Rap RHEINPFALZ Plus Artikel Neue Album von Eminem: „The Death of Slim Shady (Coup De Grâce)“

Teilt krass gegen alles woke aus: Eminem.
Teilt krass gegen alles woke aus: Eminem.

Eminem, der 51-jährige Großrapper aus Detroit versucht auf seinem zwölften Album „The Death of Slim Shady (Coup De Grâce)“, noch mal so krass zu sein wie als Mittzwanziger. Und fällt auf die Nase.

Es gibt da diesen elsässischen Flammkuchenbäcker. Man sieht ihn jedes Jahr bei einem Sommerfest-Wochenende mit Freunden, und genauso häufig erzählt der nicht mehr junge Mann diesen einen Witz. Darin geht es um eine Nonne, eine Katze und ein Schüsselchen mit Milch, im Detail soll das jetzt mal unausgeführt bleiben, und nun ja, der Witz ist einiges, vor allem frauenfeindlich und sexistisch, nur lustig ist er nicht. Und er wird jedes Jahr ein bisschen peinlicher.

Eminem, bürgerlicher Name Marshall Bruce Mathers III., ist der elsässische Flammkuchenbäcker des Hip-Hop. Der Mann, bei einer drogensüchtigen und nach seinen Angaben gewalttätigen Mutter arm, wurzellos und als Mobbingopfer aufgewachsen, ist der erfolgreichste Rapper der Geschichte. Hat 220 Millionen Tonträger verkauft, 15 Grammys erhalten, und wurde 2022 in die eher konservative „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen. Der Rapper wird vor allem von Menschen geliebt, die sonst gar nicht so gerne Rap hören.

„The Death of Slim Shady (Coup De Grâce)“
»The Death of Slim Shady (Coup De Grâce)«

Seine größten Hits heißen „Without Me“, „Cleanin’ Out My Closet“, „My Name Is“, „Lose Yourself“ und „Stan“, jene mörderische Stalkerfantasie, in deren Zentrum er die sanfte Dido-Nummer „Thank You“ stellte. Der letzte richtig durchschlagende Erfolg gelang ihm 2010 mit „Love the Way You Lie“ mit Rihanna. In späteren Jahren experimentierte er mit einer etwas gereiften, irgendwie zur Vernunft gekommenen Version seiner selbst. Ins Zentrum des zeitgenössischen Pop schaffte er es nicht mehr.

Aber Eminem, mittlerweile 51 Jahre alt, mag sich nicht mit der Rolle des in die Jahre gekommenen Schockrappers begnügen, der gut von seinen Tantiemen lebt. Er bietet mit „The Death of Slim Shady (Coup De Grâce)“ nicht etwa ein selbstironisches oder lässiges Alterswerk an. Er teilt noch mal richtig krass gegen alles woke aus. Doch Eminem kann machen was er will, er schockt einfach nicht mehr. Als er groß wurde, waren die Leute noch nicht so abgestumpft.

Eine Zumutung

Inhaltlich ist das Album eine Zumutung. Ja klar, das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt, und wer weiß, kann ja sein, dass der Vater von drei Kindern im normalen Leben ein Supertyp ist. Nur was mag wohl sein 22-jähriges Adoptivkind Stevie, das sich seit einigen Jahren als nichtbinär definiert, davon halten, dass der Devil-Daddy in gefühlt jedem zweiten Song gegen Trans-Menschen wütet? Ob das Stück nun „Antichrist“, „Road Rage“ oder „Habits“ heißt – die heftigen Tritte tun selbst weh, wenn man sie als ironisch auffasst.

Wieder und wieder reibt sich der Rapper an den Pronomen „er/sie/es“, am Wort „gay“, am „woken BS“, also Bullshit, an der „Political-Correctness-Police“. Geradezu obsessiv drischt er auf die Transfrau Caitlyn Jenner ein und auf den 2004 gestorbenen Schauspieler Christopher Reeve, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt war. Auch Menschen, die nicht den körperlichen Vorstellungen von Slim Shady entsprechen, der Sängerin Lizzo etwa, geht es ans Leder.

Noch mal ein Tophit

Die trostlose textliche Brachlandschaft wissen Eminem und gelegentliche Gaststars wie die Rapper Bizarre, Big Sean und BabyTron sowie Produzenten wie sein Mentor Dr. Dre zumindest musikalisch ein bisschen zu bewässern. „Brand New Dance“ klingt nach Party und, ja tatsächlich, guter Laune und ist schön funky. „Tobey“, eine Art Verneigung vor Spider-Man-Darsteller Tobey Maguire, hat etwas unterschwellig Bedrohliches. Die einzige Ballade „Temporary“ (gesungen von Skylar Grey) ist eine weitere Liebeserklärung an Tochter Hailie, inzwischen 28 und erfolgreiche Modeinfluencerin. Bei Hailie hören die hasserfüllten Clownerien also nach wie vor auf, immerhin.

Auch für einen Tophit hat es nach langer Zeit mal wieder gereicht. „Houdini“ steht in den globalen Charts auf Platz eins, die Nummer läuft selbst im Radio sehr gut. Sie klingt wie die alten Sachen und basiert auf dem einfach genialen Refrain von Steve Millers 1982er-Hit „Abracadabra“.

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