Lothringen RHEINPFALZ Plus Artikel Saint-Louis-lès-Bitche: Verstörendes zwischen edlem Kristallglas

Es ist angerichtet, aber die Speisen wollen nicht in den Schüsseln bleiben
Es ist angerichtet, aber die Speisen wollen nicht in den Schüsseln bleiben

Es ist eine der eindrücklichsten Ausstellungen, die bisher im Museum „La Grande Place“ zu sehen war. Gretel Weyer zeigt dort einen verträumt-surrealen Märchenparcours.

Das Hausmuseum der Kristallerie verwandelt sich regelmäßig in einen Ort für zeitgenössische Kunst. Mal verkopft, mal sehr emotional. Dieses Mal hat die Stiftung des Hermès-Konzerns als Betreiberin eine Künstlerin ausgewählt, die ganz massiv das Unbewusste im Besucher anspricht. Wer die sich über mehrere Etagen erstreckende Sammlung der Kristallerie mit Gläsern, Vasen und Lüstern aus mehr als 250 Jahren Firmengeschichte passiert, kommt ganz oben in eine märchenhafte Welt, in der Fische im Teppich schwimmen, Eimer voller Frösche überquellen, schwarze Blumen sprießen und Frauen gläserne Blasen aus dem Mund entweichen.

Die heute in Straßburg lebende Künstlerin Gretel Weyer ist für ihre surrealen Keramikobjekte bekannt. Für die Ausstellung der Fondation d’entreprise Hermès hat sie die gläsernen Schaukästen zu Dioramen umfunktioniert und wie in einem Drehbuch eine Geschichte gesponnen, die in ihrer Vieldeutigkeit den Besucher mitreißt.

Zuerst wird der Besucher mit einem kleinen Schaukasten darauf eingestimmt, dass im Folgenden nicht alles mit den normalerweise rechten Dingen zugehen wird. Rehbeine aus Keramik geformt stehen in dem Kasten und werden damit wie Reliquien dargebracht.

Über zehn Quadratmeter erstreckt sich in der Folge eine Wiese voller Strandflieder und Moosboden. Die Pflanzen sind echt und müssen jeden Tag schön feucht gehalten werden. Zwischen den Halmen hat die Künstlerin die ersten Objekte versteckt. Eine Urne voller Weinbergschnecken oder auch die Schmetterlingsurne, die wie ein Füllhorn einen Schwarm blauer Schmetterlinge freigibt. Dazwischen halb verdeckt: ein Schuh, auch aus Keramik.

Mit den Schmetterlingen fliegt der Blick des Betrachters in das Innere des imaginierten Hauses. Es folgt das Vestibül, wo die Gäste ihre Federn und Pfoten liegen lassen, um weiter in das Wohnzimmer zu ziehen. Hier hat Jagdgöttin Diana ihre Maske vergessen. Es scheint wie ein normales bürgerliches Wohnzimmer zu wirken. Objekte wie eine Stehlampe tauchen auf, die bekannt sind, aber von der Künstlerin mit kleinen Keramikobjekten versehen in Surreales verwandelt werden, das vielleicht sogar lebt. Ein Teppich auf dem Boden, wie er zigtausendfach verkauft wurde, dient als Wasser für Fische, die zwischen den Teppichfäden auftauchen.

Die Szenografie strebt auf das Festmahl zu. Im Diorama „Die Gäste“ wird zu Tisch gebeten. Was üblicherweise auf dem Teller liegt, sitzt hier auf Stühlen oder hängt als Maske über der Lehne. In den Schüsseln spielen sich kleine Szenen aus Keramikobjekten ab. Eine Stuhllehne mit Fell offenbart auf den zweiten Blick unzählige Augen, die den Betrachter ansehen. „Wen oder was essen wir und warum?“, fragt hier die Künstlerin und lässt offen, ob die Natur uns bedingungslos ernähren will. Die Tierwelt ist hier nicht mehr williger Fleischlieferant, sondern aufgewühlter Lebensraum, der den Betrachter beunruhigt.

Praktischerweise konnte Weyer aus dem Fundus des Museums noch ein paar edelste Kristallgläser für die Installation verwenden. Die Natur bricht an allen Stellen in das Häusliche ein. Unbehagen macht sich breit, aber gleichzeitig Faszination für die unbekannte Welt, die uns umgibt. Gretel Weyers Kunst spricht das Unbewusste sehr geschickt an, ohne zu verstören. Die Künstlerin verzaubert und irritiert gleichermaßen.

Seit Ende Oktober habe sie an der Ausstellung gearbeitet, erzählt Weyer. Mehrere Arbeiten waren bereits zuvor in Ausstellungen wie in der Straßburger Galerie Sandra Blum im August vergangenen Jahres zu sehen. Andere wurden speziell für die Ausstellung der Hermès-Stiftung geschaffen. Die Schaukästen haben sich dabei als ideal für die Inszenierung der Dioramen erwiesen.

Die Ausstellung

La Grande Place – Musée du cristal in St. Louis-lès-Bitche, bis 28. September geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 13 Uhr sowie 14 bis 18 Uhr.

Ein Teppich wird zum Gewässer, aus dem dutzende Fische aus Keramik auftauchen
Ein Teppich wird zum Gewässer, aus dem dutzende Fische aus Keramik auftauchen
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