Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Museum Pfalzgalerie entdeckt Max Liebermann neu

So sah sich Max Liebermann Künstler selbst: Bleistiftzeichnung aus dem Jahr 1907.
So sah sich Max Liebermann Künstler selbst: Bleistiftzeichnung aus dem Jahr 1907.

Grafische Kabinettsausstellungen sind selten Publikumsrenner. Eigentlich. Die Pfalzgalerie zeigt mit „Max Liebermann – Zeichnungen“, dass es auch anders geht.

So kann’s gehen. Mit gerade mal zwölf Jahren begleitet ein Berliner Junge seine Mutter ins Atelier einer Künstlerin. Sie soll die Mutter auf Leinwand verewigen. Dem Sohnemann wird’s langweilig. Er bekommt – auch heute noch ein beliebter Trick – Stift und Papier, um sich die Zeit zu vertreiben. Als die Künstlerin nebenbei einen Blick auf das Blatt des Jungen wirft, ist sie perplex. Bis zu ihrem Lebensende rühmt sich Antonie Volk – so heißt die Malerin – seinerzeit keinen Geringeren als das Künstlergenie Max Liebermann entdeckt zu haben. Was danach folgte, ist ein eher untypisches Künstlerleben.

Liebermann, aus einem wohlhabenden, jüdischen Industriellenhaushalt stammend, machte zwar anstandshalber das Abitur und schrieb sich sogar fürs Chemiestudium ein. Doch tauschte er schnell die Reagenzgläser gegen Staffelei und Pinsel – und die Reitgerte. Auf den Rücken der Pferde war er mit Vorliebe im Tiergarten unterwegs, die Uni exmatrikulierte ihn schon bald wegen „Studienunfleißes“. Und irgendwann musste es dann eben auch das Elternhaus einsehen.

Im Olymp der Kunstwelt

Max Liebermann durfte endlich auf die Großherzoglich-Sächsische Kunstschule in Weimar – der Start einer großen Künstlerkarriere, die über die Stationen Paris, Amsterdam und München wieder nach Berlin führte. Spätestens mit 50 Jahren hatte es Liebermann dann in den Olymp der Kunstwelt geschafft. Als Präsident der Berliner Secession machte er deren Ausstellungen zu internationalen Kunstereignissen. Und auch als Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste forcierte Liebermann den Übergang von der Kunst des 19. Jahrhunderts, von der Historien- und Landschaftsmalerei hin zur Klassischen Moderne. Nicht zuletzt liefen die Verkäufe seiner Bilder prächtig. Geschult unter anderem an den französischen Kollegen, gilt Max Liebermann heute als einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Impressionismus’.

Dürfte letzteres bekannt sein und den eigentlichen Weltruf des Künstler begründen, so gibt es jedoch auch ein reiches grafisches Werk, auf das nicht nur die erwähnte Berliner Künstlerin Antonie Volk aufmerksam wurde. Inzwischen haben sich namhafte Institutionen dieser eher unbekannten Seite Liebermanns angenommen, darunter das renommierte Berliner Kupferstichkabinett. Mit 117 Liebermann-Zeichnungen hat es den weltweit größten Bestand und daraus vor zwei Jahren eine umfangreiche und viel beachtete Ausstellung zum Thema gemacht. Anlass und Grund genug für die Pfalzgaleristen, eine Art Übernahme der Berliner Erfolgsausstellung anzustreben. Wobei es das Wort „Übernahme“ wohl nicht ganz trifft.

Letzte Chance fürs Publikum

Denn der Kaiserslauterer Kurator Sören Fischer hat aus der Vorlage ein ganz eigenes Destillat gewonnen, wie ihm auch seine Kollegin aus der Hauptstadt, Anna Marie Pfäfflin, bestätigte, die seinerzeit die Schau im Kupferstichkabinett verantwortete und nun in der Pfalzgalerie über die sorgsame Präsentation der Blätter wacht(e). Immerhin dürfen diese aus konservatorischen Gründen nur eine gewisse Zeit im gedämpften Ausstellungslicht gezeigt werden und wandern danach für lange Jahre ins dunkle Depot. Dementsprechend dürfte die Kaiserslauterer Schau dem Publikum vorerst die letzte Gelegenheit bieten, die ausgewählten Zeichnungen zu sehen. Neben dem Gros der Exponate aus dem Berliner Bestand stammen einige Arbeiten aus dem Fundus der Pfalzgalerie; mit ihrer helleren Rahmung sind sie von den Leihgaben gut zu unterscheiden.

Versunken in ihre Arbeit: „Holländisches strickendes Mädchen“, eine Kreidezeichnung um 1886.
Versunken in ihre Arbeit: »Holländisches strickendes Mädchen«, eine Kreidezeichnung um 1886.

