Rock am Ring
So lief Tag zwei bei Rock am Ring: Lasst uns doch einfach tanzen und hüpfen!
Die Vorfreude der Fans gerade vor der Hauptbühne, der Utopia Stage, war am zweiten Tag wohl ziemlich deutlich auf die beiden letzten Acts ausgerichtet. Einmal auf eine ziemlich große deutsche Band, die allerdings auf Englisch singt und im vergangenen Jahr noch als Überraschungsgast am Ring aufgetaucht ist: Electric Callboy, 2010 ausgerechnet in Castrop-Rauxel gegründet und seit 2020 auf einer immensen Erfolgswelle schwimmend. Der Stil wird mitunter etwas umständlich als Electronicore bezeichnet, was man vielleicht auch als eine Mischung von Techno und Metal bezeichnen könnte. In Nico Sallach haben sie einen Sänger, in Kevin Ratajczak einen Shouter. Zusammen ergibt das den Sound von Electric Callboy, der vor allem eines ist: unfassbar energiegeladen und einpeitschend, damit natürlich auch nicht sonderlich komplex.
Das sieht bei dem Headliner des Abends ähnlich, aber doch ganz anders aus. Sicherlich sind Volbeat, die bereits zum vierten Mal am Ring als Headliner fungieren, vor allem Hard Rock, auch Heavy Metal, aber eben auch Rock ’n’ Roll. Und das liegt an der Stimme ihres Sängers Michael Poulsen, der in manchen Augenblicken tatsächlich wie Elvis klingt.
Der Tag auf der Mainstage begann so, wie der Abend vorher geendet hatte: mit einer starken Frauenstimme. Die australische Sängerin Ecca Vandal war zum ersten Mal bei Rock am Ring zu Gast. Und es folgte noch mehr Frauenpower, mit Taylor Momsen als Sängerin von The Pretty Reckless aus New York. Der ehemalige Kinderstar ist längst nicht mehr wegzudenken aus der US-amerikanischen Rockszene, und sie überzeugt auch am Nürburgring sowohl stimmlich als auch mit ihrer Bühnenpräsenz.
Kommen wir zu einem der wichtigsten Rock-Musiker der vergangenen Jahre: Tom Morello, der sowohl Gitarrist von Rage Against The Machine als auch von Audioslave war. Zudem spielte er regelmäßig mit Bruce Springsteen zusammen. Am Ring ist er mit einer Band, die seinen Namen trägt. Doch er ist komplett derselbe geblieben. Nicht nur, was seine außergewöhnliche Technik betrifft, die er in zahlreichen Songs von Rage Against The Machine präsentiert. Sondern noch mehr in seiner politischen Einstellung, die er den Fans vor der Utopia Stage vermittelt, und die jede Form von Rassismus und Nationalismus verachtet. Irgendwie ist es ganz einfach: Wer den Rock ’n’ Roll liebt, der verachtet die Faschisten. Oder, wie Morello das auf Englisch formuliert, „the bastards“.
Mit Three Days Grace betrat dann eine der größten kanadischen Bands der vergangenen 20 oder 30 Jahre die Bühne, die gerade in den USA extrem erfolgreich ist. Die Band leistet sich den eher ungewöhnlichen Luxus, gleich zwei Sänger zu haben. Frontman Adam Gontier verließ die Band 2013, nachdem man zuvor große Hits gelandet hatte. Er erzählt diese Geschichte auch den Fans am Ring – und freute sich, dass er nur wenige Buhs abbekommt. Für ihn übernahm damals Matt Walst. Doch 2024 kehrte Gontier zurück, und seitdem hat Three Days Grace eben zwei fantastische Sänger, welche die prall gefüllten Reihen vor der Hauptbühne kräftig anzündeten, etwa mit einem der berühmtesten Songs der Band: „I Hate Everything About You“.
Doch dann war Schluss mit dem Rock der 90er und frühen 2000er. Electric Callboy schwimmen derzeit absolut auf einer Erfolgswelle. Man muss diese Musik nicht unbedingt mögen, kann sich ihrer Power, ihrem Druck aber auch kaum entziehen. Und, wer wie wild durch die Gegend rennt oder tanzt oder hüpft, der achtet eh kaum noch auf den Text.
Es gibt gute Gründe, die Musik von Electric Callboy als, pardon, richtig geisteskranken geilen Scheiß zu bezeichnen. Songs wie „Spaceman“ oder „We Got The Moves“, die am Ring am Schluss des eineinhalbstündigen Auftritts der Band standen, machen schlichtweg keine Gefangenen. Man kann nicht stillstehen dazu, die Beats fräßen sich gnadenlos in die Beine – und vor der Utopia Stage sind die Massen am Durchdrehen.
Zudem liefert die Band um die beiden Sänger Nico Sallach und Kevin Ratajczak auch noch eine wirklich gute Show. Sie ist sich nicht zu schade, grell neonfarbene Jogginganzüge der 1990er Jahre anzuziehen – schließlich liegen in dieser Zeit ja auch die Wurzeln ihrer Musik. Sie tragen spacige Uniformen zu „We Got The Moves“. Leiden fließt die unwiderstehliche Energie dann aber auch immer wieder ab, weil die beiden Sänger die 90 Minuten durch zahlreiche Anekdoten und Dialoge glauben füllen zu müssen. Und irgendwann kommt dann eben auch ein wenig ins Grübeln: Der Sound, vielmehr noch der Stil dieser Musik stößt an seine Grenzen. Er ist dann schlichtweg auserzählt.
Und dann kamen Volbeat
Reden scheint dagegen nicht so sehr die Sache von Michael Poulsen, dem Sänger und Gitarristen von Volbeat zu sein. Doch, schon, auch er sucht die Ansprache. Aber ihm und der ganzen dänischen Band scheint es wichtiger, sozusagen die Show am Laufen zu halten. Die Songs folgen in relativ kurzen Abständen aufeinander, dabei werden ältere und neuere gemischt. Das ist einerseits schnörkelloser Rock, der sich zwar durchaus auch als Metal bezeichnen lässt, zugleich aber auf Screamen oder Shouten verzichtet.
Poulsens Stimme verfügt sicherlich nicht über den allergrößten Tonumfang, auch würde man sie sich mitunter etwas druckvoller wünschen. Aber dafür schmiegt sie sich geradezu an. Auch dann, wenn der Sänger ernste Texte transportiert. Aber Songs wie „Lola Montez“ , „For Evigt“ oder auch „Still Counting“ laden eben nicht nur zum Mitsingen, sondern auch zum Mittanzen ein – selbst im Eifelregen. Wie gesagt: Ähnlich, wie bei Electric Callboy. Aber ganz anders.