Mainz RHEINPFALZ Plus Artikel Amanda Marshall im Interview: “Habe keine Bauchtänzerinnen in Käfigen„

Nach fast zwei Jahrzehnten wagt Amanda Marshall ein Comeback.
Nach fast zwei Jahrzehnten wagt Amanda Marshall ein Comeback.

Mit Singles wie „Let it Rain“ prägte Amanda Marshall den Soundtrack der 1990er mit. Dann verschwand sie lange aus dem Rampenlicht. Ihr Comeback führt sie jetzt nach Mainz.

Moden kommen und gehen in der Musik. Was heute out ist, ist morgen wieder angesagt und umgekehrt. Mitte der Neunziger Jahre schlug mal wieder die Stunde der Singer-Songwriterinnen. Schuld daran waren Tori Amos und Alanis Morissette. Sie stießen das Tor für weibliche Musikerinnen auf, die mehr als nur Pop sein wollten. So wie in den 1970ern Joni Mitchell, Carole King, Emmylou Harris oder Carly Simon. In den 1980ern hatten es Singer-Songwriterinnen schwerer. Handgemachte Musik war in der Synthie-Ära gerade nicht en vogue. Obendrein stand in den frühen MTV-Jahren das Visuelle mehr im Vordergrund und nicht unbedingt der Tiefgang. Künstlerinnen wie Suzanne Vega oder Tracy Chapman waren da eher die Ausnahmen. Zu den Musikerinnen, die von der Singer-Songwriterinnen-Renaissance in den 1990ern profitierten, die sie auch mit vorantrieben, gehörte die Kanadierin Amanda Marshall, die 1995 mit „Let It Rain“ und „Birmingham“ große Hits landete. Nach drei Alben verschwand Marshall dann aber Anfang der Nuller Jahre plötzlich von der Bildfläche. Streitigkeiten mit Management und Label bremsten die Künstlerin aus, die erst 2023 mit dem Album „Heavy Lifting“ ihr Comeback feierte. Am 30. Juli kommt die 53-Jährige nun nach Mainz, für ein einziges Deutschland-Konzert. Benjamin Fiege sprach mit ihr über ihr „Verschwinden“, ihr Comeback und Zukunftspläne.

Amanda, wo haben Sie so lange gesteckt?

Eine berechtigte Frage! (lacht) 2001 kam mein Album „Everybody’s Got A Story“ raus. Mit der Platte sind wir rund zwei Jahre lang getourt, waren auch in Deutschland. 2003 hatte ich mich dann entschieden, in meinem Management Änderungen vorzunehmen. Das setzte eine lange, juristische Auseinandersetzung in Gang, die länger dauerte, als ich es befürchtete: zwölf Jahre! Mein Agent hat mir dann irgendwann klargemacht: Du bist zu jung, um in Rente zu gehen. Ab 2017 habe ich dann begonnen, wieder Shows zu spielen, die auch sehr gut liefen. Es gab eine Nachfrage nach meinen Songs. Ich habe dann begonnen, an meinem Comeback-Album zu arbeiten. Songs hatte ich ja ohnehin immer geschrieben, auch wenn ich sie nicht veröffentlichen konnte. Es dauerte nochmal rund drei, vier Jahre, um „Heavy Lifting“ aufzunehmen. Die Platte kam erst 2023 auf den Markt, obwohl sie 2020 fertig war. Aber: Die Pandemie funkte dazwischen, daher mussten wir erst einmal warten, bis wir wieder touren konnten. Jetzt geht das zum Glück wieder, und es ist bislang eine wunderbare Erfahrung für mich. Es macht mir viel Spaß.

Wie haben Sie sich denn in der langen Zeit ohne Musik über Wasser gehalten?

Ich hatte zwar nicht das beste Kreativ-Management, aber immer ein gutes Business-Management. Da hatte ich Glück. Ich hatte genug Geld verdient, um komfortabel leben zu können, auch ohne umschulen zu müssen. Allerdings habe ich jetzt nicht extravagant gelebt, was dazu beigetragen hat, dass ich mit dem Geld ausgekommen bin. Es klingt nach einem Klischee, aber: Des Geldes wegen war ich nie in der Musik. Es war der kreative Aspekt, der mich reizte. Und das Reisen. Die Musik war ein gutes Vehikel, die Welt zu erkunden. Nach Deutschland hat es mich immer besonders stark gezogen, weil mein Großvater hier in der Armee stationiert war.

Nach so einer langen Zeit außerhalb des Rampenlichts: Hatten Sie Sorge, die Fans könnten Sie vergessen?

