Kultur Mythos Alltag: Was uns blinkende Kopfhörer zu sagen haben und ihre Träger nicht hören wollen

Blinkende Kopfhörer bei der „Silent Disco“ in Ellerstadt.
Blinkende Kopfhörer bei der »Silent Disco« in Ellerstadt. Foto: Von Löbbecke

Kann alles Mythos werden? „Ich glaube ja, denn das Universum ist unendlich suggestiv“, schrieb Roland Barthes in seinem Werk „Mythen des Alltags“. In loser Folge begeben wir uns auf Spurensuche. Heute geht es um Kopfhörer als das Kulturprodukt der Epoche.

Das Jetzt ist paradox, eh. Zum Beispiel die Sache mit dem Lärm und der Stille. Studien zeigen: Die Vögel singen inzwischen lauter, um durch den Dauerschall-Pegel aus Handybrummklingeln und Laubbläsergedröhn, Spülmaschinenfiepen, Akkuschrauber-Rrrrrr, Celloübquietsch, Flugzeugschallgeföns und so weiter et cetera zu dringen, morgens schon. Krankmachender (Herzkreislauf!) Gegenwarts-Grundlärm aber zieht sich bis weit nach Mitternacht, final aus den Autoposerboxen geparkter Boliden mit tätiger Warnblinkanlage. Dann beginnt alles neu mit Amselgesang.

„Technischer Abfall“ (Straßenlärm) zählt einer Untersuchung des Umweltbundesamts zufolge zu den am stärksten empfundenen Umweltbeeinträchtigungen. Unstillbar in dieser allfälligen Lärmumhüllung: die Sehnsucht nach Stille. Daraus entstanden die Misophonie, die neue Laktoseintoleranz, der Hass auf Geräusche, der episodisch Ehefrauen am Frühstückstisch angesichts cornflaksender Männer befällt, Sitznachbarn von Popcorn-Usern im Kino, Fahrgäste im, ha ha ha, Ruhebereich des ICE von München nach Kiel, vollbesetzt mit sich „connectenden“ IT-Schwaben. Aber gleichzeitig dröhnt in uns auch diese leise Angst vor dem Nichts als Tonspur, leicht in schalldichten Räumen zu spüren, wie sie die Stasi genutzt hat – als Folterkammern.

Denn der Bammel vor der Ruhe, davor, dass der Pegel des Lärms auf Nulllinie steht, ist einer unserer Ur-Urinstinkte. Vielleicht rührt das daher, dass am Anfang des Daseins, im Mutterleib, durch den Blutkreislauf Presslufthammer-artige Verhältnisse herrschen. Und posthum Grabesstille gällt. Wie auch immer: Menschen hassen Lärm. Und sie fürchten die Stille, auch weil sie – wie schon der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung („Archetypen“) schrieb – zum Nachdenken veranlasst. Gott bewahre, „was einem da alles zu Bewusstsein kommt“.

Ein wichtigtuerisches Statement

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass die Beschallung von Geschäften zu den verkaufspsychologischen Tricks gehört, weil „Forscher“ herausgefunden haben, dass Etablissements ohne Akustik-Bedröhnung kauflusttötende Beklemmungen auslösen. Dass Digitalkameras unnötig klackern beim Auslösen wie ihre Spiegelreflexvorgänger. Dass es raschelt, wenn man eine Datei in den Desktop-Papierkorb zieht, und Autos auf Wunsch mit „akustischer Schließrückmeldung“ ausgeliefert werden – sie hupen zur Beglaubigung. Das Menschsein, ohnehin schwer und schwer zu begreifen, ist ausgefüllt mit Komplexität und Widersprüchen. Und viele davon haben mit den Ohren zu tun.

„Wenn die stille Zeit vorbei ist, wird es auch wieder ruhiger“, meinte einmal lebensklug wie immer Karl Valentin über die jetzt mit Klingelingeling und „Last Christmas“ anbrechende Weihnachtszeit. Zuletzt saß jemand im Bordbistro des ICE, ein junger Mann, – morgens um fünf – mit kokosnusshalbschalengroßen Kopfhörern auf dem gekonnt unfrisierten Schädel. Sie blinkten schwer symbolisch im Takt eines dumpf hörbaren N-tzzz-n-tzzz-n-tzzz-n-tzzz auberginefarben, rosarot. Blinkende Kopfhörer, das war nun wirklich ein wichtigtuerisches zeitdiagnostisches Statement.

„Lass mich bloß in Ruhe!“

„Lass mich bloß in Ruhe!“, schrien uns die Verschlusskapseln entgegen, verständlich am frühen Morgen. Natürlich aber nur, um uns andere Monaden-Nomaden gleichzeitig optisch teilhaben zu lassen an seinem unvollständig abgeschotteten, bestimmt mega-interessanten N-tzzz-n-tzzz-n-tzzz-n-tzzz-Innenleben. Und mit großer Penetranz angesichts der gedimmten Lichtverhältnisse, in der auf Schienen fahrenden Kneipe, in der einmal mehr die Kühlung ausgefallen war. Ein perfektes Bild auch für die coole psychosoziale Verfasstheit der digitalen Ureinwohner, selbstversunken und allzeit sendebereit. Vielleicht ist wirklich, wie der Digitalprophet Sascha Lobo sagt, der Kopfhörer das wichtigste Kulturprodukt der Epoche. Der nächste Spielplatz auch für den digitalen „Fortschritt“.

Seit vielen Jahren schon jedenfalls sind die Dinger auf dem Vormarsch. In Straßenbahnen, Zügen, auf dem Fahrrad, in den Katakomben der Fußballstadien, in denen die Profis mit Kopfhörer gerüstet, wortlos an Reportern vorbeischnüren. In Großraumbüros führt das Ohropax 2.1 deren Sinn (?), die unbedingte Gesprächsbereitschaft, ad absurdum. Blinkende, lautverstärkende Schalldämpfer werden bei sogenannten Silent Discos eingesetzt. Mit leuchtenden Katzenohren versehen, hat die Recherche ergeben, sind sie den Nachwuchs verhöhnend in Kinderzimmer eingezogen. Wohl, um was da nachkommt, zu Akustik-Autisten zu erziehen.

Astreine Blase

Die Firma Bose hat ein Zukunftsmodell herausgebracht, bei dem die Lautsprecher im Bügel einer Sonnenbrille integriert sind. Die Inhalte (Navigationsbefehle etwa) kommen aus dem Smartphone, zum Telefonieren ist ein Mikro installiert, man wird also in Zukunft womöglich einige verrückte Sonnenbrillenträger durch die Stadt gestikulieren sehen. Längst etabliert dagegen ist eine herkömmlich aussehende Variante, mit der sich bestimmte Frequenzbereiche aussteuern lassen.

So astrein ist dabei das „noise cancelling“, dass man sich noch neben einer Teerwalze vom Polier gut verständlich anschreien lassen kann. Oder nicht. Früher waren solche Teile den Arbeitern in Kernkraftwerken vorbehalten – ohne Witz. Jetzt scheint Kernschmelze jederzeit als akustisches Signal zu drohen. Ein Sinnbild auch dafür, dass sich der Gegenwartsmensch immer mehr einlullt in seine eigene Blase. Und abschottet gegen alles, was ihm nicht gefallen könnte, oder ihn stört. Kognitive Dissonanz? Nicht auszuhalten. Wird man doch mal sagen dürfen, auch wenn es niemand hören will - N-tzzz-n-tzzz-n-tzzz-n-tzzz.

Katzenohren-Variante für Kinderzimmer.
Katzenohren-Variante für Kinderzimmer. Foto: Hersteller
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