Architektur
Plötzlich Vorbild: Der Pfälzer Ulrich Vogel baut mit gebrauchten Materialien
„Das wilde Denken“ heißt das Hauptwerk des einflussreichen französischen Ethnologen und Forschungsreisenden Claude Lévi-Strauss, 1962 erschienen. Darin preist er den „Bricoleur“ als praktisches Genie und Inbegriff des Kreativen: den Typus des jetzt wieder gefragten Improvisationsakrobaten, der sinnfällig mit vorhandenem Materialvorrat hantiert, um schöpferisch neuen Mehrwert zu schaffen – aus Stoffen, Gegenständen, Abfällen, Bruchstücken. So wie der Pfälzer Ulrich Vogel, der jetzt mit seiner Frau Tanja in seiner Wohnküche sitzt.
Ein uriger Typ Anfang 60: rötliches Resthaar, ZZ-Top-Bart, Maurermeisterbrief und Bauingenieur-Vordiplom. Der Posterkerl der boomenden Reuse-Bewegung in Architekturtheorie und -praxis ist von grundgütiger Selbstironie. „Reuse“, „Rii-jus“ ausgesprochen: Das englische Wort steht für Wiederverwendung. Über dem Tisch der Vogels ist in der aus Ikeateilen, gebrauchten Dachbalken und Secondhand-et-cetera gezimmerten Küche eine Lampeninstallation aus Ästen angebracht.
Rostige Haken hängen an dem traumfängerischen Werk an der Decke; Eisenglieder, ist das ein alter Grillrost, der die Gewichte austariert? Ulrich Vogel könnte es genau erklären – so wie bei den Achsen eines Fuhrwagens, die in dem Geländergitter verbaut sind, das den Umraum des selbstgebauten Holzofens ziert. Ach ja: Im Eck thront ein Brunnen, in den Ulrich Vogel zum Beweis seiner Funktionstüchtigkeit leuchtet. Nicht der einzige surreale Moment, der sich einstellt, wenn man mit ihm durch sein Wunderhaus läuft, in dem sich die Zeitschichten ineinanderschieben. Den Gründungsstein aus dem Jahr 1777 jedenfalls hat Vogel eigenhändig in den Kaminsims im Wohnzimmer mit dem Riesensofa auf der Basis von Bettkästen gemauert.
Treppe zur Sandsteinsauna
Ulrich Vogel ist ein vielgefragter, sehr spezieller Bauunternehmer, fokussiert auf den Baustoff Sandstein sowie Um- und Transformationsarbeiten. Mit seiner Contwiger Firma KläWa Bauunternehmung hat er öfter mit der Generaldirektion Kulturelles Erbe in Mainz zu tun. Ein Avantgardist mit Hosenträgern über dem Holzfällerhemd – und einem Bleistift als Tool. Internetzugang interessiert ihn nicht, obwohl er dort auf der vom Bauforum Rheinland-Pfalz geförderten Non-Profit-Netzseite reuse-rlp.de mit seinem in vielen Teilen aus Secondhand-Materialien bestehenden Haus als einer der Hauptprotagonisten vertreten ist.
Eva Stricker heißt die Frau, die hinter der zunächst als Rechercheaufgabe für Masterstudierende gestarteten Initiative steckt. Sie ist Juniorprofessorin in Kaiserslautern, lehrt dort das Fachgebiet kreislaufeffektive Architektur an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. Stricker ist inhaltlich verbunden mit Familie Vogel, die in Großsteinhausen lebt.
Das 630-Einwohner-Dorf in der Südwestpfalz, Verbandsgemeinde Zweibrücken-Land, liegt hoch oben im Schwarzbachgebiet. Das Gehöft von Ulrich und Tanja Vogel mit geschätzt 400 Quadratmetern Wohnfläche auf einem 3500 Quadratmeter großen Gelände mitten in der Gemeinde.
Vor 28 Jahren haben es die Vogels für 110.000 Mark gekauft. Jetzt ist es ein Gesamtkunstwerk in ständiger Transformation. Es lässt sich gut als Ferienhaus für fantasiebegabte Großstadtgroßfamilien denken. Keine Tür in dem mehrstöckigen Raumlabyrinth, durch das Ulrich Vogel jetzt führt, gleicht der anderen. Historische Türblätter sind pagodenhaft von Balken ummantelt. Über dem gemauerten Backofen mit Innenverkleidung aus gebrauchtem Schamottstein fällt Licht durch ein historisches Dachflächenfenster. Gebrauchte Dielenböden und Biberschwanzziegel bilden eine aparte Wandverkleidung. In eines der vielen Zimmer führt eine Treppe, die beim Umbau des Zweibrücker Oberlandesgerichts übrig blieb. Andernorts führt der Weg über eine Stiege aus alten Eichenbalken und das Geländer einer ehemaligen Rathaustreppe in die Sauna mit den für Vogel charakteristischen offenliegenden Sandsteinwänden. Und dann stehen wir vor dem Knie einer Steinskulptur, die irgendwo ausgegraben worden ist. Damals sinnfreies Fragment, nun dient es als Auflager für hölzerne Treppenstufen.
