Streaming RHEINPFALZ Plus Artikel Neu auf Netflix: „München“ mit Ulrich Matthes als Hitler

Jeremy Irons spielt in „München“ Premierminister Neville Chamberlain.
Jeremy Irons spielt in »München« Premierminister Neville Chamberlain.

Regisseur Christian Schwochow, der schon öfter ein Händchen für Stoffe aus der jüngeren deutschen Geschichte bewiesen hat, widmet sich in seiner neuesten TV-Arbeit dem Roman „München“ von Robert Harris. Thema ist das Zustandekommen des „Münchner Abkommens“ anno 1938. Herausragend: Ulrich Matthes als Adolf Hitler.

Im Frühjahr 1938 liegt ein Krieg in Europa in der Luft. Hitler (Ulrich Matthes) richtet nach der Annexion des Rheinlands und Österreichs den Blick auf das Sudetenland, das Teil der Tschechoslowakischen Republik ist. Frankreich müsste dem Land zu Hilfe kommen, Großbritannien müsste sich anschließen. Premierminister Neville Chamberlain (Jeremy Irons), ein müder, von den Jahren im Amt gezeichneter Pazifist, will jedoch mit diplomatischen Mitteln eine bewaffnete Auseinandersetzung verhindern. Dafür drängt er seinen Erzfeind aus Berlin gemeinsam mit Italiens Diktator Mussolini und Frankreichs Präsident Daladier an den Verhandlungstisch in München.

Zu den Delegationen gehören zwei alte Freunde aus Oxford, die 1932 im Streit auseinandergingen. Hugh Legat (George MacKay), Chamberlains Privatsekretär, und Paul von Hartmann (Jannis Niewöhner), Dolmetscher im diplomatischen Dienst. Einst war er glühender Anhänger Hitlers und schwärmte von dessen Ambitionen, den Deutschen ihren Stolz wieder zu geben. Jetzt gehört er zu einer losen Gruppe von Diplomaten und Militärs, die über die Entmachtung von Hitler nachdenken. Von Hartmann will Chamberlain ein Dokument mit den wahren Zielen Hitlers zuspielen, um das Abkommen zu verhindern.

Die Grenzen der Diplomatie

Für seinen deutsch-britischen Politthriller reduziert Christian Schwochow den Wälzer von Robert Harris auf die Beziehung der beiden Männer und legt den universellen Kern der Geschichte frei: Wann sind die Wege der Diplomatie ausgeschöpft, um auf aggressives Verhalten zu reagieren? Und welches Mitspracherecht haben die Betroffenen am Verhandlungstisch der Supermächte.

Wohl mit Einverständnis des Autors verzichtet er auf die ausführlich beschriebenen innenpolitischen Diskussionen auf der Insel. Chamberlains Widersacher Winston Churchill forderte, Hitler keinen Fußbreit nachzugeben. Der Regierungschef war dagegen überzeugt, dass das Land für einen Krieg nicht gerüstet sei, und wollte Zeit gewinnen. Die Geschichte gab seiner bis heute umstrittenen Appeasement-Politik wahrscheinlich in gewissem Maße Recht. Hitler verschob den Angriff auf Polen um ein Jahr. Die Tage von München verschafften den Alliierten Luft, um Europa von Hitler zu befreien. Oder hätte ein früherer Krieg gegen Hitler Millionen Tode verhindern können?

Die fehlende Erinnerung

Ins Zentrum rückt der Berliner Regisseur unmerklich die Unwucht in der deutschen Erinnerungskultur, die den Widerstand des 20. Juli 1944 feiert. Einer der Verschwörer war Adam von Trott zu Solz aus einem hessischen Adelsgeschlecht. Er gehörte nachweislich seit 1939 zum Widerstand und war Vorbild für die fiktive Figur von Hartmann. Vernachlässigt wird in Deutschland heute vor allem das Gedenken an Menschen, die früh den verbrecherischen Geist Hitlers erkannten und sich ihm entgegen stellten. Eine von ihnen war Lenya (Liv Lisa Fries), Freundin von Legat und von Hartmann. Bei Harris ist sie eindeutiger als Kommunistin gezeichnet als im Film.

Im Gegensatz zu ihr fehlt von Hartmann und seinen Mitstreitern aus dem Widerstand am Ende der Mut, ihr Leben zu opfern. Sie verschließen die Augen vor Hitlers Verbrechen, auch weil ihnen das Schicksal ihre Mitbürger jüdischen Glaubens egal ist, deren Verfolgung auf den Straßen Berlins und Münchens bei Schwochow nicht zu übersehen ist.

Der Kern des Wahns

Der Berliner Regisseur spitzt die Handlung auf die uralte Frage zu, wann Widerstand gegen Unrecht zur Pflicht wird und inwieweit der Einzelne den Lauf der Geschichte beeinflussen kann. Und er streift ein Thema, das er gerade in „Je suis Karl“ aufgriff: die Verführbarkeit insbesondere von jungen Menschen durch Ideologien und charismatische Persönlichkeiten. Hitler gibt Matthes als einnehmenden Menschenversteher- und Verführer, dem Millionen Deutsche auf den Leim gingen.

Mattes strebt keine Ähnlichkeit mit Gestus oder Sprache des Verbrechers an, er legt den Kern seines Wahns frei. Diese geniale Interpretation ist der Höhepunkt dieser innovativen, klugen und künstlerisch gelungenen Adaption, die von einem herausragenden Schauspielensemble getragen wird.

Termin

„München – Im Angesicht des Krieges“ ist ab 21. Januar bei Netflix zu sehen.

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