Neustadt
Roter Teppich bis Mexiko-Stadt: Das Fotografie-Projekt „Gute Aussichten“
Geht’s besser? Vom Haardter Schloss, der Villa des BASF-Mitgründers August Ritter von Clemm, ufert der Blick, wow, über die Rheinebene aus. Kongeniale Adresse. „Gute Aussichten“ heißt das – wie soll man es nennen? – internationale Renommierprojekt, die große Sache von Josefine Raab und Stefan Becht im Dienst der Nachwuchsförderung junger deutscher Fotografie, die hier ihren Hauptsitz hat.
Parkett, Leuchter an der Decke, Platz zum Tanzen. Worauf die beiden Wert legen: die feine Residenz ist gemietet. „Espresso?“, Kataloge stapeln sich auf dem Knoll-Tisch von Saarinen. Raab, in Seeheim-Jugenheim geboren, ist Kunsthistorikerin, Übersetzerin – und in einem früheren Leben Flugbegleiterin gewesen. Der Journalist und Kommunikationsexperte Becht, Jahrgang 1961, stammt aus Maikammer und hat eine Steinmetzlehre absolviert, bevor er unter anderem zu einem der ersten Durchblicker des Internets avancierte. Dass sie sich immer wieder neu zu erfinden scheinen, verbindet die beiden. Sie haben sich in Wiesbaden kennengelernt, Raab war damals im Vorstand des Kunstvereins aktiv, er in einem Hinterhof in seinem Kommunikationsbüro im Gange. Sie ticken gleich – professionell. Josefine Raab ist mit dem Jockgrimer Künstler und Bielefelder Professor Emanuel Raab verheiratet. An den Wänden in Neustadt Fotografien – was sonst.
Traumlos in Georgien
Analoge Bilder, KI-Fotografie, Fotos aus der Lochkamera, leicht sich bewegende Aufnahmen, die auf dem Rechner laufen. Das ganze Programm. Alles Serien. 158 Werke. Die Editionen von Abschlussarbeiten der Preisträgerinnen und Preisträger des vielbewunderten „Gute Aussichten“-Wettbewerbs für Hochschulabsolventen, den Becht und Raab ins Leben gerufen haben, sie ziehen sich vom Flur bis in den Salon. Dort hängt der jüngste Jahrgang: 2023/24. Leo Greubs Recherche über junge Leute aus Georgien zum Beispiel, Künstlerinnen, Tätowierer, Transpersonen, die sich vor Repressionen fürchten, statt zu träumen. „No Georgian Dreams“ aus dem vergangenen Jahr ist gerade hochaktuell. Derweil ist im Flur etwa das fast hyperrealistische Porträt einer in sich ruhenden Klosternovizin von der in Berlin lebenden Monika Czosnowska ausgestellt. Der Jahrgang 2004/05, den Raab und Becht noch immer in- und auswendig kennen.
Zwei Leute, eine Idee
Eine junge Frau kommt auf Nadine Fraczkowskis roughen Aufnahme gerade aus der Hocke. Die Fotografin hat jetzt für die „Zeit“ die Künstlerin Anne Imhoff fotografiert, deren Karriere seit ihrem Venedig-Auftritt steil geht. Aber auch für Raab, Becht und „Gute Aussichten“ läuft es gerade richtig gut.
„Wir waren zwei private Leute und hatten eine gute Idee“, beschreibt Josefine Raab die Anfänge ihrer ursprünglich in Wiesbaden aus dem Nichts ins Offene gestarteten Initiative, mit der sie alles „auf den Kopf stellen“ wollten. Die Fotografie-Talente im Moment ihrer größten Freiheit entdecken und fördern, im Vorfeld ökonomischer Zwänge. Inzwischen gibt es ihren Nachwuchswettbewerb, der seinen Hauptsitz jetzt auch schon lange in Neustadt hat, im 20. Jahr. Sein Clou, es gibt kein Preisgeld, dafür bewirtschaften Raab und Becht die Aufmerksamkeitsökonomie. „Wir rollen“, sagt Becht, unbekannten Talenten, „den roten Teppich aus“.
Über 170, oft mit dem Goethe-Institut und anderen Hochkarat-Institutionen realisierte und einem Katalog begleitete „Gute Aussichten“-Preisträger-Ausstellungen in 50 Ländern sind unter der Ägide des Zwei-Mensch-Teams über die Museumsbühnen gegangen – in Städten wie Algier, Hanoi, Los Angeles, Mailand, Monterrey, Nicosia, Odessa, Rabat, Tallinn, Timisoara, Sibiu oder Washington DC. Die Überblicksschau mit Arbeiten aus 20 Jahren dagegen hat heute Nachmittag erst einmal im Haardter Bellevue-Schloss Heimspiel und Vernissage, bevor sie wie jeder Jahrgang die Grand Tour antritt. Durch Häuser wie das NRW-Forum in Düsseldorf, die Münchner Villa Stuck, den Berliner Gropius, in die sich „Gute Aussichten“ schon eingeschrieben hat. Oder die Deichtorhallen, wo die Erfolgsgeschichte anfing.
