Kino Oscarreif: „Whitney Houston: I Wanna Dance With Somebody“
Mit Songs wie „I Will Always Love You“, „One Moment In Time“ oder „Greatest Love Of All“ hat sich die 1963 geborene US-amerikanische Sängerin Whitney Houston in den 1980er Jahren einen der prominentesten Plätze in der Ruhmeshalle der Pop-Geschichte ersungen. Gelungen ist ihr das mit einer auf einmalige Art einschmeichelnden Stimme, dem Vermögen, selbst gewagteste Tonsprünge scheinbar mühelos zu bewältigen, und insbesondere mit ihrer Überzeugungskraft. Wenn Whitney Houston sang, mutete jeder noch so banale Text lebensprall und wahrhaftig an.
Es wäre ein Leichtes gewesen, die Geschichte vom strahlenden Aufstieg und elendigen Untergang des Stars als sentimentale Seifenoper zu erzählen, garniert mit vielen ihrer Hits, gespickt mit ein bisschen Kritik an der Härte des Showgeschäfts. Dutzende Filme dieser Art gibt es seit Jahrzehnten: Streifzüge von Lebensstation zu Lebensstation mit dem Blick durchs Schlüsselloch, in denen Pikantes bebildert und auf die Tränendrüsen gedrückt wird. Derlei Spektakel lassen kräftig die Kassen klingeln. Was sich die Produzenten dieses Spielfilms sicherlich auch erhoffen. Doch sie versuchen es nicht auf die billige Tour. „Whitney Houston: I Wanna Dance With Somebody“ gehört zu den wenigen wirklich anspruchsvollen biografischen Spielfilmen der jüngeren Kino-Geschichte. Der Film ist so gut, wie es zuletzt nur „Judy“ (2019) über die unvergessene Judy Garland war. Mit dieser wird Whitney Houston in diesem Spielfilm denn auch einmal verglichen – allerdings nicht aus schmeichelhaftem Grund, sondern weil auch Whitney Houston, wie einst Garland, Trost und Kraft in Alkohol und Drogen suchte.
Die Kraft der Musik
Natürlich sind im Film viele Songs der legendären Diva in Originalaufnahmen zu hören. Der neuseeländische Drehbuchautor Anthony McCarten, von dem schon das Buch zum zwiespältigen Filmdrama „Bohemian Rhapsody“ (2018) um Queen-Sänger Freddie Mercury stammte, hat berühmte Titel geschickt in die Erzählung eingebaut. Wobei sie in der Regel für sich stehen und als solitäre Kunstwerke wirken dürfen. Geboten wird dazu ein Panorama von Momentaufnahmen: Jugend, erste Erfolge, grandiose Konzertmomente, private Turbulenzen. Letztere werden wesentlich von Whitneys Houstons alles andere als eindeutiger sexueller Orientierung ausgelöst, von kaum greifbaren emotionalen und von handfesten finanziellen Abhängigkeiten, von ihrem Streben nach künstlerischer Freiheit und insbesondere von ihrem Ehrgeiz, die von ihr selbst überaus hoch angelegten künstlerischen Maßstäbe stets aufs Neue nicht nur zu erfüllen, sondern zu überbieten
Die britische Schauspielerin Naomi Ackie („Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“, 2019) in der Titelrolle gilt als Favoritin für den nächsten Hauptdarstellerinnen-Oscar: Ihr gelingt eine überaus facettenreiche Persönlichkeitsstudie. Nie entblößt sie die Figur, sondern belässt der Dargestellten durchweg eine gewisse Scheu und damit Unnahbarkeit. Mag ihr die gern nervös umhersausende Kamera von Barry Ackroyd („Jason Bourne“) oft noch so nah kommen: Whitney Houston umgibt in der Interpretation Naomi Ackies stets eine gewisse Entrücktheit. Houstons Ehemann Bobby Brown mutet in Ashton Sanders’ Darstellung dagegen recht grob gezeichnet an, während Stanley Tucci als Houstons Produzent und wichtigster Förderer Clive Davis mit feinsten Pinselstrichen ein ungemein farbenreiches Charakterporträt malt und ebenfalls eine oscarwürdige Leistung erbringt.
Die Rolle der Hautfarbe und des Geschlechts
Whitney-Houston-Fans können sich, wenn sie mögen, zurücklehnen, sich an vielen liebevoll gezeichneten Details erfreuen und die grandiosen Songs genießen. Wer mag, kann mehr entdecken. In einer Schlüsselszene beispielsweise schaut Whitney Houston im Fernsehen „Tyrannische Liebe“. In diesem Film von 1955 verkörpert Doris Day eine berühmte Broadway-Sängerin und -Schauspielerin, die daran zerbricht, dass sie als Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft nie wirklich die Chance hat, unbehelligt die erste Geige zu spielen.
So, wie hier ganz nebenbei auf die männliche Dominanz im Showgeschäft verwiesen wird, reflektiert der Film zudem auch einen in den USA noch heute für Karrieren virulenten Aspekt: die Rolle der Hautfarbe. Und Regisseurin Kasi Lemmons („Harriet – Der Weg in die Freiheit“, 2019), deren Inszenierung schon allein dank Eleganz und Verve besticht, stellt mit schöner Beiläufigkeit noch mehr gewichtige Fragen. Damit bekommt dieser intelligente Film ein nicht zu unterschätzendes Gewicht.