Kultur Mystisch schön

Tastenzauber statt Schlagzeugkunst: Krankheitsbedingt mussten die Dirigentin Elim Chan und der Schlagzeuger Alexej Gerassimez ihre Auftritte in der Sinfoniekonzertreihe der BASF am Mittwoch und Donnerstag absagen – stattdessen gastierte die 23-jährigen Pianistin Elisabeth Brauß, eine der führenden Nachwuchsmusikerinnen ihrer Generation, an der Seite der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz im Feierabendhaus.
Als weiterer Retter in der Not schwang an beiden Abenden der aus Estland stammende Dirigent Arvo Volmer den Taktstock. Mit einem unglaublichen Sinn für Dramatik rückt er der „Tragischen Ouvertüre“ von Brahms zu Leibe. Sein kompromisslos leidenschaftliches Dirigat, sein energischer, geradezu kraftstrotzend-sportlicher Auftritt tut der Staatsphilharmonie sichtlich gut, sorgt für neue Impulse in dem auf Dirigentensuche befindlichen Orchester. Es ist ein typisch deutscher Brahms, den der Sibelius-Experte gibt: ruppig und melancholisch zugleich, mit einem deutlichen Hang zu fulminanten Steigerungen. Dies demonstrieren Volmer und die Staatsphilharmonie zum Abschluss mit der 2. Sinfonie von Brahms. Zunächst aber der Auftritt von Elisabeth Brauß: Kristallklar und luftig leicht, beseelt von einer geradezu bezwingenden Natürlichkeit ist ihr Klavierspiel. Ein gutes Gefühl für Dramatik entwickeln Orchester und Solistin im 3. Klavierkonzert von Beethoven. Im Largo ersetzt sie den mitreißenden Schwung des Eröffnungssatzes durch Zärtlichkeit und Wärme. Ihre Pianissimo-Kultur ist mystisch schön: mit dem Ohr gerade noch wahrnehmbar und dennoch klangvoll. Mit Schumanns erstem Stück aus den Kinderszenen demonstriert sie in ihrer Zugabe die hohe Kunst, am Klavier zu singen. Zuvor gibt es den ein oder anderen Tastendonner, denn was wäre Beethoven ohne seine berühmten Zornausbrüche. In der Kadenz bringt die Gewinnerin zahlreicher bedeutender internationaler Wettbewerbe den Steinway regelrecht zum Zittern. Im Finale schließlich funkeln und tänzeln Orchester und Solistin um die Wette und entdecken die humorvolle Seite Beethovens. In der 2. Sinfonie von Brahms sind es bei allem Faible für Dramatik die lyrischen Momente, die in wunderbarer Erinnerung bleiben: Extraapplaus für das blitzsauber aufspielende Bläserregister. Rein wie die Natur selbst stellen die Hörner, Flöten und Klarinetten die Brahmsschen Klangidyllen dar. Bestens aufgestellt auch: das Cello-Register mit seinem butterzart gestreichelten „Guten Abend, gute Nacht“-Zitaten. Festlicher Glanz schließlich im Finale: ausgelassene Spielfreude mit einer kraftvoll auftrumpfenden Staatsphilharmonie.