Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Neu herausgebracht: Biografie von Schriftsteller Jörg Fauser

Für viele Nachwuchsautoren sei Jörg Fauser ein tolles Leitbild, sagt sein Biograf Matthias Penzel
Für viele Nachwuchsautoren sei Jörg Fauser ein tolles Leitbild, sagt sein Biograf Matthias Penzel

„Pionier der Popliteratur“ wäre ein möglicher Titel gewesen für die jüngst überarbeitete Biografie eines Mannes, der zuweilen fast kultische Verehrung erfährt. Am 16. Juli wäre der Schriftsteller Jörg Fauser 80 geworden. Einer seiner beiden Biografen ist der Berliner Journalist und Schriftsteller Matthias Penzel, der lange in Kaiserslautern und Ludwigshafen zu Hause war.

Mitten in der Nacht, alleine und zu Fuß auf der Autobahn unterwegs, wurde Jörg Fauser 1987 von einem Lastwagen erfasst. Am Abend hatte er noch in einer Münchener Szenebar seinen Geburtstag gefeiert. Doch nicht nur, weil sein Leben so jäh endete mit nur 43 Jahren, werde er verehrt, sagt Penzel. „Sein Leben und seine Haltung führten dazu, dass man seine Bücher anders lese, weil man einfach mehr damit assoziiere, als bei anderen Autoren. Es geht ja bei Pop nicht nur um den Sound alleine, sondern auch um das ganze Drumherum.“ Daraus erwachse auch Fausers Kultstatus. Leben und schreiben wie im Rausch.

Jörg Fauser
Jörg Fauser

„Da hätte so viel noch sein können. Er war einfach noch voll am Anfang“, sagt sein Biograf. Die große Verehrung für ihn führt er darauf zurück, dass Fauser sich „von so ganz ganz unten“, von Beiträgen für kleinste Fanzines, die damals noch auf Matrize gezogen wurden, abgestrampelt und hockgeackert habe bis zu Buchveröffentlichungen bei renommierten Verlagen wie Rogner & Bernhard, Ullstein oder Hoffmann und Campe. „Deshalb ist er für unheimlich viele Nachwuchsautoren ein tolles Leitbild“, sagt Penzel, selbst Romanautor („TraumHaft“) und Autobiograf („Objekte im Rückspiegel sind oft näher, als man denkt“).

Inzwischen ist Fauser beim Schweizer Diogenes Verlag angekommen, der ergänzend zu seiner Werkedition die umfangreiche Biografie neu herausgibt, die 2004 zum 60. Geburtstag erschienen ist. Der Titel: „Jörg Fauser – Rebell im Cola-Hinterland“. Penzel hat sie mit dem taz-Redakteur Ambros Waibel verfasst. Penzel, 58, und Waibel, 56, sind etwa gleichaltrig, haben aber unterschiedliches Vorwissen und konnten sich daher gut ergänzen. Die Arbeit haben sie aufgeteilt nach Themen, Lebensabschnitten und Schaffensperioden beziehungsweise den Orten, an denen Fauser lebte: Frankfurt/Main, wo er aufgewachsen ist, London, Heidelberg, wo er im Bethanien-Krankenhaus seinen Zivildienst ableistete, Istanbul, wo er als Junkie versumpfte, Berlin, Göttingen, Marokko, München.

Fast vergessener Autor

Bei der Erstausgabe sei die Lage noch eine ganz andere gewesen, erinnert sich Penzel. „Wir haben ein Jahr dran geackert.“ Da habe es gerade mal noch ein Buch von Fauser zu kaufen gegeben bei einem Kleinstverlag ohne Vertrieb, alles andere allenfalls antiquarisch. Braucht es überhaupt eine Fauser-Biografie?, war die Frage. Und die Antwort: Wenn er gerade in Vergessenheit gerät, dann umso mehr. In die Neuveröffentlichung haben sie noch einmal ein ordentliches Quantum Arbeit hineingesteckt, da es dem Autorenduo nicht allein darum ging, etwaige Fehler auszubessern, die ihm inzwischen aufgefallen waren, sondern weil es mit seinen Recherchen mittlerweile viel weiter vorangekommen war. Die Neuauflage ist mit 600 Seiten mehr als doppelt so dick.

