Palatia Jazz RHEINPFALZ Plus Artikel Ostwind, Westwind, Turbulenzen in der Südpfalz

Pawel Kaczmarczyk, Jazz-Pianostar aus Polen, in der Südpfalz erfolgreich gegen Westwind anspielend.
Pawel Kaczmarczyk, Jazz-Pianostar aus Polen, in der Südpfalz erfolgreich gegen Westwind anspielend.

Das abschließende Wochenende beim 26. Festival Palatia Jazz stand ganz im Zeichen des polnischen Jazz. Dass mit Adam Baldych einer der Festivalstars kurzfristig absagen musste, war eine böse Überraschung, wurde aber durch einen tollen Auftritt seiner Band wettgemacht. Auch der Wind spielte mit im südpfälzischen Rohrbach.

Eindeutig aus westlicher Richtung kamen die Windböen, die dem Pianisten Pawel Kaczmarczyk das Leben schwer machten. Erst wackelten die ausladenden Notenblätter bedrohlich, dann kippten sie immer wieder beharrlich auf die Tastatur. Gerettet wurde das Stück dann durch das beherzte Eingreifen eines Zuschauers aus der ersten Reihe, der auf die Bühne eilte und die außer Kontrolle geratene Partitur resolut zupackend an ihrem Platz hielt. Dass der freundliche Retter kurzzeitig die Sicht auf den Pianisten verstellte, war dabei unvermeidlich. Kaczmarczyk dankte ihm begeistert, holte für den weiteren Konzertverlauf dann aber doch zwei Wäscheklammern, um das sich immer üppiger ausbreitende Notenmaterial zu bändigen.

Während der angenehme Kühle in diesen Sommerabend bringende Westwind also für ein paar technische Probleme sorgte, sollte das ganze Festival ja von dem Kultursommer-Motto „Ostwind“ getragen sein. Das hatte sich das rheinland-pfälzische Kulturministerium bereits fürs vergangene Jahr ausgedacht, es wurde dann aber wegen der pandemiebedingten Absagen und Verschiebungen aufs aktuelle übernommen und bekam durch den Krieg in der Ukraine einen schmerzlichen Unterton. Auch als Zeichen der Solidarität hatte Festivalleiterin Yvonne Moissl am ersten Wochenende zwei ukrainische Ensembles zu Palatia Jazz eingeladen, am zweiten folgte nun ein Polen-Schwerpunkt mit gleich drei Bands. Einige der Musiker waren bereits vertraute Gesichter, beim Festival genießt gerade die spannende polnische Jazzszene schon länger besondere Aufmerksamkeit.

Wohlklang zum Genießen

Auch Pawel Kaczmarczyk konnte man hier schon erleben, im Duo mit dem Geiger Adam Baldych zum Beispiel und mit seinem Trio. In Triobesetzung war der 38-Jährige auch diesmal angereist, Bass und Schlagzeug spielen nun Alan Wykpisz und Grzegorz Palka, am musikalischen Konzept hat dies wenig verändert. Der technisch versierte Pianist ist ein Connaisseur des Wohlklangs, der seine melodischen Stücke genussvoll auskostet, auch das Komplexe dabei einfach und eingängig erscheinen lässt. Das kann große hymnische Kraft entfalten, aber anders als beim legendären E.S.T.-Trio gibt es hier keinen Risikoflug ins Ekstatische, alles bleibt schön kontrolliert. Dafür braucht er dann manchmal viele Notenblätter.