Schön verrückt
Erst sei das Haus mehr eine Ruine und „Verrücktheit“ gewesen, sagen die Vogels, die fast irritiert sind von dem Interesse an dem, was sie ihr Hobby und ihren Beruf nennen. Dem Fachwerkgiebel aber, sagt Ulrich Vogel, habe er bei einer Erstbesichtigung – damals noch mit Frau und drei Kindern Bewohner einer 80-Quadratmeter-Eigentumswohnung – nicht widerstehen können.
Inzwischen ist der erwachsene Nachwuchs ausgeflogen. Und jeder Raum des Bauernhausschlosses wirkt wie ein Bühnenbild. Er der Bastler, sie die Ausstatterin. Sie seien eben Sammler, erzählen sie: Trödelmarktbesucher, „Messis“ mit Leidenschaft für „alles“, was möglicherweise, vielleicht potenziell brauchbar sein könnte und sich in diversen Schuppen und Abstellkammern stapelt. Tanja Vogel meint, ein zweites Mal würden sie sich die Mammutaufgabe sicher nicht mehr zumuten. Trotz der Anerkennung, die sie erfahren.
2006 wurden sie mit einem Sonderpreis für vorbildliches Renovieren und regionaltypisches Bauen im ländlichen Raum ausgezeichnet. 300 Euro gab es damals als Preisgeld. Die Vogels haben es unter anderem an die ortsansässige Kita gespendet. Jetzt häufen sie vermehrt kulturelles Kapital an.
Von der Antike bis zum Stadtumbau im 19. Jahrhundert war es Usus, Bauteile immer wieder neu zu verwenden. Die Säulen und Reliefs an der Fassade der Basilika San Marco in Venedig – die fantastischen, geschnitzten pilastri acantini insbesondere – sind Beutekunst aus dem Vierten Kreuzzug 1204 in Konstantinopel. Erst in der auf Neues versessenen Moderne geriet die Praxis aus dem Blick – mit markanten Ausnahmen wie der Kirche St. Michael im Laibacher Moor, 1937/38 gebaut, deren Tragkonstruktion aus bemalten Kanalisationsrohren besteht. Oder Frank Gehrys (1929–2023) furoremachendes Eigenheim in Santa Monica aus den Siebzigern, dessen Impetus den Weltarchitekten mit dem Pfälzer Improvisationsvirtuosen Vogel verbindet.
Gehry hat dafür einen Bestandsbau aus den 1920er-Jahren mit gebrauchtem Wellblech, Sperrholz und Maschendrahtzaun erweitert und ummantelt. Inzwischen ist die Nachnutzung von Baustoffen wieder so etwas wie das neue heiße Ding.
Öko-kulturell ist besser
Der Klimawandel. Die CO₂-Emissionen. Mit bis zu 90 Prozent CO2-Ersparnis ist Reuse oft deutlich besser als Recycling – „Teil einer öko-kulturellen Praxis“, wie Ákos Moravánszky das nennt, emeritierter Professor für Architekturtheorie an der ETH Zürich. Und Eva Stricker, die Kaiserslauterer Juniorprofessorin, die das Reuse-Projekt initiiert und zusammen mit ihrem Mitarbeiter René Heusler realisiert hat, spricht von der „logischen Konsequenz“ der Wiederverwendung, die aus der Diskrepanz zwischen der relativ kurzlebigen Nutzung und der potenziellen Langlebigkeit gebauter Substanz entstehe. Kein Wunder, dass ihr das Großsteinhausener Anwesen mit dem Sichtmauerwerk aus zweitverwendetem Sandstein als zukunftsweisende Best Practice gilt.
Wir treffen Stricker an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau, an der sie kreislaufeffektive Architektur lehrt. Die 45-Jährige ist seit ihrem eigenen Studium in Zürich, wo sie ein eigenes Büro führt, im Thema. Später hat sie einen einschlägigen Experimentalbau wissenschaftlich begleitet, bei dem das, was Ulrich Vogel improvisationskünstlerisch betreibt, großmaßstäblich und unter den gegebenen Bedingungen der Bauwirtschaft erprobt wurde.
Das K.118, die dreigeschossige Erweiterung einer ehemaligen Industriehalle, steht in Winterthur. Von der auskragenden Tragstruktur über Fenster und Fassadenverkleidungen bis hin zur Solaranlage: So viele Bauelemente wie möglich sind aus zweiter Hand. Alles nachzulesen in dem Standardwerk „Bauteile wiederverwenden. Ein Kompendium zum zirkulären Bauen“ (Park Books), das Eva Stricker mitverfasst hat.
