Erzählung RHEINPFALZ Plus Artikel RHEINPFALZ-Sommererzählreihe „Jetzt“ (13): „Hiawatha“ von Marcus Braun

„Hinter Hiawatha brach ein weißer Hirsch durchs Gebüsch.“
»Hinter Hiawatha brach ein weißer Hirsch durchs Gebüsch.«

Immer, wenn es Sommer wird, beginnen wir mit dem Erzählen. Seit 1995 geht das so. Die Reihe, ein Klassiker. Es schreiben Schriftsteller/innen und Journalist/innen. Heute: Marcus Braun aus Bullay an der Mosel.

seventeen seconds

a measure of life

(Robert Smith)

*

Das Wasser des Hudson war braun. Die Ausläufer eines namenlosen Hurrikans hatten den Landstrich gestreift. Es regnete seit Tagen.

Hiawatha durchquerte, einem alten Brauch gemäß, die Wälder auf dem Weg zur Küste. Seine Kleider waren durchnässt, und er war hungrig; er durfte weder Feuer machen noch Nahrung zu sich nehmen. Er kaute auf Eicheln, spuckte sie nach einer Weile wieder aus.

Ab und an schaute ein Murmeltier aus einem Erdloch – die Mischung aus Heimlichtuerei und Neugier empfand Hiawatha wie Hohn. Hiawatha hasste das Meer wie ein Ägypter, und der Gedanke an das Meer ließ ihn nicht los. Vor einem rituellen Untertauchen im salzigen Wasser konnte ihn nur eine Geschichte bewahren, die es wert wäre, in der Runde der Weiber erzählt zu werden; Murmeltiere, der endlose Regen, Hunger und seine stumpfe Axt, das gab noch keine Geschichte.

Nicht einmal ein Weißer war ihm bisher über den Weg gelaufen. Weiße mordeten ohne Warnung, sie waren verschlagen und stanken, ihr Atem allein schon konnte töten; Hiawatha hielt das für Altweibergeschwätz.

In einem Bach wusch er sich das Gesicht.

Hiawatha war verzweifelt, wütend, er versuchte einen Schrei auszustoßen, umfasste mit beiden Händen seinen Hals. Ein Eichelhäher saß auf einem Baum in der Nähe und rührte sich nicht.

Hiawatha trank. Das Wasser schmeckte dumpf. Nach Tier.

Hiawatha saß im Moos. Er streichelte sein Geschlecht. Wenn er eine Handvoll feuchten braunen Eichenlaubs nahm, konnte er sich vorstellen, dass es Cheqoi war, die Frau seines älteren Bruders.

Hinter Hiawatha brach ein weißer Hirsch durchs Gebüsch. Jetzt gab auch der Eichelhäher seinen Ruf. Hiawatha blickte unverwandt aufs Wasser.

*

Ivan stand am Strand und betrachtete einen sehr großen Fisch, der ab und zu weit draußen seinen mächtigen Leib aus dem Wasser hob.

Ivan konnte sich diesen Fisch, der Menschen zu verschlucken und wieder auszuspeien vermochte, nur männlich vorstellen. Dabei wusste er, dass Gott auch vom Getier Mann und Weib erschaffen hatte. Dieser Fisch konnte schwimmen, wohin er wollte, da war Ivan sich sicher. Zurück nach Irland zum Beispiel. Ivan hasste diese neue Welt, aus der die Kartoffeln kamen und der Tabak.

Auf dem Schiff hatten viele die Fahrt in Angst vor dem Wasser verbracht. Ivan hingegen träumte von der Reinheit des Meeres, wollte weg von den kotigen Ausdünstungen. Tief unten, wusste Ivan, war es ruhig. Und da spannte man keine Ochsen an im Schweiße des Angesichts. Da wurde nicht gesät und nicht geerntet.

Möwen kreisten über dem Fisch. So verlor man ihn, auch wenn er abtauchte, nicht aus den Augen. Ivan spürte die Sonne auf seinem Wams. Er spürte die Anwesenheit eines Menschen, einen Blick.