Präsentiert werden die Blätter zunächst in Themenkreisen, die für Liebermanns Oeuvre bedeutend sind. So ist eine Abteilung der Darstellung des „einfachen Volkes“ gewidmet, die dem Künstler den Beinamen „Arme-Leute-Maler“ bescherte. Darstellungen etwa von Gänserupferinnen, strickenden Mädchen oder alten Wandersleuten zeigen einen eher idealisierenden Blick des Künstlers auf sein Sujet. Neben einige der oftmals als Vorstudien zu seinen Gemälden fungierenden Grafiken stellt die Schau kleine Reproduktionen des späteren Ölbildes. Beides zusammen zeigt, worauf es dem Künstler bei seinen Zeichnungen ankam: die Konzentration aufs Wesentliche – auf müde Augen in einem faltigen Gesicht etwa oder auf Hände, geprägt von jahrelanger Arbeit.

Damentennis und Reitsport

Thematisiert wird in der Ausstellung natürlich aber auch der Landschaftsmaler Liebermann. Natürlich deswegen, weil der Künstler seinerzeit – und bis heute – vor allem mit diesem Genre reüssiert(e). Auch in den Zeichnungen erwacht die Natur, aber ebenso der Mensch in der Naturlandschaft, zum Leben. Enorm, wie sich etwa das Licht in oftmals niederländischen Landschaften Bahn bricht – den reduzierten Möglichkeiten des Genres Grafik zum Trotz.

Die Dynamik einer Strandlandschaft mit ihren vom Wind gezeichneten Hügeln unter wolkenverhangenem Himmel: „In den Dünen“, Federz
Die Dynamik einer Strandlandschaft mit ihren vom Wind gezeichneten Hügeln unter wolkenverhangenem Himmel: »In den Dünen«, Federzeichnung von 1896.

Von ihrer Plastizität und ihrer Suggestivkraft leben neben diesen Arbeiten die Darstellungen des gesellschaftlichen Lebens, allen voran von Sportveranstaltungen. Wilder Pferdesport, ein eher statisches Damen-Tennisspiel – den langen Röcken geschuldet, die seinerzeit en vogue waren –, aber ebenso diverse Jahrmarktszenen entfalten in ihrer Dynamik und überaus verdichteten Darstellung wahre Sogwirkung. Der Betrachter taucht regelrecht ein in die oftmals kleinformatigen Arbeiten – was eine gute Sehkraft erfordert und das nahe Herantreten ans Exponat.

Drohende Schatten

Aber auch speziell dem jüdischen Leben ist ein Abschnitt der Schau gewidmet. Beispielhaft dafür ist eine Darstellung der Judengasse in Amsterdam. Ende des 19. Jahrhunderts bannte Liebermann etliche Szenen, die er auf dem Markt im Amsterdamer Judenviertel beobachtet hatte, auf Papier. Dass eine Version in Öl vor wenigen Jahren auf einer Auktion für eine beinahe siebenstellige Summe den Besitzer wechselte, zeigt den (aktuellen) Marktwert des Künstlers.

Blieben dem 1935 im gesegneten Alter von 87 Jahren verstorbenen Liebermann zwar die großen Gräueltaten des Nationalsozialismus’ erspart, so warfen die Jahrzehnte davor mit ihrem aufkeimenden Antisemitismus dennoch starke Schatten über das Leben des wohlsituierten und gesellschaftlich arrivierten Künstlers, der immerhin Ehrenbürger der Hauptstadt war und 1927 sogar Reichspräsident Hindenburg porträtiert hatte. In der Folge zog sich Liebermann zunehmend in seine prächtige Villa am Wannsee zurück, wo weiter – und entgegen aller Düsternis der Zeit – wundervolle Natur- und Landschaftsimpressionen entstanden.

Erlebte ein wechselvolles Schicksal und ist heute ein Liebermann-Museum: die Liebermann-Villa am Wannsee.
Erlebte ein wechselvolles Schicksal und ist heute ein Liebermann-Museum: die Liebermann-Villa am Wannsee.

Einladung an den Wannsee

Ein besonderer Raum der Ausstellung vollzieht diesen letzten Abschnitt nach: Großflächige Videoprojektionen bringen aktuelle Fotos der Villa, ihres Parks und des Sees zusammen mit Liebermanns eigenen Bildern. Eine Gartenbank und Vogelgezwitscher laden in diesem letzten Abschnitt zum Verweilen ein, was nur einer der Kunstgriffe ist, den Menschen Liebermann in seiner Zeit und Umgebung greifbar werden zu lassen. So kann man an anderer Stelle dem Künstler per Filmdokument beim Zeichnen über die Schulter schauen, seine Stimme erklingt in einer Hörstation, die eine Schulfunksendung wiedergibt, und nicht zuletzt kann der Besucher dokumentarische Fotos in kleinen, hintergrundbeleuchteten Guckkästen entdecken.

Mit all diesen umsichtigen, ja schon fast liebevollen Details bringt die Ausstellung nicht nur eine weniger bekannte Facette eines großen Künstlers zum Vorschein. Sie lässt vielmehr ein reiches Künstlerleben in seiner Zeit plastisch werden und ist so ein doppeltes Sehvergnügen – bei weitem nicht nur für Grafik-Fans.

Ausstellung

Eröffnung am 12. April, 19 Uhr; Laufzeit bis 14. Juli, dienstags, mittwochs, freitags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, donnerstags 11 bis 20 Uhr, Begleitprogramm unter www.mpk.de.

x