Kultur Opernfestival Aix-en-Provence: Die Stunde der Frauen

Nicht nur das Kleid funkelt: Sabine Devieilhe bei ihrem Rollendebüt als Zerbinetta in „Ariadne auf Naxos“.
Nicht nur das Kleid funkelt: Sabine Devieilhe bei ihrem Rollendebüt als Zerbinetta in »Ariadne auf Naxos«.

Zusammen mit Salzburg und Bayreuth bildet Aix-en-Provence ein Festival-Dreigestirn, das zu den traditionsreichsten in Europa gehört. Das „französische Salzburg“ feiert diesmal sowohl seine Geburtsstunde vor 70 Jahren als auch 20 Jahre Europäische Musikakademie. Und es begann nicht mit Mozart, sondern mit Strauss und Prokofjew.

Richard Strauss

unter provenzalischem Nachthimmel im Hof des ehemaligen erzbischöflichen Palais’, den der Impresario Gabriel Dussurget 1948 zum Théâtre de l’Archevêché machte? Doch, das passt wunderbar, denn nirgends klingt Strauss mozartischer als in dieser nach der Uraufführung des „Rosenkavalier“ entstandenen Partitur, die sich der Komponist als „kleine Oper nur für Kammermusik“ wünschte. Ariadne, die tragische Heldin, und Zerbinetta mit ihrer Komödianten haben folgerichtig auch schon mehrmals die Bühne von Aix bevölkert: 1963, 1966 und 1986 verzeichnen die Annalen. Gewiss erstmals allerdings hat das Publikum dabei nun der Geburt eines Gottes auf offener Szene beigewohnt: Es ist ein Sohn! Ariadnes neuer Gott. Selten auch, dass die lustigen Personen so melancholisch auftreten und selbst Zerbinetta wie eine Frau wirkt, die bereits so manchen Schicksalsschlag verdaut hat. Dies zwar besser als die Heroine Ariadne, aber keineswegs lustig, leicht und schon gar nicht unbeschwert. Aber mit dem mehr als gelungenen Rollendebüt der Sopranistin und ehemaligen Akademie-Absolventin Sabine Devieilhe, deren Koloraturen nur so perlten und deren Textdeutlichkeit geradezu verblüffend war. Im Duett mit Angela Brower als Komponist wehen dann Rosenkavalier-Reminiszenzen durch die Nacht von Aix. Fürs luftig Transparente dieser „Ariadne“ ist ansonsten der Dirigent zuständig: Marc Albrecht am Pult des klein besetzten Orchestre de Paris, dessen hier nur 36 Mitglieder erst ganz zum Schluss alle zusammen spielen dürfen und dann selbst in dieser Besetzung einen „Götterdämmerungs-Sound“ produzieren, wie er von Strauss auch augenzwinkernd gedacht war. Dass so allerdings die Zukunft der Oper aussieht, wagt der „reichste Mann Wiens“ (der Schauspieler Paul Herwig), dem in Aix das letzte Wort gehört, dann aber zu bezweifeln. Regisseurin Katie Mitchell und Dramaturg Martin Crimp (ein Duo, das etwa mit George Benjamins „Written On Skin“ auch für eine der erfolgreichsten Opernuraufführungen der vergangenen Jahre – 2012 in Aix – verantwortlich zeichnet) versuchen eine Annäherung an die Urfassung der „Ariadne“: Auftraggeber und Gattin (er in Frauenkleidern, sie im Frack), der seine Oper dirigierende Komponist, das Hauspersonal sind während der Aufführung der Oper in der Oper nicht verschwunden, sondern stets präsent. Im zweiten der aus diesmal nur zwei Räumen bestehenden Bühne (man ist von Katie Mitchell da durchaus Mehr-Zimmer-Aufrisse gewohnt) wird die Oper „Ariadne“ gegeben – oder doch eher ein Stück von Schnitzler oder Ibsen? Der Schauplatz ist keine wüste Insel, sondern ein großbürgerliches Wohnzimmer, in dem die verlassene Gattin ihren Erinnerungen nachhängt (großartig gesungen von Lise Davidsen) und Bacchus (Eric Cutler gehört zu den raren Tenören, die diese mörderische Partie durchaus göttlich singen können) als Heilmittel allerhand Pillen aus dem Kästchen zaubert, aber auch eine Pistole. Vielleicht leidet diese Ariadne ja an einer postnatalen Depression ... Man (besser frau) schickt sich in das Schicksal und in eine Inszenierung, die sich manchmal in den Widersprüchen des Stücks zwischen Komödie und Tragödie zu verirren scheint. „Was soll das?“, lässt Katie Mitchell mit einer gewissen Selbstironie irgendwann in Ariadnes Trauergesang hinein die als Mann kostümierte Frau (Julia Wieninger) des reichsten Manns von Wien fragen. Eine Frage, die man viel eher bei der zweiten Premiere – Sergej Prokofjews „Der feurige Engel“ – erwartet hätte, die sich aber erstaunlicherweise dort gar nicht stellt. Engelerscheinungen, Magier, Quacksalber, Hexen, Philosophen, Exorzisten, Faust und Mephisto, ein Inquisitor, dazwischen eine seelisch schwer gestörte, gewiss missbrauchte, hysterisch agierende Kind-Frau, von der ein Mann, Ruprecht, nicht lassen kann, die als Hexe verbrannt wird, das alles irgendwo im Deutschland des ausgehenden Mittelalters ... Von Letzterem allerdings keine Spur bei Mariusz Trelinski. Der polnische Regisseur dieser Koproduktion mit dem Warschauer Wielki-Theater verlegt das Geschehen in eine irgendwo zwischen Edward Hopper, Alfred Hitchcock und David Lynch angesiedelte Szenerie mit schrägen Typen, LSD-Dealern, Puff-Mutter und Travestie-Figuren. Eine Welt des schrillen Scheins, bevölkert von einsamen Menschen, die sich gegenseitig oder eben ihre Kinder missbrauchen, in der das Mädchen Renata aufwächst. Man versteht in diesem Chaos mit einem Mal ganz genau, worum es geht und woran diese Opernheldin leidet. Zwischen Strauss’ Ariadne und Prokofjews Renata liegen nur 16 Jahre, aber ein Weltkrieg. „Der feurige Engel“ wurde gar erst Ende des 20. Jahrhunderts fürs Repertoire entdeckt und erweist sich angesichts der Welt des 21. Jahrhunderts als das Werk der Stunde. Jedenfalls dann, wenn es auch so musikalisch so dargeboten wird wie in Aix – mit Karlsruhes früherem Generalmusikdirektor Kazushi Ono am Pult des Orchestre de Paris und mit der litauischen Sopranistin Aušrine Stundyte als Renata: schlichtweg atemberaubend. Ohne Zweifel, es waren die Frauen, die bei den ersten Premieren der Jubiläumssaison besonders glänzten.

Oper als Psycho-Thriller: Aušrine Stundyte als Renata in Prokofjews „Der feurige Engel“ – atemberaubend.
Oper als Psycho-Thriller: Aušrine Stundyte als Renata in Prokofjews »Der feurige Engel« – atemberaubend.
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