Kultur Ode an das Leben
Harry Dean Stanton gehört zu den bekanntesten unbekannten Schauspielern. In vielen berühmten Filmen von Hitchcocks „Der falsche Mann“ (1956), über Wim Wenders’ „Paris, Texas“ (1984) bis zu David Lynchs TV-Serie „Twin Peaks“ (2017) trat er auf. Kurz vor seinem Tod im vergangenen Herbst im Alter von 91 Jahren hat er schließlich die Rolle seines Lebens spielen können: „Lucky“.
Zu Beginn dieser Ode an die Schönheit des menschlichen Lebens an sich sagt ein Schriftzug: „Harry Dean Stanton ist Lucky.“ Und tatsächlich, der sehr dünne, ansonsten eher unauffällige Mann mit dem Pokerface scheint in keinem Moment zu spielen. Im Gesicht verzieht sich selten ein Muskel. Große Gesten bleiben aus. Geredet wird kaum. Harry Dean Stanton ist da. Er führt nichts vor. Er trägt keine Botschaft vor sich her. Er fasziniert einfach mit der Präsenz seiner Persönlichkeit. Einfach? Lucky lebt allein in einem kleinen Haus außerhalb eines Kaffs am Rande der Wüste, irgendwo im Südwesten der USA. Seine größte Leidenschaft ist das Rauchen. Gleich nach dem Aufstehen und kurz vor dem Zubettgehen pafft er genüsslich eine Zigarette. Tagsüber sind es unzählige. Und sonst? Morgens macht er ein paar Yoga-Übungen und Gymnastik. Später gibt`s im Diner den Kaffee, tagtäglich zur gleichen Stunde, immer am selben Platz. Beim Kauf der Kippen hält er einen Schwatz mit der Verkäuferin. Nachmittags wird eine Ratesendung im TV geguckt. Als Lösungshilfe liegt ein riesiges Lexikon aufgeschlagen auf einem Pult bereit. Am Abend dann schmeckt ihm die Bloody Mary im Kreis alter Bekannter an seinem Stammplatz an der Bar. Nichts Sensationelles geschieht. Es sind die Kleinigkeiten, die den Gang der Zeit und die wenigen Gespräche bestimmen. Wie etwa die Flucht von Mr. Roosevelt, der hundertjährigen Schildkröte von Luckys bestem Freund Howard (David Lynch) ins Nichts der Wüste. Und dann hat Lucky auch mal einen Schwächeanfall. Die Diagnose des Arztes ist so nüchtern wie scheußlich: Der kauzige Einsiedler zählt 91 Jahre. Andere fallen da schon nicht mehr um, weil sie nicht mehr da sind. Was Lucky ins Grübeln bringt. Denn vielleicht zum ersten Mal überhaupt kommt ihm die Endlichkeit des Erdendaseins in den Sinn. Grund zum Traurigsein? Nicht für Lucky! Wenn zu Filmbeginn als erstes eine Zigarette in einem Aschenbecher glimmt und dann der deutlich vom Alter gezeichnete Protagonist in Unterwäsche ins Bild kommt, wird einem im Kinositz erst einmal mulmig. Das sieht nach einer sentimentalen Geschichte über Einsamkeit im Alter aus. Doch schon beginnt Lucky mit seinen Turnübungen. Und sofort hat die Erzählung ihren gleichermaßen von leiser Melancholie und feinem Humor getragenen Ton. Nach der sekundenkurzen Irritation des Beginns fühlt man sich einfach nur wohl als Begleiter des greisen Kauzes. Nicht, dass die Unbill des Alters heruntergespielt würden. Doch wie sie beleuchtet werden, und wie Harry Dean Stanton das Publikum mit Charme und Witz und spürbarer Lebenslust einfängt, das lässt Trübsinn keinerlei Raum. Es ist nicht einzuschätzen, ob Harry Dean Stanton diesen Lucky gespielt oder ob er den Charakter vor Kamera und Mikrofon wirklich gelebt hat. Sicher ist: Selten hat eine Kunstfigur im Kino durch die Präsenz eines Darstellers derart lebensecht angemutet. Dies ist ohne Zweifel auch der Tatsache zu danken, dass ihm die Rolle tatsächlich auf den Leib geschneidert worden ist. Die Drehbuchautoren Drago Sumonja und Logan Sparks, beide Debütanten wie der Regisseur, beide, wie der Regisseur, als Schauspieler erfahren, waren mit Harry Dean Stanton eng befreundet. Sie haben persönliche Erlebnisse mit ihm und manches Bonmot von ihm in das Skript einfließen lassen. Wesentlich ist dazu eine bemerkenswerte Übereinstimmung des Schauspielers mit der von ihm verkörperten Figur: Harry Dean Stanton und Lucky eint, dass sie sich ihre individuelle Unabhängigkeit bewahrt haben, sich nicht von lockendem Geld oder Ruhm haben verbiegen lassen. Und so feiert der Film denn auch die Freiheit des Einzelnen als eine wesentliche Errungenschaften der sogenannten westlichen Welt. Wobei er zeigt, wie sehr diese derzeit vom um sich schlagenden geifernden Konservatismus bedroht ist. Das allerdings geschieht mit vornehmer Zurückhaltung, nebenbei, und ist gerade deshalb wirkungsvoll. Es wird mit Nonchalance, mit Augenzwinkern erzählt, klar, dass es keineswegs immer ein lautes Poltern braucht, um sich durchzusetzen. Sanftmut kann sehr effizient sein, um die Welt zu verbessern. Neben Harry Dean Stanton brilliert ein hochkarätiges Schauspielensemble, angeführt von dem überaus einfühlsam agierenden David Lynch, der durch Filme wie „Blue Velvet“ und „Wild at Heart“ Weltruhm als Regisseur errungen hat. Die übrigen Mitwirkenden sind keine Stars. Doch viele sind, wie der Hauptdarsteller, oft in einprägsamen Nebenrollen aufgefallen, etwa Ed Begley jr. („Star Trek: Raumschiff Voyager“), Tom Skerritt („Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“), Beth Grant („Little Miss Sunshine“). Auch Regisseur John Carroll Lynch, der nicht mit David Lynch verwandt ist, wurde vor der Kamera bekannt, so durch seine Interpretation des Ehemanns von Frances McDormand in „Fargo“. Sie alle zeichnen, mitunter in nur einigen kleinen Momenten, reiche Charakterbilder. Es ist, als habe der Regisseur seinen Schauspielern den Film geschenkt. Man meint, seine Liebe zu ihnen zu spüren. In der herzerweichend schönsten Szene des Films singt Lucky/Harry Dean Stanton das spanische Lied „Volver“. Da bezaubert er denn auch als Chansonnier. Das hat er bereits vor 50 Jahren getan, als Tramp im Gefängnisdrama „Der Unbeugsame“. Damals hat er „There Ain`t No Grave Gonna Hold My Body Down“ gesungen: „Es gibt kein Grab, dass mich halten könnte.“ Dem ist wohl so. „Lucky“ hat Harry Dean Stanton am Ende seiner beruflichen Laufbahn und seines Lebens unsterblich gemacht. Zum Finale des Films steht die Frage im Raum, was wir Menschen dem unausweichlichen Tod entgegensetzen können. Lucky weiß eine Antwort darauf. Die schenkt er seinem Publikum. Und es passiert höchst Ungewöhnliches: „Lucky“ macht glücklich.