schon irgendwie erweisen. Auch wie die Raumaufteilung aussieht, ist der jeweiligen Lebenssituation geschuldet, auf jeden Fall abseits von drei Zimmer, Küche, Bad.

„Atmendes Haus“, nennen die Genossenschaftler das „San Riemo“. Es ist auch ein Experiment, ob und wie das Zusammenleben mit unterschiedlich gezogenen Privatsphärengrenzen und Sozialkompetenzen funktioniert. Ausgang offen.

Allein schon das Zustandekommen, anstrengend. Aber lohnend. Beim Wettbewerb um das „San Riemo“ haben sich 62 Büros beworben. Die Bewohner und Bewohnerinnen waren von Anfang an stark involviert. Schließlich ausgewählt wurde der zweite Wettbewerbssieger, die Leipziger ARGE SUMMACUMFEMMER (Anne Femmer und Florian Summa) mit dem Büro Juliane Greb – zunächst aus Kostengründen. Mittlerweile sind alle überglücklich. Voran die jungen Architektinnen und der junge Architekt, die dafür am vergangenen Freitagabend den DAM-Preis 2022 des Frankfurter Deutschen Architekturmuseums gewonnen haben. Im Wettbewerb unter anderem gegen die Kulturhalle Schaidt von AV1 Architekten aus Kaiserslautern, die es als einziges Projekt aus der Pfalz unter die 100 besten geschafft hat. Sogar scheinbar übermächtige Konkurrenz haben die neuen Hoffnungsträger aus dem Osten mit „San Riemo“ besiegt.

Besser als Rem Koolhaas

Rem Koolhaas zum Beispiel, den 77-jährigen niederländischen Legendär-Architekten und seinen Berliner Axel-Springer Neubau. Ein wie außerirdisch wirkendes Raumschiffbau mit Kommandobrücken und jähen Fluchten, freischwebenden Arbeitsinseln, auf dem Dach ein silberner Röhrengang. Gegen die so spektakulär schöne wie architekteneitle John-Cranko-Schule vom Büro Burger Rudacs in Stuttgarter Hanglage haben sie sich durchgesetzt. Ein letztes Hochamt für den klimatechnisch prekär gewordenen Beton. Und auch die drei Forschungshäuser aus Holz, Mauerwerk und Beton in Bad Aibling, mit denen der Münchner Architekten Florian Nagler forschend durchdekliniert, wie sich nachhaltig und einfach bauen lässt, haben die Jury nicht so überzeugt wie die Sehnsuchtsort zwischen Großstadt-Bullerbü und Wohnmaschine in München-Riem. Eine Architektur für den zweiten Blick ist Bauwerk des Jahres, war’s das denn jetzt vorerst für die blickkapernden Poserbauten der Großen, wie schon gemutmaßt wird? Die Wahl jedenfalls ist gut so. Vorbildhaft, mit welcher experimentellen Striktheit sich „San Riemo“ überkommenen Festlegungen verweigert und sich der zeitgenössischen Lebenspraxis öffnet. Wer in dem Haus lebt, muss allerdings auch geneigt sein, sich zusammenzuraufen.

Ein Nachbarschaftsstreit hätte ungute Konsequenzen beim offensiv gemeinschaftlichen Zusammenleben. Drei Wohnungstypen sind vorgesehen, alle mit unproblematisch veränderbaren Grundrissen, die Optik bestimmendem Sichtbeton und Estrichböden. Aber selbst, wer den konventionellsten Typ „Basis“ gewählt hat, läuft den anderen in den Gemeinschaftsräumen notgedrungen über den Weg – und sei’s den Nachbarkindern, die durch den Wintergarten schlüpfen, oder mit dem Kickboard am Waschsalon in der Erdgeschosshalle vorbeirauschen.

Alles auf Anfang

Bei der Variante „Filial“ sind die Privaträume dann schon zugunsten von gemeinschaftlichen Flächen reduziert. Im Fall von Typ „Nukleus“ ist außer 35 Quadratmeter Privatsphäre, inklusive Bad, alles undefinierte, volatile Fläche, verhandelbar, je nachdem, wie die Verhältnisse sind und sich die Dinge ändern. Schon jetzt wirkt die Wohnszenarien in dem Haus mindestens quicklebendig, wie bei der gestreamten Preisverleihung in einem Film zu sehen war. Kommune-eins-zwei-Punkt-zwei-mäßig. Aber auch, wenn mal die Kinder aus dem Haus gehen sollten, zwei Indoor-Boule spielen wollen, oder drei Witwer und ihre Enkelkinder sich einen Großraum teilen möchten – was auch immer, ist ein offener Grundriss das richtige Display. „San Riemo“, ein Haus mit Zukunft. Jurorin Angelika Fritz meint sogar, eins „mit vielen Zukünften“. Wir werden sehen. Oder wie es auf der Genossenschafts-Netzseite heißt: „Wenn das Haus gebaut ist, fängt das Wohnprojekt mit der Aneignung durch die Bewohner erst an!“.

Info

  • www.dam-preis.de
  • www.summacumfemmer.com
  • www.av1architekten.de

Der durchlaufende Wintergarten im „San Riemo“.
Der durchlaufende Wintergarten im »San Riemo«.
War unter den besten 100 im Wettbewerb: Kulturhalle in Schaidt von av1 architekten aus Kaiserslautern.
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War im Finale um den DAM-Preis: Berliner Springer-Neubau von Rem Koolhaas.
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Im Finale: Forschungshäuser von Florian Nagler.
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