Außerdem ist gestern Abend in der Städtischen Galerie Karlsruhe die Foto-Schau aus der Reihe „gute aussichten FOKUS“ mit Gemeinschaftswerken mexikanischer und deutscher Fotografinnen und Fotografen eröffnet worden. Acht Monate dauerte die Zusammenarbeit. Die Ergebnisse, etwa ein HD-Video und 14 C-Prints von Rodrigo Jardon Galeana und Holger Jenss, die sich aus der frischen Erfahrung heraus mit dem Vater werden beschäftigt haben, wurde zuerst im Centro de la Imagen in Mexiko City ausgestellt. „Noch ein Wasser?“.
Wenn Josefine Raab davon erzählt, wie sie allein bei der internationalen Kooperation für die Flugtickets der deutschen Fotografinnen und Fotografen nach Mexiko auf „Betteltour“ gehen musste, hat das Ganze eher den Glamour Enthusiasmus-basierter Schweiß- und Fleißarbeit. Zumal für sie selbst bei all dem Aufwand für die „Gute Aussichten“-Aktivität im besten Fall eine „hellrote Null“ herausspringt, wie Stefan Becht sagt. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, der Karl-Valentin-Spruch prangt prominent in einer ihrer Broschüren. „Wir leben nicht davon“ sagen sie, die sich durch eigene andere Projekte und ihre quasi ehrenamtliche Arbeit im Wesentlichen dadurch finanzieren, dass sie den beteiligten Ausstellungshäusern ihre Wettbewerbsschauen als Gesamtpaket anbieten – die gute, alte Win-Win-Situation.
Groß denken, klein anfangen
Manchmal, meint Raab, bevor sie Wasser nachschenkt, sei es wie beim Mexiko-Projekt auch schon mal ein „Abenteuerritt“. „Groß denken, klein anfangen“, das war allerdings bereits zu Beginn ihre handlungsleitende Maxime. Damals wurden die Teilnehmer noch von den Hochschulen vorgeschlagen. Jetzt müssen sich selbst bewerben. Aber schon für die Premiere wurde der Fotografie-Star Andreas Gursky als Juror anfragt. Der Kontakt kam über den Art-Direktor der wichtigen, nerdigen Musikzeitschrift „Spex“, der Szene, die sie kannten. Und Gursky sagte auch noch zu. Der Coup wurde im Wiesbadener Schlachthof gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Inzwischen ist die auf der „Gute Aussichten“-Homepage nachlesbare Juryliste, auf der Namen wie Thomas Demand, Elgar Esser, Jürgen Klauke, Herlinde Koelbl, Thomas Ruff, Thomas Struth, Jürgen Teller oder der des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl („Paradies Liebe“) stehen, ein Who is Who.
„Wir hatten viel Anfängerglück“, sagt Josefine Raab und meint, dass sie von Anfang an den neuen Foto-Kurator der Hamburger Deichtorhallen, Ingo Taubhorn, für sich hätten gewinnen konnten. Ein Haus, in dem sonst die Größen aus der Sammlung Gundlach ausstellen, statt Studierende am Ende ihrer Ausbildung. „In Hamburg bekommt man immer eine Chance“, flicht Becht bei und erzählt, dass die allererste „Gute Aussichten“-Schau in zehn Tagen so viel Besuchende anzog, wie andere Ausstellungen in mehreren Wochen – Jackpot. Die „Deluxe“ betitelte Bilanzschau der Jahre 2004 bis 2015 dort hatten zum Schluss rund 50.000 Leute gesehen. Und immer weiter so.
Mittlerweile vergibt die gegründete gemeinnützige „Gute Aussichten“-Gesellschaft mit beschränkter Haftung auch Projekt- und Arbeitsstipendien. Es gibt Workshops, im Neustadter „Headquarter“ werden „Heimspiele“ abgehalten, bei denen meist zwei Preisträgerarbeiten ausgestellte werden. Dazu gibt es das Format „New Positions“, Kuratoren suchen sich was aus aus dem Gewinner-Portfolio, um es in ihren Institutionen zu zeigen. „Noch Fragen?“ Wir reden schon seit Stunden. Wie’s weitergeht? Josefine Raab schaut versonnen. Ein Blick aus dem Fenster ist Antwort genug.
Die Ausstellungen
„Heimspiel 14“, bis 29. September, Vernissage, Samstag, 18. Mai, 15 Uhr. Einführung: Josefine Raab. Musik Steve Luxembourg. www.guteaussichten.org
„gute aussichten FOKUS Mexiko-Deutschland. Die Kunst der Fotografie im interkulturellen Dialog“, bis 3. November in der Städtischen Galerie in Karlsruhe.