Kultur Rheinhessen-Wein statt Veltliner
So was nennt man dann wohl Setzen auf eine sichere Bank: Der 64-jährige österreichische Schriftsteller Robert Menasse erhält 2019 die Carl-Zuckmayer-Medaille des Landes Rheinland-Pfalz – verbunden mit einem 30-Liter-Fass Nackenheimer Weins. Menasse hatte 2017 für seinen Roman „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis gewonnen.
Zu allererst und vor allem anderen ist der 1954 als Kind einer jüdischen Familie in Wien geborene Robert Menasse ein Humanist und überzeugter Europäer. In einem politischen Essay, dessen Titel „Der europäische Landbote“ sich bewusst am Georg Büchner anlehnt, hat er eindeutig proklamiert: „Entweder geht das Europa der Nationalstaaten unter, oder es geht das Projekt der Überwindung der Nationalstaaten unter.“ Nun ist die Zuckmayer-Medaille ja kein Preis für eine aufrechte politische Haltung. Die an den Autor von Stücken wie „Der Hauptmann von Köpenick“ oder „Des Teufels General“ erinnernde Auszeichnung wird für „Verdienste um die deutsche Sprache“ verliehen. Und da hätte man aktuell kaum einen besseren Autoren finden können als Robert Menasse, was sein 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman „Die Hauptstadt“ eindrucksvoll unter Beweis stellt. Dieser Roman ist ein stilistisches Meisterwerk, ein vielschichtig zusammengesetztes Textgebäude. Selten hat man einen kunstvoller konstruierten Roman gelesen. Mitunter erinnert das an die Partituren der großen Kontrapunktiker in der Musikgeschichte, die Meister darin waren, die einzelnen Stimmen auf äußerst manierierte Weise nebeneinander zu stellen. Manesse führt sie mal parallel, dann dürfen sie sich wieder berühren, stoßen einander ab und werden schließlich doch miteinander verwoben und verknüpft. Es entsteht ein großartiger Roman-Teppich, ein Mosaik, das Robert Menasse als einen der großen Erzähler unserer Zeit ausweist. Und damit auch selbstredend als würdigen Träger der Zuckmayer-Medaille. Und die 30 Liter rheinhessischen Weins als Beigabe werden den mit Heurigem und Grünen Veltliner vertrauten Menasse sicherlich auch munden. Stilistisch gibt sich Menasse auf den ersten Blick als Ironiker oder Satiriker – was man schon daran erkennen kann, dass die eigentliche Hauptfigur dieses Romans ein durch Brüssel irrendes Schwein ist. Mitunter wirkt dies wie eine bitterböse Parodie auf den zu einem Wasserkopf aufgeblähten Verwaltungsapparat der EU. Aber es ist eines vor allem: ein flammendes Plädoyer für ein Europa, in dem die Nationalstaaten überwunden sind. Das Lachen über die phasenweise bitterböse EU-Satire bleibt einem am Ende ohnehin im Halse stecken. Die vielen Hauptfiguren in „Die Hauptstadt“, deren Lebensweg wir nur über einen sehr begrenzten Zeitraum verfolgen, steuern allesamt auf einen gemeinsamen Zielpunkt zu: eine Metrostation. Es ist der 22. März 2016. Bei den Anschlägen von Brüssel sterben 32 Menschen.