Buch aktuell RHEINPFALZ Plus Artikel Safia Al Bagdadis Roman „Unser Haus mit Rutsche“

Ein Detail aus dem Cover des Romans.
Ein Detail aus dem Cover des Romans.

Safia Al Bagdadi und ihr Familienroman „Unser Haus mit Rutsche“ erzählt eine Geschichte vor dem Hintergrund des Zweiten Golfkriegs.

Erinnern Sie sich noch an den ersten Krieg, den man live im TV mitverfolgen konnte? „Alle waren wir von einem Fieber befallen, einer wilden Mischung aus Angst und Sensationsgier“, schreibt Safia Al Bagdadi in ihrem Familienroman „Unser Haus mit Rutsche“. Die Rede ist natürlich vom Zweiten Golfkrieg, der damit begann, dass Saddam Hussein in das benachbarte Kuwait einmarschierte. Wirtschaftssanktionen und ein Krieg, bei dem Hunderttausende starben, waren die Folge.Für Layla und Nouri, Kinder einer Französin aus reichem Hause und eines Irakers, der von seiner Familie zum Geldverdienen nach Europa geschickt wurde, bedeutet es aber noch etwas ganz anderes: Die Erosion ihrer einst glücklichen Familie, die in Saarbrücken lebte.

Layla erzählt aus der Perspektive des Kindes, das sie einmal war und welches heute untrennbar mit der identitätsgestörten Schriftstellerin, die in Paris lebt, verschmolzen ist. Ihr Erwachsenen-Ich beschwört das Bild ihrer Familie herauf, die damals - trotz aller Kultur- und Klassenunterschiede - nicht nur funktionierte, sondern auch etwas ganz Besonderes war. Selten hat man die Gelegenheit, einen Einblick in eine solche Familie zu bekommen.

Schmerzhafter Erkenntnisprozess

Laylas märchenhaft anmutende, von leisem Humor durchzogenen Kindheitserinnerungen, sowie ihr schmerzhafter Erkenntnisprozess als Erwachsene, was eigentlich alles schief lief, macht die große Faszination dieses Romans aus. Es ist eine hohe Kunst so mitreißend aus der Sicht eines Kindes zu erzählen, dass der Leser bei der Lektüre selbst wieder die Welt mit dessen unschuldigen Augen zu sehen vermag.

Laylas Vater, den sie Babe nennt – arabisch für Vater – ist ein liebevoller Mensch, stets bereit, mit seinen Kindern zu spielen oder seine zurückhaltende Frau zu necken. Er hat viele Freunde, steckt stets voller Geschäftsideen, die jedoch immer wieder scheitern, und so wird auch aus dem titelgebenden Haus mit Rutsche in Bagdad, das er den Kindern verspricht, am Ende nichts.

Ein Akt der Rebellion

Ihre auffallend schöne Maman kommt aus dem Großbürgertum, ihre Heirat mit einem Mann aus Bagdad, war auch ein Akt der Rebellion gegen ihre snobistische Mutter, wie Al Bagdadi meisterhaft zwischen den Zeilen zu erzählen weiß.

Die biestige Oma Lyne wird im Gegenzug nicht müde bei den seltenen Familientreffen, ihren Ehemann abschätzig zu behandeln oder ihm als vermeintlichen Muslimen mit Absicht Schweinefleisch unterzujubeln. Das stört ihn jedoch gar nicht, denn anfangs ist er noch Atheist. Obwohl Laylas Maman ihre Herkunft nicht wirklich abzustreifen vermag, funktioniert ihre Ehe, bilden die beiden das „glamouröseste Liebespaar Saarbrückens“.

In den Neunzigerjahren, nicht lange nach dem Fall der Berliner Mauer, als noch „alle Omas aller Länder besucht werden konnten und mit einem Mal selbst der Weltfrieden gar nicht mehr utopisch erschien“, reist die Laylas Familie nach Bagdad, um Babes Familie kennenzulernen. Saddam Hussein ist noch der vom Westen geduldete Präsident des Irak. Auf ihrer ersten Taxifahrt, begegnet ihnen „alle fünf Kilometer ein Plakat“ des Diktators, Soldaten säumen die Wege. Sie sehen den Tigris, in dem ihr Vater schwimmen gelernt hat, und lernen ihre riesige Familie kennen. Man passt auf, dass der Nachbar nicht mitbekommt, wenn man Alkohol trinkt, besucht gemeinsam Moscheen und lernt die Gepflogenheiten dort kennen.

Vom ersten Feilschen der Kinder auf dem Basar bis zu ihrem Moonwalk durch die Ausgrabungsstätte von Nimrud: Diese Irakreise ist besonders faszinierend zu lesen. Bei dem Familienabenteuer verliert selbst die distanzierte Mutter einmal im Freizeitpark ihre Zurückhaltung. Durch Laylas staunende Augen entdecken wir eine Welt, die uns fremd scheint und uns doch sofort in ihren Bann zieht.

Ende einer sympathischen Familie

Doch dann marschiert Hussein in Kuwait ein, Babes Geschäfte kommen vollständig zum Erliegen, die Familie gerät in immer größere, finanzielle Bedrängnis. Während die Mutter jeden Job annimmt, der sich ihr bietet, sitzt Babe den ganzen Tag vor dem Fernseher, verzweifelt darüber seiner Familie nicht helfen zu können, wie es seine Pflicht gewesen wäre. In seiner seelischen Not wendet er sich eines Tages dem Koran zu. Die Kinder erleben nun einen fanatisch religiösen Vater, der nichts mehr von Wurst und Wein wissen will und den Minirock seiner attraktiven Frau auf einmal anstößig findet. Noch auf ihrer Irakreise hatte er den gläubigen Muslim nur gemimt, „wie er sonst den keulenschwingenden Zyklopen, den erblindeten Forscher oder den einarmigen Piraten zum Besten gab.“

All diese Entwicklungen deutet die Autorin immer wieder im voraus an, als wolle sie den Leser vor der tiefen Verzweiflung schützen, mit der sie nun selbst durchs Leben geht. Dennoch bedauert man das Ende dieser sympathischen Familie, die so viele Hürden in ihrem Leben gemeistert hat, aber am Irakkrieg und dessen Folgen letztlich scheitert. „Kein Blut für Öl“ lautete damals das Motto der Antikriegsproteste, doch Safia Al Bagdadi beschreibt meisterhaft, wie stattdessen die Bande einer Familie zu bluten begannen, bis sie schließlich zerrissen.

Lesezeichen

Safia Al Bagdadi: „Unser Haus mit Rutsche“, 320 Seiten, 24 Euro, Hanser.

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