Ich konnte mir meiner Sache natürlich nicht sicher sein, aber wirklich Sorgen habe ich mir nie gemacht. Ich habe ja zwischendrin immer Feedback bekommen, es sind Leute auf mich zugekommen, die mir gesagt haben, wieviel ihnen meine Musik bedeutet. Ich wusste also, dass es da eine Nachfrage gibt. Mit Ruhm und Prominenz konnte ich eh nie viel anfangen. Ich habe in meinem Leben viel Zeit mit Menschen verbracht, die deutlich bekannter und berühmter sind als ich. Und ich habe auch gesehen, welchen Einfluss das auf ihr Leben hatte. Das wollte ich für mich nie so wirklich. Berühmt zu sein, das macht nur in Dosen, für eine kurze Zeit, Spaß. In gewisser Weise befreite mich da die Zwangspause auch, ich habe irgendwann nicht mehr ständig Aufmerksamkeit auf mich gezogen außerhalb meiner Arbeit. Es hat etwas, in seinem Alltag auch Anonymität genießen zu dürfen.

Hätte es die Zwangspause nicht gegeben, wäre Ihr viertes Album nicht 2023, sondern vielleicht 2004, 2005 erschienen. Wie hätte es dann wohl geklungen? Auf Ihrem dritten wagten Sie ja schon einen Stilwechsel.

Das dritte Album orientierte sich ein bisschen an Akustik-Hip-Hop. In der Zeit hörte ich das gerne. So eine Platte würde ich heute nicht mehr machen, weil ich mich da in eine andere Richtung entwickelt habe. „Heavy Lifting“ ist jetzt ein Album geworden, das die vergangenen 20 Jahre reflektiert. Ich bin jetzt eine andere Person als 2002, 2003. In der Musik waren wir in den frühen Nuller Jahren auch etwas oberflächlicher unterwegs als heute, das war eine seltsame Phase. Es ging damals viel um den Look, es gab Britney Spears, viele Boybands. Das hat abgestrahlt. Auch ich persönlich habe mich in dieser Zeit sehr viel um mein Äußeres gekümmert, war in toller Verfassung (lacht). Heute ist mein Mindset ein anderes, daher wäre es wirklich ein ganz anderes Album geworden.

Es heißt, man hat niemals mehr so viel Zeit für ein Album wie für das Debütalbum. In Ihrem Fall hatten Sie jetzt aber für das vierte ebenfalls eine Menge Zeit. Verleitet das dazu, Ideen immer wieder zu verwerfen?

Ja, ich habe tatsächlich immer wieder von vorne angefangen, weil ich so wahnsinnig viel Zeit hatte. So ist das Endresultat etwas komplett anderes als die Version, die ich im Sinn hatte, als ich das Projekt begann. Das Ganze startete als Folk-Platte, eher ruhig, akustisch geprägt. Am Ende ist diese viel größer angelegte, elektrische Produktion daraus geworden. Tom Waits sagte mal: In jedem Lied stecken zehn unterschiedliche Songs. Am Ende geht es darum, sich für einen davon zu entscheiden. Das passte zum Arbeitsprozess von „Heavy Lifting“. Ansonsten ging mir das eigentliche Schreiben viel leichter und schneller von der Hand. Ich komme jetzt besser auf den Punkt.

War es denn immer klar, dass es ein Comeback-Album werden würde? Viele Künstler veröffentlichen heutzutage ja nur noch Singles.

Ja, für das Comeback sollte es schon ein ganzes Album sein. Man will dem Publikum zeigen, was man zu bieten hat. Ein ganzes Paket an Material sozusagen. Ich weiß aber tatsächlich nicht, ob ich jetzt noch einmal ein komplettes Album machen werde oder nicht in Zukunft auch eher auf das Single-Modell setzen werde. Das erscheint heute einfach sinnvoller, das Musikgeschäft hat sich eben signifikant verändert. Für Künstler meiner Kragenweite ist es heute viel #DIY. Das ist gar nicht mal so schlecht, das macht die Sache irgendwie demokratischer. Man denke nur an Social Media. Da kann man sich kreativ austoben und hat einen direkten Draht zu den Hörern.

Interessant, dass Sie das sagen. Viele Künstler ächzen ja heute unter dem Druck, ständig etwas posten oder veröffentlichen zu müssen. Der Algorithmus will gefüttert werden.


Ja, kann ich nachvollziehen. Ich habe gerade eine Phase, in der ich nicht so viel poste, und dessen bin ich mir auch bewusst. Vor meinem Comeback war ich auf Social Media gar nicht unterwegs, weder habe ich Content gepostet noch konsumiert. In diese Welt wurde ich mit dem Comeback erst hineingesaugt. Ich kann schon verstehen, warum man, gerade als junger Künstler, da immensen Druck verspürt. Wahrscheinlich habe ich das Glück, alt genug zu sein, um ein Leben außerhalb von Social Media zu haben. Ich habe aber auch den Eindruck, dass die Leute heute auch wieder etwas zurückfahren, dass weniger Persönliches gepostet wird.

Sind Sie froh, dass Sie in Ihren Anfangsjahren kein Social Media zur Verfügung hatten?

Ich glaube, viele meiner Zeitgenossen damals sind froh, dass es kein Social Media gab und nicht überall Leute mit Kamera umhergelaufen sind.

Ist es wahr, dass Sie mit 19 einen Plattenvertrag abgelehnt hatten?

