Kunst
Niki de Saint Phalle: Große Retrospektive in Frankfurt
Zum Schießen trug Niki de Saint Phalle gerne einen knallengen weißen Ganzkörperanzug und schwarze Stiefeletten. Gewehr in die Hand und: Peng! Der Anzug hängt, kaum befleckt und nach 60 Jahren erstaunlich gut erhalten, an der knallpinken Wand. Die Schirn begrüßt uns nicht mit dem Erwartbaren, den überdimensionierten Nanas, die jeder kennt und die man für harmlos-bunte Skulpturen halten kann. Sie begrüßt uns mit der jungen Niki de Saint Phalle, die mit ihren „Schießbildern“ (Tirs) Anfang der 1960er-Jahre auf sich aufmerksam machte: Vor Publikum und manchmal mit Kollegen wie Jasper Johns und Robert Rauschenberg schoss sie mit einer Schrotflinte auf weiße Gipsreliefs, die sie gleichzeitig zerstörte und neu erschuf. Sie schoss, immer im Superwomananzug, auf Kirchen und das Patriarchat, auf Kennedy und Chruschtschow, ihr persönliches Statement gegen den Krieg, den Kalten.
Pendlerin zwischen Europa und Amerika
Niki de Saint Phalle hieß eigentlich Cathérine. Geboren am 29. Oktober 1930 in einem Nobelvorort von Paris, wuchs sie in New York auf, ihr Vater war Bankier und hatte beim großen Börsencrash von 1929 alles verloren. Ein Leben lang sollte sie zwischen Europa und den USA pendeln. Es war eine großbürgerlich-adlige Familie, in der Cathérine aufwuchs. Eine Tochter aus gutem Hause also, wie man so sagt? Na ja. Seit sie elf war, missbrauchte ihr Vater sie. Sie war traumatisiert fürs Leben. Später schoss sie in ihren Kunst-Performances nicht nur auf Daddy, sondern auf alle Daddys, die ihren Kindern körperliche und sexuelle Gewalt antun. Und gleich auf das Böse schlechthin.
Die Kunst als Therapie also? „Ich wurde Künstlerin, weil es für mich keine Alternative gab“, ist der meistzitierte Satz von Niki de Saint Phalle, und: „Zu anderen Zeiten wäre ich für immer in eine Irrenanstalt eingesperrt worden.“ Für Katharina Dohm, die Kuratorin der zuvor im Kunsthaus Zürich gezeigten Frankfurter Ausstellung, greift es aber zu kurz, wenn man ihr ganzes Werk unter dem Aspekt des väterlichen Missbrauchs liest. Zu bedeutsam ist Niki de Saint Phalles Beitrag zur Kunst des 20. Jahrhunderts, zur, man kann es nicht kleiner ausdrücken, Kunstgeschichte. Und es wäre, die Ausstellung zeigt es, genauso falsch, ihr Werk auf die Nanas zu reduzieren, die sie 1965 zum ersten Mal vorstellte.
Jean Tinguely, ihr Mann fürs Leben
Die Autodidaktin, darauf legte sie wert, war zu Hause in der Malerei, der Bildhauerei, der Aktionskunst, der Architektur, im Film, im Theater. In den 1950er-Jahren arbeitete sie als Malerin und entsprach dem klassischen Rollenbild, heiratete jung, bekam zwei Kinder. 1960 lernte sie den Schweizer Bildhauer und Kinetik-Künstler Jean Tinguely (1925-1991) kennen, der ihr Mann fürs Leben und für viele gemeinsame Arbeiten werden sollte. Sie heirateten 1971, kurz nach ihrer Trennung. Zwei Jahre später bekam er ein Kind mit einer anderen Frau. Nicht nur in der Kunst, auch im Leben war viel Happening. Ebenfalls 1971 wurde Niki de Saint Phalles Enkelin Bloum Cardenas geboren, die bei der Pressekonferenz in der Schirn in der ersten Reihe saß und einen Statement-Pullover trug: „Les Nanas au Pouvoir!“
Alle Macht den Nanas: So ist es gekommen. In Hannover, in Paris, in Zürich sind sie stadtbildprägend. Der spektakulärste dieser immer beeindruckend üppigen, sinnlichen, grellbunten Frauenkörper hieß „Hon“, war über 25 Meter lang, neun Meter breit, sechs Meter hoch und konnte 1966 im Moderna Museet in Stockholm durch die Vagina betreten werden. Die Ausstellung in der Schirn umfasst etwa 100 Exponate aus allen Schaffensbereichen der Künstlerin. Viele feiern die Weiblichkeit, spielen mit Formen, pfeifen auf Konventionen. Die Ausstellung zeigt Niki de Saint Phalle als explizit politische Künstlerin, die sich bis zum Schluss in gesellschaftliche Debatten einmischte. Es war am Ende, leider, ihre lebensbejahende und fröhliche Kunst, die sie krank machte: Bei der Arbeit mit Kunststoffen hatte sie, nur unzureichend geschützt, über eine lange Zeit giftige Dämpfe eingeatmet. Niki de Saint Phalle starb am 21. Mai 2002. Ihr beeindruckendes, originelles Werk wird bis zu ihrem Todestag in Frankfurt gezeigt. Und dann könnte man direkt eine Reise in die Toskana anschließen und ihr Lebenswerk besuchen, den „Tarot-Garten“ in Capalbio.
Die Ausstellung
Niki de Saint Phalle, Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 21. Mai