Reuse für die Pfalz
Es sei eindrucksvoll, sagt sie jetzt, wie viel das K.118-Projekt in der Schweiz angestoßen habe. „Wiederverwendung ist seither dort nicht mehr Nischenthema, sondern ein legitimer Ansatz auf dem Weg zu Netto-Null-Emissionen.“ Auch in Skandinavien, erzählt sie, sei man beim Nachnutzen viel weiter. Ebenso in Belgien, wo die Hauptsitzfassade des Brüsseler Europarats aus einer Collage aus 3000 alten Eichenfenstern besteht. Seit Stricker in Kaiserslautern lehrt, arbeitet sie daran, die Virulenz des Wiederverwendens auch in Rheinland-Pfalz zu erhöhen: in ihren Seminaren und Übungen – der Theorie also –, vor allem aber mit der schon mehrfach erwähnten Plattform. Klar, dass sie auch schon bei den Vogels am Tisch gesessen hat.
Auf reuse-rlp.de-Plattform bringt sie Akteure, die mit gebrauchten Materialien arbeiten und sie anbieten, mit Beispielbauten aus der Region und ikonischen Projekten wie der Wohnsiedlung Resource Row in Kopenhagen zusammen. Dort gelistet ist zum Beispiel die Kirchbergwerkstatt in Pirmasens, ein soziales Projekt mit Wiederverwendungsschwerpunkt. Oder auch der groß gedachte Secondhand-Baumarkt des Arbeits- und sozialpädagogischen Zentrums (ASZ) in Kaiserslautern, bei dem Langzeitarbeitslose das, was sie im Markt verkaufen, teils selbst im Auftrag demontieren.
Unter „Bauten“ ist zum Beispiel das Gästehaus Bohlender in Steinweiler aufgeführt, in dem weiterverwendete Holzbalken eine tragende Rolle spielen. Die katholische Kirche St. Joseph in Freimersheim ist gelistet, die mit Dachziegeln neu gedeckt wurde, die jahrelang in Gitterboxen gelagert waren. Reuse-Nerd Ulrich Vogel ist dagegen nicht nur mit seinem Großsteinhausener Eigenheim vertreten, sondern zusätzlich mit einem Wohnhaus in Hornbach, für das er als Akteur mit seiner KläWa Bauunternehmung gebrauchte hellgelbe Backsteine aus Belgien für die Fassadenverkleidung besorgt hat. Auch der Insheimer Architekt Sebastian Metz, dessen Büro Ideenreich heißt, ist Reuse-Akteur und -Bauherr zugleich.
Als Objekt steht so die denkmalgeschützte Alte Dorfmühle in Steinweiler online, die Metz mit gebrauchten Fachwerkhölzern, ausgebauten Deckenbalken und alten Fachwerkwänden umbaut. Der Dielenboden einer Kirche dient jetzt als Unterboden im Deckenaufbau. Als Akteur fungiert er, indem er das, was er selbst nicht sofort braucht, für eine spätere Verwendung zwischenlagert. Und noch ein Pfälzer taucht auf der smarten Homepage auf.
Wildes Denken
Der Landauer Thorsten Holch zählt mit seiner Archimedesgruppe zu den Wiederverwendungsveteranen. Dabei hilft ihm, dass er als Eigentümer, Planer und Verwalter in einem flexibler mit der Handhabung hemmender Vorschriften umgehen kann.
Bereits im Studium hat Holch bei Abbrucharbeiten Dachziegel „filetiert“ und weiterverkauft. Mittlerweile hortet er in einem 3000 Quadratmeter großen Extralager Metallbauprofile, Bleche, Eisenwaren, Glasbausteine und Parkett aus zweiter Hand. Auch Sanitärkeramik hat Holch im Angebot. Irgendwie klar, dass im Haus seines Großsteinhausener Reuse-Kollegen Ulrich Vogel auch dieser Teil des Sortiments zum Einsatz kommt. Ein altes Waschbecken ist verbaut. Und auch in seinem noch im Bau befindlichen jüngsten Projekt ist er einschlägig unterwegs.
Das Tiny House, das im ehemaligen Hühnerstall entsteht, zeigt er dem Besucher als Letztes. Ganz Bricoleur hat sich Vogel wieder diverse Bau-Siebensachen anverwandelt. Ein geschwungener Dachbalken, den ein Spalt durchzieht, ist dort eingezogen. Im Kleinstbad hängt ein herkömmlicher Spülkasten für die Toilette hoch oben an der Wand; eine Zugvorrichtung baumelt. Schön auch: der metallische Dichter- oder Astronautenkopf als Krönung des Beschlags an der Wohnzimmertür. Noch so eine Einladung zum wilden Denken.
Info
reuse-rlp.de, auf der Seite findet sich auch eine umfangreiche Sammlung von Fachinformationen.
Termin
„Reuse Rheinland-Pfalz – Wegwerfen war gestern“ lautet das Thema einer Veranstaltung mit unter anderem Eva Stricker morgen, 16. April, 18.30 Uhr, im Zentrum für Baukultur in Mainz. www.zentrumbaukultur.de