Kultur Richards zweite Rheinreise

Abgüsse der Grabplatten von Richard und seiner Mutter Eleonore in der Abtei Fontevraud.
Abgüsse der Grabplatten von Richard und seiner Mutter Eleonore in der Abtei Fontevraud.

Ausgerechnet Speyer!? Wer sich darüber wundert, ist bereits mitten drin im Dickicht mittelalterlicher Geschichte, in das im Historischen Museum der Pfalz jetzt Breschen geschlagen werden. Die gestern eröffnete Landesausstellung „Richard Löwenherz. König – Ritter – Gefangener“ stellt historische Bezüge her, klärt auf – und lässt bei aller Faktenfülle doch Raum zum ganz großen Staunen.

In die Reihe der Staatsgäste auf der in einer anderen Schau so genannten „Weltbühne Speyer“ hätte er, wäre er im 20. Jahrhundert angereist, sicher Aufnahme gefunden. Aber Richard I. Plantagenêt (1157-1199) kam im 12. Jahrhundert, und auch nicht freiwillig, sondern als Gefangener des Stauferkaisers Heinrich VI. und dessen österreichischem Verbündeten, Herzog Leopold V. In Speyer fand am 22. März 1193 ein Hoftag statt, bei dem Richard von seinen ehemaligen Mit-Kreuzfahrern eine Art Schauprozess gemacht wurde. Mit Vorwürfen, die durchaus ihre Berechtigung hatten. Überzeugend soll Richards Verteidigungsrede ausgefallen sein. Genutzt hat es ihm wenig, man ließ ihn nicht zurück in sein von Schottland bis an die Pyrenäen reichendes Land, sondern brachte ihn auf die Reichsburg Trifels und verlangte – nun ja – einen finanziellen Ausgleich für die ihm zur Last gelegten Untaten. Jetzt ist Richard, der schon zu Lebzeiten den Beinamen Löwenherz trug, also zurück in Speyer, wo das Historische Museum der Pfalz als erstes Museum in Europa überhaupt eine umfassende Ausstellung über eine der faszinierendsten Gestalten des Mittelalters zeigt. Die Begründung liegt auf der Hand: Es hat sich bislang noch niemand daran gewagt – in einem Europa, das trotz Union im Grunde immer noch im vergleichsweise einfachen Nationalstaatsdenken des 19. Jahrhundert verhaftet ist. Das funktioniert nicht bei Richard, dem englischen König, dessen Herrschaftsgebiet zu zwei Dritteln auf dem Kontinent lag und dessen Ahnherr Wilhelm erst 1066 die Angelsachsen besiegt hatte. Richard, der englische Franzose mit der aquitanischen Mutter, dessen Herz in Rouen und an der Seine und dessen Gebeine in Fontevraud an der Loire ruhen. An der Themse steht ein Reiterstandbild – in Speyer jetzt, als eine von zwei Leihgaben von Her Majesty Queen Elizabeth II., als verkleinerte Kopie, die Queen Victoria beim Bildhauer Carlo Marochetti zum Geburtstag ihres Gatten Albert in Auftrag gegeben hat. Richards Schwester Mathilda heiratete Heinrich den Löwen, Welfe und Konkurrent der Staufer; Richard verbündete sich zunächst mit dem Kapetinger Philippe Auguste, seinem Lehnsherrn, gegen den eigenen Vater – um ihn später erbittert zu bekämpfen; Richard nahm am Dritten Kreuzzug teil und kämpfte dort gegen einen anderen mythenumwobenen Herrscher: Sultan Saladin. Eine Gestalt wie Richard, dessen Großmutter Mathilda, die Witwe des letzten Salierkaisers Heinrich V. war, der seit 1125 im Speyerer Dom ruht, kann niemand ganz für sich vereinnahmen. Auch das wohl ein Grund für die Mythenbildung. Mythos ist einfach, ihn zu zerstören auch. Ihn zu erklären eine Herausforderung. In Speyer hat man diese angenommen. Aus ganz Europa haben Leihgeber Anfragen positiv beantwortet. Objekte von ungeheurem Wert sind jetzt hier versammelt, in einer Region, in der der König Englands ein Jahr, sechs Wochen, 3 Tage zugebracht hat. Mehr Lebenszeit als in England. „Deshalb will ich euch jetzt von einem König erzählen, der tapfer und tatkräftig war: Von Richard Löwenherz, dem besten aller Krieger ...