Mythos Alltag RHEINPFALZ Plus Artikel Mythos Alltag: Das Pfälzer Dubbeglas als Maß aller Dinge

Das Dubbeglas in Aktion beim Dürkheimer Wurstmarkt.
Das Dubbeglas in Aktion beim Dürkheimer Wurstmarkt. Archivfoto: Franck

Mythos Alltag: Das Dubbeglas ist nicht nur ein Glas. Es ist Vermittler einer pfälzischen Lebensart, die so einzigartig ist wie die Form. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass das Dubbeglas in Teilen der Pfalz gänzlich unbekannt war. Seitdem trat es seinen Siegeszug an: Es wird in Hymnen besungen und ist sogar Vorbild für eine Pizza.

Die Hessen haben ihr Geripptes, die Bayern ihre Maß. So hat auch die Pfalz ihr eigenes Glas, oder? Nein, das Dubbeglas ist viel mehr als nur ein Glas. Es ist Ausdruck von Geselligkeit und von einem pfälzischen Gemeinschaftsgefühl: Der eine trinkt Weißherbstschorle, der andere Rieslingschorle, der dritte Traubensaftschorle. Aber alle haben dasselbe Glas. Wenn das leer ist, wird das nächste bestellt. Und jeder hat genau eins in der Hand.

Es ist im Gegensatz zu Schnapsgläsern, bei denen man an den leeren Gläsern zählen kann, wie viel getrunken wurde, eben nicht Ausdruck einer alkoholexzessiven Kultur. Das Dubbeglas verrät nämlich nicht, wie schnell jemand trinkt oder wie viel.

Ein Dubbeglas ist die Trinkgefäß gewordene Egalität. Das Erwerben eines Schoppens Schorle rechtfertigt keinerlei Besitzansprüche. Es ist gesellschaftlich völlig akzeptiert, aus fremden Gläsern zu trinken. Wenn man jemandem auf einem Weinfest begegnet, der kein Glas zum Anstoßen hat, reicht man ihm einfach sein eigenes Glas, um ihm einen Schluck zu spendieren – „gege de truggne Hals“. Bei einem Stilglas würde das komisch wirken.

Vom Krautstrunk zum Dubbeglas

Doch woher kam die Idee, ein Glas mit Dubbe auszustatten? Einer Legende nach hat das Dubbeglas ein Metzger aus Bad Dürkheim erfunden – damit ihm das Glas nicht durch die fettigen Finger gleitet. So gelang das Trinkgefäß auf den Dürkheimer Wurstmarkt, wo es heute nicht mehr wegzudenken ist.

Doch schon vorher gab es Gläser, die so modifiziert waren, dass sie besser in der Hand lagen. In der Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus wurde in Syrien die Glasmacherpfeife erfunden. Schon damals waren der Formvielfalt keine Grenzen gesetzt, wie man erkennen kann, wenn man im Internet nach antiker Glaskunst sucht. Im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus entstanden Gläser mit Kreuzrippen. Im Hochmittelalter waren dann Nuppengläser hoch im Kurs, also Trinkbecher mit aufgesetzten schneckenförmigen Glastropfen, bis sie im 14. und 15. Jahrhundert vom kakteenförmigen Krautstrunk-Glas abgelöst wurden.

Von da an trennten sich die Wege von Trinkbecher und Stilglas. Denn aus dem Krautstrunk entwickelten sich im 15. Jahrhundert einerseits das Römerglas, andererseits das Stangenglas, das einem Dubbeglas schon sehr ähnelt – nur dass die Dubbe nicht nach innen, sondern nach außen ragen.

Dubbeglas oder Weinstange?

