Kulturpolitik RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer Literaturzeitschrift „Chaussee“: Steht sie vor dem Aus?

Immer besser: Die Zeitschrift „Chaussee“.
Immer besser: Die Zeitschrift »Chaussee«.

Ist das das Aus? Der Bezirksverband hat sich vom Gründungsredakteur seiner Literaturzeitschrift „Chaussee“ getrennt. Jetzt macht Theo Schneider ein Recht auf die Marke geltend. Der Bezirksverband klagt dagegen. Ist an dem Schlamassel die „Affäre Bernhard Matheis“ schuld? Oder gibt es sie gar nicht?

Die Ausgabe steht. Titelthema: „Meer“. Geplant, Jan Kuhlbrodts Gedicht „Heiligendamm“. Der Essay „Hölderlin und das Meer“ der Germanistin Nina Janz. Meer-Gedichte des in Wiesbaden lebenden Schotten Iain Galbraith. Ein Romanauszug von Ute-Christine Krupp, Breitbach-Förderpreisträgerin aus Börsborn. Texte von Klaus Kufeld, früher Leiter des Bloch-Zentrums in Ludwigshafen. Oder von Ralph Schock, Ex-Literaturchef des Saarländischen Rundfunks. Schönes Programm. Kann allerdings gut sein, dass Heft 45 der „Chaussee“ nie erscheint. Das Projekt stockt im Moment. Auch online, wie kurz vorgehabt, steht die neueste Ausgabe der Literaturzeitschrift des Bezirksverbands Pfalz nicht. Möglich sogar, dass es das überhaupt war für die zunehmend renommierte Publikation. Ein Ende nach 22 Jahren.

Ein Solidaritätsboykott

Alle oben aufgeführten Autor/innen hätten ihre „Meer“-Texte zurückgezogen, sagt der Gründungsredakteur und bis vor kurzem Redaktionsleiter der „Chaussee“, Theo Schneider. Kuhlbrodt und die anderen. Auf seine, Schneiders, Intervention hin, sagt der Autor, Journalist, Filmemacher und Literaturaktivist. Ein Solidaritätsboykott. Das stimme so nicht, widerspricht ihm Theo Wieder. Der CDU-Bezirkstagsvorsitzende höchstselbst, der Chef des Bezirksverbands, der Institution, die die Zeitschrift herausgibt und bezahlt, für die Schneider arbeitet. Den Rückzug habe es so nicht gegeben, zumindest nicht von allen Genannten. Zum Redaktionsleiter, sagt Wieder im Übrigen, habe Schneider sich auch selbst ernannt. Aussage steht da – wie so oft in diesem von schwierigen Binnenverhältnissen beherrschten Fall – gegen Aussage. Unstrittig ist indes, dass Wieder Theo Schneider geschasst hat. Per Mail. Der Anlass für die jetzigen Eskalationen.

In der Nachricht vom 20. Mai, heißt es, „angesichts der Querelen der letzten Jahre und Monate“ sehe er, Wieder, in Sachen „Chaussee“ „keine Möglichkeit mehr für eine weitere Zusammenarbeit“ mit ihm, Schneider. Der Bezirksverband werde diese deshalb beenden. Und „Danke“ auch „für ihr bisheriges Engagement“. Theo Schneider, seit Jahrzehnten auch als vom Bezirksverband berufener Juror des Pfalzpreises eminent, will sich das so nicht gefallen lassen, geschweige denn: akzeptieren.

Theo Schneider bleibt auf der Chaussee

Nicht nur, dass er „seine“ Autor/innen um die oben beschriebene Loyalitätsbekundung durch Rückzug gebeten hat. Er hat jetzt auch den Eintrag des Titels „Chaussee“ auf seinen Namen in das Register des Deutschen Patent- und Markenamt hervorgezogen. Erfolgt 2013, offenbar hat Schneider damals schon, wie er es nennt, „Strategien der Machtergreifung“ am Werk gesehen, denen er es „nicht allzu leicht machen“ wollte. „Theo Schneider bleibt auf der Chaussee. Wenn Theo geht, geht die Chaussee mit ihm“, steht jetzt fettgedruckt in einem Text, der der Redaktion vorliegt. Die Kampfansage sagt auch etwas darüber aus, wie der Kaiserslauterer die wahren Besitzverhältnisse an der Marke „Chaussee“ abseits der Faktizität bestimmt. Dazu muss man aber auch wissen, dass er die Zeitschrift, für die mittlerweile so prominente Autor/innen wie Monika Rinck, Hans-Christoph Buch, Uwe Kolbe oder Farhad Showghi schreiben, miterfunden und jahrzehntelang geprägt hat.

