Gefühle RHEINPFALZ Plus Artikel Meine deutsche Angst: Eine kleine Autobiografie

Und was ist mit unseren Gazprom-Aktien in den ETFs?
Und was ist mit unseren Gazprom-Aktien in den ETFs?

In der Ukraine tobt der Krieg. Wir fürchten uns. Über den Luxus eines zwiespältigen Gefühls, das lange gepflegt worden ist, das Ende der Gewissheiten, das Waldsterben, die RAF, die Bundeswehr – und die Frage Salzkaramell oder Haselnuss.

Es fühlt sich völlig falsch an. Hier an meinem Schreibtisch. Die Heizung tuckert. Ein Espresso auf dem Tisch. Sonnenlicht fällt ein. Der Liveticker-Check auf dem Smartphone. Die Weltlage. Kein Bombeneinschlag näher als 1928 Kilometer. In der Schulter meldet sich ein leichtes Ziehen. In der Ukraine fährt ein 64 Kilometer langer Konvoi mit schwerem Gerät und russischen Soldaten auf Kiew zu, Kyiv. Das neue Aleppo. Mir hier in Germany beginnt der Hintern in Shaping-New-Tomorrow-Hosen auf Grundeis zu gehen. Hosen, die „das neue Morgen gestalten“ heißen. My German Angst. Mein historisches Sodbrennen. Meine herkunftsprivilegierte Boomer-Biografie, in der seit fast 58 Jahren kein Krieg herrscht. Der Jahrgang 1964 ist der geburtenstärkste in der Geschichte der Bundesrepublik gewesen.

Generation Nato-Doppelbeschluss

Wir sind die Vielen, Glücklichen, denen nichts passiert ist, außer, na ja Waldsterben, fast. Dünner werdendes Haar. Und jetzt hat der schreckliche Putin seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Der Wahnsinnige, der einem Plan folgt. Vor dem inneren Auge sieht die Generation Nato-Doppelbeschluss Kalte Krieger, die vor roten Knöpfen sitzen. Die realen Experten meinen derweil, die Drohung will nichts heißen. Nur, was wissen die denn schon von Gazprom-Aktien in den Exchange-Traded Funds (ETFs), die wir horten – für später? Wir haben gelernt, unsere Ängste zu kultivieren. Wie wir uns niederschwellig ängstigen und auf hohem Niveau, während Ukrainerinnen im Luftschutzbunker sitzen. Und Menschen sterben, Freiheitskämpfer, Kinder. Im Hintergrund bröckelt bei uns die Gewissheit. Was jetzt passieren kann, alles. Oder? Fern grollt die Erinnerung, unsere Angstautobiografie. Das ungute Gefühl als Kind, wenn die Flugzeuge über unser Dorf gedonnert sind.

Die epigenetisch vererbte Furcht damals. Das automatische Zusammenzucken. Die Westwallbunker im Forst, um die herum wir spielten. Der Blick auf die Wehrmachtsstraße, über die von Zeit zu Zeit noch US-Panzer rollten. Bis in die siebziger Jahre saß der Krieg immer noch mit am Kaffeetisch. Immer hieß es, früher wäre man froh gewesen über die Reste von Krumen. Samstags gab's Apfelmuskuchen. Die Ur-Großmutter, eine Doppel-Veteranin in Kittelschürze, hieß Susanna und trug ihr Haar zum Dutt gezurrt. Womöglich war Opa – wie heute russische Soldaten – Richtung Charkiw marschiert, damals? Ein braver, stiller Mann, der der Bayerischen Volkspartei nahestand in neuralgischen Zeiten. Erzählt hat er – nichts.

Er fuhr im grünen Blaumann und in Militärstiefeln mit dem Bus, ein Knecht, Nebenerwerbslandwirt, ein Arbeiter bei den Amerikanern auf der Husterhöhe dann. In Bexbach, im nahen Saarland, verpestete ein Kohlekraftwerk die Luft. „Der Wald stirbt“. Das Plakat dazu von Klaus-Heinrich Keller (Rodalben) im Zimmer mit der Fototapete, darauf die Golden Gate Bridge, San Francisco.