“ Mit diesem Zitat aus dem mittelenglischen Versroman „Richard Coer de Lyon“ beginnt die Ausstellung – zwischen den Richard-Projektionen des großen Reiterstandbilds vor den Houses of Parliament und der Königsgalerie der Kathedrale von York. Groß, blond, blauäugig oder eher wie Sean Connery oder Chandler Maness? Wie hat er ausgesehen. Aber schon im ersten Raum verlässt die Ausstellung den Bereich der Spekulationen: Zwischen kostbarsten Handschriften und erklärenden Wandtexten werden erst einmal dynastische Knoten gelöst. Und dabei machen die Speyrer Ausstellungsmacher wieder einmal vor, wie man bei der Vermittlung komplexer Sachverhalte auch allerneueste Medien einsetzt. Richards Kreuzzugsrouten etwa lassen sich sowohl auf einem mittelalterlichen Itinerar verfolgen als auch auf Bildschirmen aus der Vogelperspektive: Inkunabel trifft Google Earth – und dabei versendet der König auch noch Kreuzzugs-Ticker von seinen jeweiligen Aufenthaltsorten ins Heute: „Bin gespannt auf meine Braut Bengara. Mutter begleitet sie nach Sizilien“, lesen wir da – „von meinem Pferd gesendet“. Bei so viel Mythos oder Pathos tut ein kleines Augenzwinkern gut. Das hält ja nicht ab vom Bewundern der Objekte – etwa der steinernen Zeugen der verschwundenen Kaiserpfalz von Hagenau im Elsass, dem kostbar glänzenden Welfenkreuz aus Hildesheim oder – klein und unscheinbar – dem Bleikästchen, in dem in der Kathedrale von Rouen das einbalsamierte Herz beigesetzt wurde. Das musste dort bleiben, wie es der König verfügt hat; das Behältnis durfte reisen. Ebenso wie eines der wenigen erhaltenen Exemplare der Magna Carta, 1217 ausgefertigt, die von den englischen Baronen Richards Bruder und Nachfolger Johann abgerungene Zusicherung von Freiheiten, die bis heute Grundlage der britischen Parlamentsarbeit ist. Denn die Ausstellung endet nicht mit Richards Tod, sondern zeigt das Europa, das er hinterließ, mit neuen Machtverhältnissen, neuen Reichen, neuen Kriegen ... Die Ausstellung „Richard Löwenherz. König – Ritter – Gefangener“, 17. September bis 15. April 2018, dienstags bis sonntags 10-18 Uhr; umfangreiches Begleitprogramm; Katalog (Schnell+Steiner), 416 Seiten, im Museum 24,90 Euro; www.loewenherz,ausstellung.de

Richards Gefangenschaft, Heimkehr und Tod auf einem Blatt der Effigies ad Regem Angliae 1280-100.
Richards Gefangenschaft, Heimkehr und Tod auf einem Blatt der Effigies ad Regem Angliae 1280-100.
Wappenstein aus Bordeaux mit den drei englischen Leoparden.
Wappenstein aus Bordeaux mit den drei englischen Leoparden.
Das Bleikästchen für Richards Herz aus Rouen.
Das Bleikästchen für Richards Herz aus Rouen.
Waffenkunde-Traktat aus der Bibliothek Saladins.
Waffenkunde-Traktat aus der Bibliothek Saladins.
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