Ein Gespräch mit Ex-Außenminister Joschka Fischer, wie Fauser einst im Frankfurter Häuserkampf aktiv, erwies sich als unergiebig. Der Politiker erinnerte sich kaum. „Entweder war der Fauser so unauffällig oder der Fischer so von sich eingenommen“, zitiert Penzel das abschließende Urteil seines Ko-Autoren Ambros Waibel. Vor allem aber hat Fausers Witwe Gabriele, die mittlerweile selbst gestorben ist, den Nachlass ihres Mannes dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach übergeben, sodass die Biografen ihn endlich einsehen konnten.

Wertvolle Kalendereinträge aus Nachlass

„Der Nachlass ist total aufregend“, begeistert sich Penzel, besonders die Kalendereinträge des Schriftstellers. „Weil er da irgendwann mal angefangen hat, richtig ordentlich Buch zu führen. Wann er welche Sachen schreibt und wie viele Seiten, und wen er trifft. Das ist praktisch wie ein Arbeitsjournal. Jeden Tag steht da eine kleine Notiz, und das halt bis zum Tod.“ Nur in den letzten Wochen sei komischerweise viel Luft. „Hockt er da viel rum und starrt nur an die Decke und kommt nicht richtig voran?“, fragt sich Penzel.

Auch das Kapitel über Fausers Tod geht auf Penzel zurück. Er glaubt nicht an die These vom Selbstmord. Auch wenn Fauser seine Lebensversicherung erst kurz zuvor abgeschlossen habe, und selbst wenn sich in einzelne Verse seiner Lyrik suizidale Tendenzen hineinlesen ließen. Der Biograf beruft sich unter anderem auf einen langjährigen Gerichtsreporter und ehemaligen Klassenkameraden des Verstorbenen, der überzeugend dargelegt habe, das Selbstmörder nicht auf die Autobahn gingen. Viel zu groß und unberechenbar sei dort das Risiko, „nur“ schwer verletzt zu werden und in der Konsequenz im Rollstuhl zu landen. „Wenn man das wirklich möchte, macht man das anders.“

Stoff für einen Film, den niemand dreht

Die halbleeren Kalenderseiten vor dem Tod könnten dennoch auf eine Krise hindeuten. „Vielleicht war der Drive weg“, spekuliert Penzel, und der Schriftsteller zu diesem Zeitpunkt möglicherweise sehr bemüht, etwas besonders Beeindruckendes, ein weiteres Erfolgsbuch wie „Der Schneemann“ zu verfassen. Ehrgeizig sei er gewesen und im Augenblick beim Schreiben vielleicht nicht so richtig in die Gänge gekommen. „Aber das ist kein Grund, sich umzubringen.“

1944 geboren und 1987 getötet – die Lebensdaten des Schriftstellers decken sich fast mit dem Bestehen der Bundesrepublik bis zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung. Eine Empfehlung zu geben, wo am besten einzusteigen sei, um sich Fauser neu zu erschließen, fällt Penzel schwer. Ihn als Journalisten beeindrucken vor allem die Reportagen: „kleine Meisterwerke, toll komponiert“. Unter Fausers Gedichten, gebe es etliche, die alle Zeiten überdauern würden. Von den Romanen werde vor allem das autobiografische Buch „Rohstoff“ (1984) überdauern, das das Werden eines Schreibers, „die ganze Verlogenheit und die hohlen Phrasen“ beschreibt. „Das Schlangenmaul“ (1985), meint Penzel, müsste man eigentlich verfilmen. Als Buch sei es vielleicht nicht so super, aber es habe viel, was in einem Film toll wirken würde. „Das, denke ich, müsste mal jemand machen. Aber außer mir denkt das niemand.“

Lesezeichen

Matthias Penzel, Ambros Waibel: „Jörg Fauser – Rebell im Cola-Hinterland – Die Biografie“; Diogenes Verlag, Zürich; 640 Seiten; 32 Euro.

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