Kaczmarczyk ist in Polen ein Star, außerhalb tut er sich trotz einer Veröffentlichung beim Münchner Act-Label noch etwas schwer, die verdiente Aufmerksamkeit zu finden. Seinen Kollegen Maciej Obara kennt man hierzulande, seit er 2017 bei ECM sein erstes Album veröffentlichte, dem 2019 ein zweites folgte, beide von der Kritik begeistert aufgenommen. Der Altsaxophonist versteht sich ebenfalls auf tastende Klangerkundungen, aber seine Stücke entwickeln daraus spannungsgeladene Metamorphosen. Immer wieder wird das Geschehen in Dialoge und Triokonstellationen aufgelöst, um es anschließend in vielstimmigem Sound zu verdichten, alles geradezu organisch mit Tempoverschärfungen und kühnen harmonischen Freiheiten. Dafür hat der 40-Jährige mit dem britischen Pianisten Kit Downes und dem norwegischen Kontrabassisten Mats Eilertsen die richtigen Mitspieler in seinem Quartett. Dass der kurzfristig eingesprungene Schlagzeuger Bartosz Szablonski weitgehend zurückhaltend agierte, war zu verschmerzen. Die Anreise des vorgesehenen Drummers Hakon Mjaset Johansen hatte das aktuelle Flughafenchaos verhindert.

Kontrabass statt Geige

Geiger Adam Baldych dagegen hätte problemlos aus Warschau einfliegen können, wegen eines Krankheitsfalles in der Familie musste er schweren Herzens absagen. Aber seine drei Mitmusiker waren da, ein bestens eingespieltes Pianotrio, das nach kurzer Anlaufzeit begeisterte. Spätestens als sie Ornette Colemans „Chronology“ interpretierten und dabei dem zwischen Hardbop und Free Jazz angesiedelten Klassiker von 1959 eine Energieinfusion verpassten, hatten sie das Publikum auf ihrer Seite. Selbst bei den Stücken von Adam Baldych, die den Schwerpunkt des Programms bildeten, vermisste man die Geige irgendwann fast nicht mehr. Besonders auffällig dabei der Kontrabassist Michal Baranski.

Auch Triosence hatte einen großartigen Bassisten dabei. Das Ensemble des aus Kassel stammenden Pianisten Bernhard Schüler existiert seit mehr als 20 Jahren, zur aktuellen Besetzung gehört neben Schlagzeuger Tobias Schulte der Bassist Omar Rodriguez Calvo, den man ansonsten vom Tingvall Trio kennt. Der kubanische Musiker verleiht auch Triosence eine tänzerische Samba-Leichtigkeit, die zusammen mit den melodischen Themen und der songhaften Struktur der Stücke diese auch für ein weniger jazzaffines Publikum zugänglich macht. Und dann hat der schlaksige Bandleader zu jedem Stück auch noch eine Geschichte parat, zumeist humorvoll geht es da um brasilianische Parkhausbesitzer, italienische Urlaubsparadiese und ein Liebeslied, dessen Vollendung sich so viele Jahre hinzog, dass am Ende im Dunkeln bleibt, wer die titelgebende „Giulia“ eigentlich war.

Glückliche Festivalleiterin

Auch Triosence musste mit einem Ersatzdrummer auskommen, was zusätzliche Proben nötig machte, aber beim Konzert kaum auffiel. Dass Yvonne Moissl trotz all der Widrigkeiten im Vorfeld und während des Festivals ihre strahlende Laune nicht verlor, ist erstaunlich. Aber die Festivalleiterin war einfach glücklich, dass diese 26. Ausgabe von Palatia Jazz möglich geworden war, in einer auf vier Doppelkonzerte eingedampften „Light-Version“, aber immerhin. Und der rasenbedeckte Garten des Weinguts Ökonomierat Lind im südpfälzischen Rohrbach, wo Palatia Jazz nach Wegfall anderer Standorte untergekommen war, erwies sich als attraktives Festivalgelände, das den bis zu 400 Konzertbesuchern pro Abend genug Raum bot.

Yvonne Moissl denkt jedenfalls schon ans nächste Jahr, da lautet das Kultursommermotto „Westwärts“, und das verspricht interessante Bands aus Großbritannien, Frankreich und den Benelux-Staaten. Der Standort Rohrbach wird wohl beim 27. Festival Palatia Jazz dabei sein, und auch Adam Baldych hat versprochen zu kommen. Seine vorzügliche Band sollte er unbedingt mitbringen.

Altsaxophonist Maciej Obara, im Quartett nach Rohrbach gekommen, Meister tastender Klangerkundungen.
Altsaxophonist Maciej Obara, im Quartett nach Rohrbach gekommen, Meister tastender Klangerkundungen.
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