Kultur Roman „Ein Mann der Tat“: Sorgen, Ängste, Selbstzweifel
Buch aktuell: In Richard Russos überzeugendem neuen Werk geben die Männer kein gutes Bild ab
Richard Russo ist in unseren Gefilden immer noch ein Geheimtipp. Der 67-jährige Autor steht im Schatten von Autoren wie Stewart O’Nan oder Richard Ford. Das sollte sich nun aber schleunigst ändern: Auch mit seinem neuesten Roman „Ein Mann der Tat“ vermag der US-Amerikaner vollends zu überzeugen. Für „Diese gottverdammten Träume“ erhielt er bereits 2002 den Pulitzer Preis. Der neue Roman ist keinen Deut schlechter. Eine Schlüsselpassage lautet: „Ich weiß nicht“, sagte Carl grübelnd. „Wozu sind wir Männer denn eigentlich noch gut?“ Darüber macht sich der Bauunternehmer Roebuck Gedanken, und zwar im Gespräch mit seinem Mitarbeiter und Freund Donald Sullivan, Sully genannt. Ja, wozu sind die Männer in der fiktiven Kleinstadt North Bath im Osten der USA, an der Grenze zu Kanada, eigentlich noch gut? Die Männer in diesem schwergewichtigen Roman kommen zuweilen als Leichtgewichte daher. Sie haben, wie der Polizeichef Douglas Raymer, enorme Selbstzweifel. Seine Frau Becka ist tödlich verunglückt, als sie eine Treppe herunterfiel – just an dem Tag, an dem sie mit ihrem Liebhaber durchbrennen wollte. Raymer kommt damit nicht klar. Die Männer stottern, wie der arme Rub Squeers. Sie schauen Fernsehen mit freiem Oberkörper und stapeln das Geschirr in der Spüle. Ihr liebster Platz ist am Tresen. Sie haben finanzielle und gesundheitliche Sorgen wie Carl Roebuck. Auch Sully geht es nicht gut. Sie haben akute Angstzustände, wie der Polizist Jerome, dessen resolute Zwillingsschwester Charice die rechte Hand des Polizeichefs ist. Und die Männer haben den Eindruck, dass alles, was sie tun, dann doch nicht genug ist – wie Bürgermeister Gus Moynihan, dessen Frau Alice schwer depressiv ist. Aha. So gesehen könnte die Frage auch lauten: Geht es den Frauen eigentlich besser in North Bath? Ganz sicher nicht. Sie sind auf dem Kriegspfad. Bootsie dagegen träumt nur davon, dass ihr Mann Rub sie einmal zum Essen ausführt. Sie machen Fehler. Sie lassen sich doch noch einmal auf ein Techtelmechtel mit dem Ex ein, obwohl dieser gewalttätig ist. North Bath hat schon bessere Tage gesehen, der Bau eines Vergnügungspark kam nicht zustande, und in der Zwillingsstadt Schuyler Springs ist sowieso alles besser. Dort sind die schicken Restaurants. Der Zustand North Baths korrespondiert mit dem Zustand seiner Bewohner. Sie sind auf dem absteigenden Ast. Gerade die Männer kommen sich vor wie in einem „Low-Budget-Film“. Der Autor Richard Russo muss schmunzeln in diesen Tagen, denn durch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten sind diese Herrschaften plötzlich verstärkt in den Fokus geraten. Politologen, Soziologen und Psychologen sind aufgeschreckt und versuchen zu ergründen, wie der US-amerikanische Mann fernab der Metropolen tickt. Der in Maine lebende Russo weiß das schon seit Jahren. Und deshalb wundert er sich ja über diese neue Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird. Die Geschichte in „Ein Mann der Tat“– im Original heißt das Buch „Everybody’s Fool“ und das trifft es viel besser – beginnt am Memorial-Day-Wochenende Ende Mai, sie startet mit der Beerdigung von Richter Barton Flatt. Es läuft einiges schief an dem Tag. Polizeichef Raymer fällt erschöpft in das noch offene Grab, die Mauer eines baufälligen Fabrikgebäudes stürzt ein, plumpst auf den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Roy Purdy – und dann entwischt auch noch eine extrem giftige Schlange. Raymer hat bei seiner verunglückten Ehefrau einen Garagendrücker gefunden, er ist fortan getrieben, eben mit dieser Fernbedienung Beckas Liebhaber ausfindig zu machen. Er will alle Garagentore der Stadt abklappern. Spät, sehr spät findet er ihn ganz zufällig. Bis dahin haben wir allerhand erfahren über die Bewohner von North Bath, ihre Beziehungen, ihre Lebensgeschichte, ihre Wünsche und Hoffnungen. Vor allem haben wir auch erfahren, wie es um die Familien steht, denn der Autor blickt auch auf die Vergangenheit seiner Figuren – wie sie wurden, was sie sind. Die kleinteilige Welt, das ist der Kosmos von Richard Russo, der seine Figuren, all die traurigen, kauzigen und auch bösen, wieder vorzüglich zeichnet. Eine Prise Humor ist auch dabei. Der Roman ist vielstimmig und vielschichtig, die Dialoge sind authentisch, ganz nah am Mann. Und am Ende wird für den einen oder anderen dann doch noch fast alles gut in dem fast 700 Seiten starken Roman, der keine Längen hat. Vor allem für den Polizeichef in der Krise. Und die Bösewichte sind dann auch kalt gestellt. Lesezeichen Richard Russo: „Ein Mann der Tat“; Roman, aus dem Englischen von Monika Köpfer; Dumont; 688 Seiten; 26 Euro.