„Anarchistische Gewalttäter – Baader/Meinhof-Bande“, „Terroristen. Vorsicht Schusswaffen!“, die Fahndungsplakate mit den Gesichtern der Protagonisten von „Albrecht, Susanne“ bis „Viett, Inge“ hingen – gefühlt – überall. Eine aufs Wesentliche reduzierte Schilderung der anscheinend allgegenwärtigen Bedrohungslage. Im Pausenhof der Schule, die nicht nach Hugo Ball benannt werden durfte, der martialische Auftritt vermummter Gestalten, die dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands zugehörten. Die Polizei kam. Die Zeit der Gewissensprüfung brach an.

„Sie gehen mit ihrer Freundin im Wald spazieren, eine Waffe in der Hand (?). Ein Kerl, womöglich Russe, will ihr Freundin vergewaltigen, umbringen. Was tun Sie? Schießen?“ Wenn ja, kommt Zivildienst nicht in Frage. Als Bürger in Uniform dann bei der Bundeswehr.

Verteidigungsfall Friedensdemonstration

Der übliche Dumpfsinn, tagelang Schlafsäcke zusammenrollen, das Manöver wegen Munitionsmangel abgesagt. Der dauerbetrunkene Oberfeldwebel der Kompanieführungsgruppe malte vier Seiten Schlangenlinien auf Papier: der Dienstplan, den ich abtippen sollte. Ein anderer schoss bei einer Übung mit seiner privaten Handfeuerwaffe aus Jux die Zielscheibe in Fetzen. In der Fußballbataillonsauswahl trainierten wir eine Zeit lang täglich. Als Soldaten übten wir Verteidigungsstrategien gegen Friedensdemonstranten. Einmal befahl ein Hauptmann mir, seinem Fahrer, gegen die Vorschriften ein Gebiet zu durchqueren auf dem Truppenübungsplatz Baumholder, über unsere Köpfe sirrte Panzermunition. Meine Oma bügelte mir eine Zierfalte in die Kampfhose. Die Lebenserwartung auf Beobachtungsposten wurde „im Verteidigungsfall“ mit zwei Minuten angegeben. Unsere Aufgabe als Bundeswehr, wurde verlautet, bestünde darin, die östliche Grenze einen Tag lang zu halten, bis die Amerikaner uns retten würden. Im Manöver hießen unsere Gegner „Rot“. Ein Lehrfilm empfahl, wenn in Sichtweite eine Atomrakete gezündet werden sollte, sich unter einem Tisch oder hinter eine Mauer zu kauern. Einmal mussten wir den Inhalt unserer Spinde verpacken.

Wir schrieben letzte Worte, legten die Marke um, die im Todesfall in der Mitte geteilt wird. Es wurde ernster. Nato-Alarm hieß das, so ähnlich. Wir rückten in unseren Verfügungsraum aus, gefechtsmäßig. Ab Stunde X würde der Ernstfall eintreten, so der Befehl. Sie ließen uns bis kurz davor warten. Eine Weile dachten wir ernsthaft, wir müssten in einen uns verschwiegenen Krieg ziehen, anno 1984. Als ich jetzt las, wie ein ukrainischer Schriftsteller in Kiew auf seine Einberufung als Reservist wartet und seinem Sohn noch schnell eine Gitarre kauft, musste ich voller hilfloser Scham und selbstmitleidvoll unterströmter Trauer daran denken. Ich ging dann mit meiner Tochter auf eine Friedensdemonstration. Am Sonntag herrschte Hochbetrieb an der Alster. Menschen in Canada-Goose-Jacken schlenderten friedlich. Auf dem Hamburger Rathausplatz, anders als in Berlin, standen nur ein paar Hundert Menschen versammelt. Die ukrainische Flagge flatterte im Wind.

Heldenhaft frieren für den Frieden

Sie spielten John Lennon, „Imagine“. Eine junge Frau vor uns weinte. Ihr Lidschatten war blau und gelb. „Stop War“ wurde skandiert. Rhythmisches Klatschen setzte ein. Meine Tochter hatte – eingedenk möglicherweise ausbleibender Erdgaslieferungen ein Plakat malen wollen mit der Aufschrift: „Wir frieren für den Frieden“. Mir war das irgendwie anmaßend erschienen. German Angst. Sie ist elf. Und jetzt zeigte sie auf jemanden, der – ich schwöre – mit einem Plakat samt ihres Textes durch die Gegend lief. „Slava Ukraini“ schallte der Ruf über den Platz. Ehre der Ukraine. Auf dem Rückweg standen Menschen in der Restsonne Schlange vor dem Eisladen. Haselnuss oder Salzkaramell, das war noch die bange Frage.

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