1998 erstmals erschienen

1998 ist die „Chaussee“ erstmals erschienen. Im Verlag des Edenkobener Verlegers Karl-Friedrich Geißler. „Die Herausgabe wurde dankenswerter Weise ermöglicht durch den Bezirksverband Pfalz“, stand damals im Impressum. Und: „Redaktion: Wolfgang Diehl (verantwortlich), Gerd Forster, Karl-Friedrich Geißler, Theo Schneider“. Mit Ausnahme der Hefte neun und zehn war Schneider seither bei jeder der 44 Ausgaben als Redakteur oder Redaktionsleiter involviert. Lange Jahre unbezahlt vom Bezirksverband, der seit 2003 offizielle als Herausgeber fungiert, sagt er. Später habe er eine Aufwandspauschale erhalten, „die allerdings bei weitem keine angemessene Vergütung darstellt“.

Bis ins Detail listet er in einer Mail auf, was er zu einzelnen Ausgaben beigetragen hat, neben der allgemeinen Qualitätssteigerung. Im Gegenzug und zum Dank seien ihm „elementare Rechte“ wie Auskünfte über Wirtschaftsdaten verweigert worden. Die Geschichte der „Chaussee“ sei so die eines „permanenten Braindrains von mir an den Bezirksverband“, sagt er. Und umgekehrt dessen „scheibchenweise Machtausweitung“. Eine durchaus gewagte Interpretation, wenn man sich die realen Eigentumsverhältnisse vor Augen hält.

Für Heft 44 zum Thema „Pa-la-la-tina“ jedenfalls, das jüngste, das erschienen ist, es ging um Musik, habe er 15 von 19 Beiträgen besorgt, dokumentiert er. Seine Redaktionskolleginnen Regina Reiser und Ruth Ratter hätten zusammen vier beigetragen, „was ziemlich gut die redaktionellen Arbeitsverhältnisse auch bisheriger Hefte widerspiegelt“, wie er noch dazu süffisant anmerkt. Das Verhältnis zu den beiden ist mehr als angespannt. Wobei Regina Reiser, die festangestellte Pressereferentin des Bezirksverbands ist, es war, die Schneider beim Herausgeberwechsel 2003 auf die weitere Mitarbeit an der „Chaussee“ hin angesprochen hat. Seither wirken die beiden allerdings Seite an Seite gegeneinander, wenn man Schneider glaubt. Bei ihr hört sich das im Übrigen ungefähr genauso an, wie sich versteht: unter umgekehrten Vorzeichen. Die Grünen-Politikerin und ehemalige Deutschlehrerin Ruth Ratter, Landtagsabgeordnete ehemals, jetzt zweite stellvertretende Bezirkstagsvorsitzende, ist 2016 neu ins Redaktionsteam gekommen. „Eine Funktionärin“, meint Schneider mit einem gewissen Hautgout. Ihr dürfte er ähnlich sympathisch sein. Und während er das Tun der beiden Frauen mehr verschwörungstheoretisch betrachtet, mit dem jetzt erreichten Ziel seiner Ablösung, sagt Bezirksverbands-Chef Theo Wieder schlicht: Die beiden hätten nicht mehr mit Schneider zusammenarbeiten wollen. „Irgendwann ist Schluss“, sagt Wieder am Telefon. Er wirkt ziemlich aufgebracht.

Die „Affäre Matheis“

Was denn genau vorgefallen ist, lässt sich nicht mehr ergründen. Führt wohl auch zu weit ins Persönliche hinein. Schneider jedenfalls hält die „Affäre Matheis“ für den ausschlaggebenden „Knackpunkt“ , den letztgültigen Grund der beiden Frauen und des Bezirksverbands, ihn abzuschießen. Dass Ratter/Reiser eine Erwiderung des Pirmasenser Ex-Oberbürgermeisters CDU-Fraktionsvorsitzenden Bernhard Matheis mehr oder weniger an ihm vorbei ins Heft gehoben haben. Auf Beschluss der Bezirkstags-Gremien. Eine Gegenrede auf einen Text, den Schneider angeleiert hatte, und in dem es darum ging, dass die ehemalige Pirmasenser Schuhfirma Rheinberger, für deren Stiftung Matheis aktiv ist, von der mörderischen Schuhprüfstrecke im KZ Sachsenhausen profitiert hat. Was nachweislich stimmt. Schneider fand und findet den Text und das Verfahren unmöglich. Der Bezirkstagsvorsitzende Theo Wieder findet beides nicht. Er hat jetzt angekündigt seinerseits das Markenrecht, das Schneider zu besitzen glaubt, einzuklagen. Damit es mit der „Chaussee“, aber ohne Schneider weitergeht. Fortsetzung folgt.

Redaktionsleiter Theo Schneider.
Redaktionsleiter Theo Schneider.
x