Ein Pfälzer Schoppen fasst einen halben Liter. Das klingt ganz selbstverständlich, doch das ist es nicht. In Frankfurt fasst ein Schoppen 0,3 Liter, in Rheinhessen 0,4 Liter, und auch in der Pfalz gab es bereits Streit darüber. In den 80er-Jahren forderten Pfälzer Gastwirte, das Schoppenmaß auf 0,4 Liter zu senken. Dagegen protestierten viele Bürger, auch ein Verein weinaffiner Männer, die Weinbruderschaft der Pfalz, schaltete sich ein. Der Pfälzer Schoppen siegte. 1984 wurde in Maikammer das Schoppendenkmal eingeweiht – zur Beilegung des Streits. In einer Einkerbung des Gedenksteins kann man prüfen, ob ein Glas wirklich 0,5 Liter misst. Es ist der Urmeter des Pfälzer Schoppens. Darunter steht geschrieben: „Pfälzer Schoppen – Maß aller Dinge“.

Doch ist das Dubbeglas auch die Form aller Dinge? Oft wird auch die sogenannte „Weinstange“ verwendet, ein glattes Schoppenglas, oft auch bunt bedruckt. Diese Gläser passen besser in die Spülmaschine – und sie sind billiger.

So schön und praktisch die Weinstange erscheinen mag – für viele ist das Dubbeglas das einzig wahre Schoppenglas. Ein Pfälzer Sprichwort lautet: „E Glas ohne Dubbe is wie en Fisch ohne Schuppe.“ Dabei war es ursprünglich gar nicht so verbreitet. Für Südpfälzer ist das Dubbeglas eine eher neumodische Erscheinung. Und auch nördlich von Bad Dürkheim, im Leiningerland, hat man vor gar nicht allzulanger Zeit noch ausschließlich aus Weinstangen getrunken.

„Speziell in den letzten zwei, drei Jahren ist der Hype auf Dubbe stark gestiegen“, weiß Tobias Weißgerber, der für den Glashersteller Böckling das Pfälzer Dubbeglas exklusiv vertreibt. Etwa um 30 Prozent habe die Dubbeglasproduktion zugenommen. Mittlerweile werden in der Pfalz bei Böckling sogar doppelt so viele Dubbegläser wie Weinstangen verkauft. Und nicht nur in der Pfalz: Sogar in Baden werde das Glas eingesetzt, so Weißgerber.

Mehr als ein Glas

In die pfälzische Popkultur hat es das Dubbeglas vor allem durch Frankenthaler Bands wie die Dubbeglasbrieder geschafft. Den Inhalt besingen die Anonyme Giddarischde und Grabowsky, beide auch aus Frankenthal. Wenn deren Lieder über das kühle alkoholische Nass erklingen, strecken Hunderte, ach was, Tausende, das heißt alle Weinfestbesucher stolz und mit voller Überzeugung ihr Dubbeglas in die Höhe, während sie mit voller Inbrunst aus den Tiefen des Zwerchfells heraus „Schorleeee!“ schreien.

Und das Dubbeglas wird immer beliebter. Auf jedem größeren Weinfest gibt es Stände mit Dubbeglas-Fanartikeln. Dubbekerzen, Dubbetassen, Dubbeschokolade. Ja, sogar Salz- und Pfefferstreuer gibt es in Dubbeglasform. Es gibt T-Shirts, auf denen minimalistische Dubbegläser mit einem Rechteck und ein paar Kreisen dargestellt sind, Dubbetassen und sogar eine Dubbepizza konnte man auf dem Dürkheimer Wurstmarkt bestellen.

All das zeigt, dass das Dubbeglas weit mehr ist als ein Glas. Es ist Lebensfreudebereiter, Identitätsvermittler und Gemeinschaftsgefühlverstärker. Oder einfach ein Glas Wein.

Gilt als Vorgänger des Dubbeglases: ein Krautstrunk aus dem 16. Jahrhundert im Nationalmuseum Warschau.
Gilt als Vorgänger des Dubbeglases: ein Krautstrunk aus dem 16. Jahrhundert im Nationalmuseum Warschau. Foto: Wikimedia Commons/frei
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