Nur ein Dutzend Fuß neben ihm stand wie aus dem Nichts aufgetaucht ein Indianer, noch jung, vielleicht in seinem Alter. Verfroren sah er aus. Mund und Augen waren wie von einem Mädchen. Haarsträhnen fielen ihm über die Ohren auf die Schultern. Ivan lächelte. Er hatte erst wenige Indianer gesehen, Diebe, die sich in der Nähe der Siedlung herumtrieben und als vogelfrei galten.

*

Als Hiawatha das Meer erreichte, so würde er später erzählen, sah er sich einem riesigen Ungeheuer gegenüber. Es hatte fingerlang abstehende rote Haare, wohin man sah. Es stank zwölfmal fürchterlicher als die geplatzten Innereien einer Raubkatze.

Die Dünung rollte gleichmäßig und ruhig heran. Der Wind war schwach und kam vom Meer. Im Gürtel hatte Ivan ein Messer und in der Tasche einen kleinen Seestern. Der war für seine Schwester.

Er schirmte die Augen mit der flachen Hand ab, obwohl die schwache Sonne in seinem Rücken stand.

„Dem sagt niemand, was er zu tun oder zu lassen hat.“

Hiawatha war klar, dass neben ihm ein Mensch stand, der mutmaßlich etwas über den Fisch mitteilen wollte, welcher draußen auf dem Meer um sein Überleben kämpfte wie alle Kreaturen.

„Für den sehen wir gleich aus. Der weiß nicht, dass du ein rotes Heidenkind bist und ich ein Christenmensch. Der sieht uns hier stehen und wundert sich, was wir so aufs Wasser glotzen, und vielleicht fühlt er ein wenig, wie gern ich gerade mit ihm tauschen würde. Aber du verstehst ja kein Wort.“

*

Ivan hatte Hiawatha bei diesen Sätzen in die Augen geschaut. Jetzt blickte er erneut auf den Ozean, aber da war nichts mehr zu sehen. Das Meer schien plötzlich spiegelglatt ölig, und Ivan roch faulen Fisch. Oder stank der Seestern in seiner Tasche, stanken seine Finger?

Ihm war schwindelig. Ihm war nicht klar, wie lange er schon neben dem jungen Indianer stand. Wäre er alleine gewesen, er hätte sich in den Sand fallen lassen. Der Indianer sah ihn an. Warum sagte er nichts? Sehr langsam streckte Ivan seine Rechte nach Hiawatha aus.

*

Der Indianer schickte einen dumpf pochenden Wahnwitz in Ivans ausgestreckte Hand. Der zweite Schlag traf Ivan aufs Brustbein und streckte ihn zu Boden. Ivan griff mit der Linken nach seinem Messer, aber der nächste Hieb zerschmetterte sein Handgelenk.

Er hörte eine tosende Brandung und ihm war klar, dass er sterben würde. Er schrie. So markerschütternd, dass es Hiawatha die Eingeweide zusammenzog. Hiawatha setzte einen Fuß auf Ivans Brust und schlug auf seinen Kehlkopf ein. Die stumpfe Axt federte vom Halsknorpel zurück. Er musste viel fester zuschlagen.

Endlich war es still.

*

Hiawatha nahm Ivans Messer, durchtrennte Ivans Kehle und schnitt ihm die Ohren ab. Danach musste er kotzen. Er schämte sich und verscharrte das Wenige, das sein Magen hergegeben hatte, im Sand.

Die Leiche rollte er ins Meer. Die Brandung spielte mit dem Körper; Gischt spritzte auf und kurz schillerte ein winziger Regenbogen über dem toten Körper oder die Sonnenstrahlen erleuchteten einen zarten Sprühregen aus Salz und Blut. Eine einzelne kleine Wolke verschwand von einem Augenblick auf den anderen vom Himmel.

Der Autor

Marcus Braun, geboren 1971 in Bullay an der Mosel, lebt als Schriftsteller in Berlin. Der Bachmann-Preis-Teilnehmer von 1997 wurde mit dem Breitbach-, Saalfeld- und dem Förderpreis des Kunstpreises des Landes Rheinland-Pfalz geehrt. Er hat zuletzt die Romane „Armor“ (Suhrkamp) und „Der letzte Buddha“ (Hanser) veröffentlicht. 2020 erhielt er den Wolfgang-Koeppen-Preis der Hansestadt Greifswald.

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