Die Geschichte hält sich hartnäckig. Tatsächlich war es so: Mit 17 unterschrieben meine Eltern für mich bei Columbia Records, ich war ja noch minderjährig und durfte nicht selbst unterzeichnen. Den Vertrag hatte ich ein paar Jahre, aber es kam nie eine Platte zustande. Ich wusste einfach noch nicht, was für eine Art Platte ich machen wollte. Das Label hat mir dann viele Vorschläge unterbreitet, mir viele Songs vorgespielt, was aber alles nicht so recht gepasst hatte. Beide Seiten waren mit der Situation nicht so happy, und so versandete das Ganze irgendwann.

War unter den abgelehnten Songs irgendein Hit, von dem Sie heute bereuen, ihn nicht gesungen zu haben?

Nein, da war nichts dabei. Ich bereue nichts! (lacht)

Ein Song, den Sie gesungen haben, der hierzulande auch ein großer Hit wurde, ist „Let it Rain“. Viele Künstler, die so einen großen Hit hatten, haben irgendwann ein zwiespältiges Verhältnis zu eben diesem. Wie ist das bei Ihnen?

Nein, mir macht es nichts aus, die Nummern zu spielen, die die Leute hören wollen. Das hat mich nie gestört. Ich mag den Song gerne. Ironischerweise wäre er fast gar nicht auf dem Album gelandet. 48 Stunden, bevor wir das Album fertiggestellt hatten, kam einer mit der Idee um die Ecke, diesen Song, den ja Kristen Hall geschrieben hat, mit aufzunehmen. Ich habe die Kassette dann mit in mein damals schlecht eingerichtetes Apartment in Burbank genommen, hab mir den Song angehört und war vor allem von dem kraftvollen Refrain angetan. Also haben wir das Lied aufgenommen.

Der Song ging dann mächtig durch die Decke. Elton John hat Sie in einer Talkshow gelobt. Wie sind Sie mit dem plötzlichen Erfolg umgegangen?

Mir ist die Tragweite damals gar nicht so bewusst gewesen, und das war vielleicht auch ganz gut so. Mein Umfeld hat das mehr gespürt und mich immer gefragt: Genießt du es? Aber ich habe das alles nicht so absorbiert, man bewegt sich irgendwie in einer Bubble, auf Autopilot, reist und arbeitet viel, schläft wenig. Meine Mutter zeigt mir manchmal alte Berichte und Fotos, und ich habe gar keine Erinnerungen mehr daran. An die Elton-John-Sache aber natürlich schon, das war so groß, das konnte man nicht ignorieren.

Auf Ihrem ersten Album haben Sie noch wenig Songs selbst geschrieben, auf dem zweiten waren es dann schon mehr, auch in Zusammenarbeit mit Eric Bazilian von den Hooters. Woher kam das neue Selbstvertrauen?

Bei der Arbeit zum ersten Album fühlte ich mich tatsächlich noch nicht gut genug. Aber zwei Songs, die ich dafür schrieb oder mitschrieb, „Dark Horse“ und „Sitting On Top of the World“, wurden damals zu Hits. Das gab mir das nötige Selbstvertrauen und auch die Kraft, für das zweite Album mehr zu schreiben. Mit Eric habe ich mich unheimlich gut verstanden, ich habe sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet.

Mit vier Alben im Portfolio: Was können die Fans denn von Ihrer Show in Mainz erwarten?

Es ist die einzige Show, die wir in Deutschland spielen. Einfach um zu zeigen: Wir sind wieder da. Wenn es gut läuft und die Nachfrage entsprechend ist, würden wir gerne im Herbst oder Anfang 2027 wiederkommen. Ich habe auf jeden Fall viel Lust, die Band, die ich am Start habe, ist nicht nur groß, sondern auch fantastisch. Wir werden nichts zurückhalten. Es muss auch keiner Angst haben, dass ich die großen Hits umarrangiere (lacht). Neben den Klassikern wird es natürlich auch Songs aus „Heavy Lifting“ geben.

Haben Sie Rituale, bevor Sie auf die Bühne gehen?

Nicht wirklich, ich bin da sehr einfach. Die Leute sind immer enttäuscht, wenn sie meine Garderobe sehen. Da gibt’s keine Bauchtänzerinnen in Käfigen oder so (lacht). Ich trinke nicht, ich rauche nicht, Gesundheit hat bei mir eine hohe Priorität. Ich trinke viel Tee, ruhe mich aus, dusche lange und warm, mit viel Dampf, bevor es losgeht, um meine Lunge aufzuwärmen. Ab und an drehen wir auch die Musik auf und haben eine Tanzparty.

Info

Amanda Marshall: »Heavy Lifting European Showcase«, Do 30.7., 20 Uhr, Frankfurter Hof, Mainz, Tickets: www.eventim.de

Das Konzert in Mainz wird für Amanda Marshall auch eine Art Testballon.
Das Konzert in Mainz wird für Amanda Marshall auch eine Art Testballon.
„Zu jung für die Rente“: Amanda Marshall.
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