Kultur
Mannheim: Akademiekonzert im Rosengarten mit Musik von Prokofjew und Brahms
Russische Pianistenkunst und deutsche Sinfonik der Romantik in absolut authentischen und faszinierenden Wiedergaben bot das dritte Akademiekonzert des Nationaltheaterorchesters im Mannheimer Rosengarten mit der Solistin Anna Vinnitskaya und Marek Janowski am Pult.
Dirigenten kommen bekanntermaßen im Alter künstlerisch in ihre besten Jahren. In vielen Fällen jedenfalls. Derzeit trifft das in jedem Fall auf die beiden über 90-Jährigen Herbert Blomstedt und Christoph von Dohnányi zu – und auf einen erlesenen und hochproduktiven Kreis von aktiven Dirigenten jenseits der 80, zu dem Zubin Metha, Seiji Ozawa, Eliahu Inbal, Sir Roger Norrington und seit diesem Jahr auch Marek Janowski gehört. Der in Polen geborene und in Deutschland aufgewachsene Maestro hat nicht zuletzt als Wagner-Dirigent Zeichen gesetzt, zwei Gesamtaufnahmen des „Rings des Nibelungen“ hat er eingespielt und damit Interpretationsgeschichte geschrieben. Nicht umsonst wird er im kommenden Jahr wieder in Bayreuth dirigieren – und zwar zum Beethoven-Jahr dessen neunte Sinfonie. Im jüngsten Akademiekonzert des Nationaltheaterorchesters im Mannheimer Rosengarten stand nun die vierte Sinfonie von Johannes Brahms unter seiner Leitung auf dem Programm – und die in hohem Maße in sich schlüssige und ungemein spannungsgeladene Wiedergabe bezeugte einmal mehr die extraordinäre interpretatorische Bedeutung dieses Dirigenten.
Formsinn und jugendlicher Elan
Brahms’ Vierte ist ein viel gespieltes Werk, das in den Akademiekonzerten natürlich häufig erklingt. Brahms selbst hat es hier dirigiert, aber unter anderem auch Günter Wand, einer seiner wichtigsten Interpreten im späten 20. Jahrhundert. Und Janowski, der auch lange in Wuppertal lebte und später einer der Nachfolger Wands beim Gürzenich Orchester in Köln war, nähert sich der Partitur ähnlich unpathetisch und formbewusst. Selbstverständlich kommt er im Detail zu vielen anderen Lösungen, aber auch bei ihm hat der sinfonische Verlauf eine absolut zwingende Logik und hat jeder Takt, ja jeder Ton einen fassbaren Sinn für die Struktur des Ganzen. Hinzu kommen Marek Janowskis durchdachte Differenzierung des Tempos bei stets fließenden Grundmaßen, die große Vielfalt der Klangbilder und dynamischen Werte und eine innerlich belebte Dramatik. Was kann man Besseres über eine Brahms-Deutung sagen? Das unbedingte Durchleuchten der Form und ein nicht selten jugendlich anmutender Zugriff schufen eine Brahms-Aufführung ersten Ranges.
Virtuosität und Charakter
Der erste Teil des Akademiekonzerts stand im Zeichen packender Virtuosität. Die russische Pianistin Anna Vinnitskaya zeigte ihre Meisterschaft im zweiten Klavierkonzert g-Moll von Sergei Prokofjew, das sie mit trockener Brillanz und auch in den aberwitzigsten Passagen scheinbar locker und mit munterer Spielfreude musizierte. Schon der eher verhalten gespielte Beginn zeigte aber, dass es der Solistin nicht allein um die Zurschaustellung ihrer Tastenkünste ging. Sie war auch im weiteren Verlauf immer darauf bedacht, Prokofjews Musik ausdrucksvoll zu charakterisieren. Das Widerspenstige und Ungestüme des Werks kam ebenso zur Geltung wie die untergründige Leidenschaft.