Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Paul Austers traurig-schöner Wehmutsroman „Baumgartner“ erzählt von einem Witwer

Unzertrennlich: Das US-Schriftsteller-Paar Siri Hustvedt und Paul Auster in ihrem Haus in New York.
Unzertrennlich: Das US-Schriftsteller-Paar Siri Hustvedt und Paul Auster in ihrem Haus in New York.

Es ist ein elegisches Buch, ein letztes? Man liest es in seltsamer Stimmung. Paul Auster ist schwer an Krebs erkrankt, was Siri Hustvedt, der andere Teil des intellektuellen US-Popstarpaars vor einigen Monaten bekanntgab. Auch das jetzt erschienene Buch hat die vielbegabte Autorin und Essayistin, die längst nicht mehr in seinem Schatten steht, damals angekündigt – als „Wunderwerk“.

Sie lebe, hat Siri Hustvedt gesagt, mit ihrem Mann in „Krebsland“, unzertrennlich. Ihr für den 1. Dezember vorgesehener Auftritt beim Heidelberger „Geist“-Festival wurde abgesagt. Auster soll es schlechter gehen. Er ist 76. In „Baumgartner“ erzählt er von einem alten Mann, der sich nicht nur am Scheideweg „zwischen grantigen alten Knacker und ätherischem Weisen“ befindet.

Es ist ein Roman über die Trauer, das Alter, die Liebe, die Verästelungen der Erinnerung, in dem sich vieles spiegelt. Nicht zuletzt hat man Hustvedt und Auster – die „42 Schreibjahre“ verbindet – als Folie vor Augen, denn der Text erzählt von einem symbiotischen Paar. Er spielt in Princeton, New Jersey, 2018. Sy, eine Kurzform von Seymour (wie see more, sieht mehr) ist sein Lebtag als emeritierter Phänomenologe mit der Schwierigkeit der Wirklichkeitswahrnehmung befasst. Ein Witwer. Seine Frau ist vor zehn Jahren in der Brandung von Cape Code gestorben.

Anna hieß sie, die Übersetzerin schrieb Gedichte, die sie nie veröffentlicht hat; A-n-n-a Blume, wie die Besungene in der berühmten Ode von Dada-Künstler Kurt Schwitters, in der es heißt, sie lasse sich von „hinten wie von vorne lesen“. Auch Sy ist in dahingehenden Reminiszenzen versunken.

Wie eine „Kernschmelze“ erlebt er ihren Tod. Phantomschmerz erfüllt ihn. Er fühlt sich „wie ein menschlicher Stumpf, ein halber Mann, der die Hälfte seiner selbst“ verloren hat. Er schreibt ihr Briefe, die er an ihre gemeinsame Adresse schickt. Er tippt auf ihrer Schreibmaschine herum, weil ihn die „Sehnsucht nach diesen Klängen“ ereilt. Stundenlang faltet er die Sachen, die immer noch in ihrer Schublade liegen. Dass er, von ihm unbemerkt, seine Hose offenstehen lässt, wie die alten Männer, die er früher noch belächelt hat, erscheint ihm: wie ein Anfang vom Ende.

Als wir ihn kennenlernen, sitzt er gerade an einem Buch über Sören Kierkegaards Pseudonyme, die der privatfromme Philosoph aus dem 19. Jahrhundert in seinen Werken als Mittel verwendete, um Distanz zu sich zu gewinnen. Wie so oft in den Büchern Austers herrscht anfangs Chaos, das bei Sy ins Slapstick-hafte tendiert.

So folgt der innere Monolog, wie Baumgartner ins Wohnzimmer geht, um ein Buch zu holen, aus dem er zitieren muss. Unterwegs fällt ihm der Eierkochtopf ein, den er gekauft hat, als er Anna in einem Eisenwarenladen schicksalhaft begegnete. Seit dem Frühstück steht er auf dem eingeschalteten Herd. Er verbrennt sich die Hand daran, dabei fällt ihm ein, er wollte doch endlich seine Schwester anrufen. An der Tür klingelt jetzt Molly, die UPS-Botin, bei der er immerzu Bücher bestellt, weil sie ihn an Anna erinnert. Die Tochter seiner Putzfrau ruft mit der Schocknachricht an, dass ihr Vater sich mit der Kreissäge zwei Finger abgetrennt hat. Dann kommt auch noch Ed an, der neue Stromzählerableser. Sy will ihm den Weg in den Keller weisen. Aber, weil er mit der verbrannten Hand das Geländer nicht fassen kann und einen Tritt verfehlt, fällt er – und landet auf dem Betonboden (der Realität). Von diesem Punkt aus mäandert der Minimalplot dann in Suchbewegungen und in angenehm ins Komplexe fließenden – von Werner Schmitz tadellos übersetzten – Sätzen zu einem rätselhaften Ende hin.

Zwischendurch sind kleine Texte von ihr, Anna, eingeblendet. Sy hat einen Gedichtband von ihr herausgebracht. Das Schreiben beschäftigt ihn. Es gilt die diffizilen Verwicklungen des Leib-Seele-Problems zu lösen. „Freudlose Masturbationsepisoden“, bei denen er sich vorstellt, „wieder mit Anna im Bett zu sein“, werden von einer Phase abgelöst, in der er wieder beginnt, „den Frauen nachzulaufen“.

Frauen wie Judith, eine gemeinsame Freundin von früher, der er einen Heiratsantrag macht. Dass er scheitert, ficht ihn nicht lange an. Nachdrücklicher tangiert ihn eine Reise, die ihn er auf den Spuren von Annas Großvater in die Ukraine führt. Nach Iwano-Frankiwsk, früher Stanislau, woher in realiter Paul Austers jüdischer Großvater stammt. Dort wird ihm von einer Frau namens Auster erzählt, die sich drei Jahre in einem Erdloch versteckt hat, um der Gefangennahme durch die Deutschen zu entgehen. Sy Baumgartner will die Geschichte genauso fürwahr nehmen, wie die, dass nach dem Zweiten Weltkrieg Wölfe die Stadt besetzt hielten.

„Ich glaube dem Dichter“, sagt er dann, zu den Wölfen fällt ihm Georg Trakls Gedicht „Im Osten“ ein: „Dornige Wildnis umgürtet die Stadt. / Von blutenden Stufen jagt der Mond. / Die erschrockenen Frauen. / Wilde Wölfe brechen durchs Tor.“

Einmal kippt die Geschichte – leider nur kurz, bevor alles als Traumspiel entkräftet wird – ins Auster-typisch Surreale. Anna ruft auf der toten Leitung in ihrem Zimmer aus dem Jenseits an. Als er abhebt, erzählt sie ihm, wie es sich mit dem Tod verhält: kein Harfen-Klingeling, Posaunen auch keine, kein Fegefeuer, keine Reinkarnation, nur ein großes Nichts und Nirgendwo, ein „geräuschloses Vakuum der Nullität, der Orkus des Nichts“. Nur er, Baumgartner, heißt es dann in diesem traurig-schönen, irgendwie tröstlichen Wehmutsbuch, wecke sie mit seinen Gedanken und Erinnerungen immer wieder auf, um sie in eine Art paradoxen Schwebezustand „bewusster Nichtexistenz“ zu versetzen. Die Toten und die Lebenden seien miteinander verbunden, sagt sie. Wenn er sterbe, allerdings, sei es für sie aus. Es hilft nur hoffen.

Lesezeichen

Paul Auster: „Baumgartner“; aus dem Englischen von Werner Schmitz; Roman; Rowohlt, Hamburg; 205 Seiten, 22 Euro.

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