Kultur Merkels weiße Wand
Eines der bezeichnenden Fotos von Gerhard Schröder zeigt ihn vor einem Bild. Vor dem expressiv kopfüber baumelnden Adler des Künstlerberserkers Georg Baselitz. Schröder, damals Kanzler, sitzt in herrschaftlichem Gestus. Ein Macher der Stunde, den nichts wirklich übermannt. Das Foto sagt uns, der Mann hat so viel Macht. Notfalls rupft er den Bundesadler und hängt ihn hin. Ein Alphatier, er. Eine Art König. Auch sein offizielles Kanzlerporträt jedenfalls sieht danach aus. Schröder hat es sich von Künstlerfreund Jörg Immendorff malen lassen – ganz in imperialem Gold. Es ist nicht das erste Mal, dass die Kunst, mit der sich die Mächtigen umgeben, als Charakterverstärker und also Interpretationshilfe fungiert. Das Standardwerk dazu hat der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich geschrieben. „Mit dem Rücken zur Kunst“ heißt seine großartige Analyse, wie die Kunst von Herrschenden, Unternehmern, Managern als Statussymbol und Hoheitszeichen genutzt wird. Sie geht zurück bis zur Politik mit Bildern, die Franz I. pflegte. Spätestens seither hat es eigentlich nie nichts zu sagen, vor welchem Bild jemand sitzt, der oder die das Sagen hat. Schröders Nachfolgerin Angela Merkel zum Beispiel ließ sich anfangs gerne vor Oskar Kokoschkas Porträt von Konrad Adenauer ablichten. Der erste Kanzler der Bundesrepublik schaut darauf vergleichsweise defensiv-gütig, die Hände leicht zur Vorform der Merkel’schen Raute gefaltet. Ein Pokerface. Ein Symbolbild der Unaufgeregtheit, das den still insistierenden Regierungsstil der ewigen Kanzlerin ganz gut akzentuiert. Will sagen, zum Schluss, wenn die Karten auf dem Tisch liegen, sticht sie alle aus. Bleibt die Frage, was Angela Merkel uns mit ihrer neuesten bildpolitischen Volte mitteilen möchte. Bekanntlich hat sie zwei Bilder von Emil Nolde, die in ihrem Amtszimmer hingen, auf Nimmerwiedersehen an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurückgegeben. Abgehängt. Und zu Recht. Aus Gründen der Selbst- und Staatsrepräsentation. Denn, dass der deutsche Expressionist Antisemit war, wusste man schon länger. Das Ausmaß seiner Gesinnung indes hat sich erst jetzt, nach der Sichtung seines Nachlasses, herausgestellt. So zeigt eine Ausstellung im Berliner Brücke-Museum, die am Sonntag eröffnet: Niemand aus seinem künstlerischen Umfeld war – obwohl er als „entartet“ verfemt war - so regimenah wie Nolde. Das heißt auch, Siegfried Lenz hat in seinem 1968 erschienenen Roman „Die Deutschstunde“ nur Noldes eigene Legende vom Nazi-Opfer weitergeschrieben. 2019 ist der Künstler an der Stelle, wo Merkel auch Regierungsgäste empfängt und von wo aus Fotos in die Welt gehen, nicht mehr zu halten. Ihr erster Alternativvorschlag allerdings war auch daneben. Nolde-Fan Merkel, jetzt muss man wohl sagen, offiziell Ex-Nolde-Fan Merkel, wollte, statt seiner Werke, Bilder des Expressionisten-Kollegen Karl-Schmidt-Rottluff dort platzieren, wo sie die Amtsgeschäfte führt, allerdings vermutlich, bevor sie erfuhr, dass auch Schmidt-Rottluff einschlägig vorbelastet ist. Auch er ein großartiger Künstler mit zweifelhaften Ansichten. Auch von ihm sind antisemitische Briefe enthalten. Aus einem wurde dieser Tage zitiert. Ende 1914 also beschreibt er die Juden als „neue Gefahr im Lande“. Später heißt es: „Diese Juden hier tragen die große Überzeugung schon öffentlich mit sich herum, dass sie nach dem Kriege auch politisch herrschen. Doch ich denke, der deutsche Gott wird uns davor bewahren und es ihnen gründlich in die Bude schneien lassen.“ Kann gut sein, dass die Kanzlerin pragmatische Verzweiflung erfasst hat, als sie jetzt entschied, es ganz zu lassen mit der Kunst. „Die Bundeskanzlerin ist zu dem Ergebnis gekommen, einstweilen die weiße Wand ohne ein neues Bild anstelle der Nolde-Bilder schön zu finden und es dabei zu belassen“, ließ sie verlauten. Die Kunst in ihrem Rücken ist fortan keine Kunst, oder um es mit Heidegger, dem leider auch nicht hasenreinen Philosophen zu sagen: „Es ist das Nichts selbst, das nichtet.“ Interpretationsfrei bleibt jetzt allerdings, was das bedeutet, ikonographisch, wenn das Statussymbol und Hoheitszeichen ihrer verblassenden Macht die Leere ist. Nichts als die Farbe Weiß, die andererseits die Unschuld repräsentiert, das Übersinnliche, das Göttliche gar. Das könnte auch heißen, Gott steht hinter ihr, über ihr nur noch er. Ihren politischen Gegnern sollte Himmelangst werden.