Ausstellung
Mainz: Bilder aus Max Slevogts Hexenküche
Drei Künstler und ein Zahnarzt im Berlin der 1920er: Die Anfangsbuchstaben von Max Slevogt, Bernhard Pankok, Emil Orlik und Dr. Josef Grünberg ergeben den geheimnisvollen Namen SPOG. Angetrieben vom über sein Fachgebiet weit hinausgehenden Forscherdrang des Mediziners und wohl auch inspiriert von so mancher Flasche Pfälzer Wein machten sich vier Männerfreunde im besten Alter auf, die Druckgrafik zu revolutionieren. Nun ja, jedenfalls nach Wegen zu suchen, um Qualität und Quantität der Abzüge zu verbessern.
Unter Umständen einer mitunter erhöhten Riesling-Menge geschuldet waren dabei so manche Motive, etwa ausgelassen tanzende Schweine. Als experimentierfreudig erwies sich die Gruppe auch bei der Wahl der Materialien: Druckplatten aus Porzellan und Speckstein, Drucke auf Leder und Seide. Geradezu wagemutig erweiterten sie die Grenzen der Mittel und Möglichkeiten. Angesichts von Glasätzungen mit hochgiftiger Flusssäure und ähnlicher Versuche aus dem Chemie-Baukasten gleicht es einem Wunder, dass die vier nicht alle zusammen den schleichenden Gifttod erlitten oder mitsamt ihrer Hexenküche in die Luft flogen.
Briefe an den Zahnarzt
Woher man das weiß? Nun, wenn Grünberg nicht zum Experimentieren in sein Berliner Domizil laden konnte, weil der eine oder andere gerade nicht in der Stadt war, tauschten sich die Mitglieder der 1920 offiziell gegründeten Gruppe schriftlich aus. Der Briefwechsel zwischen dem zeitweise in der französische besetzen Pfalz auf seinem Landgut Neukastell festgehaltenen Max Slevogt und seinem Zahnarztfreund gehört zum schriftlichen Nachlass (rund 3700 handschriftliche und maschinengeschriebene Dokumente), den das Land Rheinland-Pfalz 2011 erworben hat und der in der Landesbibliothek Speyer aufbewahrt wird. Zur Sammlung des Landesmuseums in Mainz wiederum gehört die Grafiksammlung von Josef Grünberg, rund 470 Blätter, nicht wenige davon mit persönlichen Widmungen Slevogts.
Für die Ausstellung wurden die rund 40 Briefe und Postkarten erstmals transkribiert. Zum Entziffern der, sagen wir: eigenwilligen, Slevogt-Handschrift hat man Eva Wolf aus Saarbrücken zurate gezogen. Sie hat bereits 2018 den Briefbestand des Saarlandmuseums veröffentlicht. In Mainz angesiedelt ist das mit der wissenschaftliche Bearbeitung betraute Max-Slevogt-Forschungszentrum, das Karoline Feulner leitet.
Wiedersehen mit Gemälden
Sie hat als Ausstellungskuratorin die Briefe und die Kunst, um die es in ihnen geht, zusammengebracht und Verbindungen hergestellt. Auch die gezeigten Drucke sind in Landesbesitz und stammen zum großen Teil aus dem grafischen Nachlass Slevogts, den Rheinland-Pfalz 2014 mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder erwerben konnte. Manche Blätter gaben da durchaus Rätsel auf. Die wiederum konnten gelöst werden durch ein Buchskript aus der Sammlung Grünberg, das ein anderer Slevogt-Freund, der Verleger Bruno Cassirer, nie veröffentlichte. Darin enthalten: die genaue Beschreibung der für die Drucke genutzten Techniken – Rezepte aus der „Hexenküche“.
Aufschlussreich ist das von Slevogt gestaltete Titelblatt für die Publikation von Grünberg, den er in Briefen schon mal mit „Sklaventreiber“ anredet. Der steht da ganz oben, auf der von ihm eigens entwickelten hydraulischen Druckerpresse. Und das schwere Gerät mitsamt seinem Meister ruht auf den gekrümmten Schultern von Emil Orlik, Bernhard Pankok und Max Slevogt. Es gibt auch eine Zeichnung, auf der er die Peitsche über seinen Sklaven Slevogt und Orlik schwingt.
Amüsantes am Rande
Ganz ernst ist das, im Gegensatz zu den Experimenten, nie gemeint. Mindestens genauso aufschlussreich und amüsant sind die zahllosen Randzeichnungen auf Briefblättern, Umschlägen und Postkarten: ein zeichnerischer Kosmos in Miniaturformat, der sich jetzt im Museum erschließt. Dazu hat die Kuratorin das passende „Küchengerät“ gruppiert: Zink- und Kupferplatten, Glasklischees, eine Druckpresse und weiteres Werkzeug aus der Hexenküche, die bis 1931 fortbestand. Dann endet das Briefschreiben, in dem es zuletzt auch immer mehr um den schlechter werdenden Gesundheitszustand der Freunde ging. Grünberg, Slevogt und Orlik: Drei starben 1932, Pankok folgte 1943.
Max Slevogt, den zu Lebzeiten einige mehr als Grafiker und Zeichner schätzten, ist heute vor allem als Maler bekannt. Und auch da hat die Ausstellung Schmankerl zu bieten: Karoline Feulner, auch Leiterin der Slevogt-Galerie auf Schloss Villa Ludwigshöhe, präsentiert zum Ausklang einige der Hauptwerke der Sammlung dort. Die Pfälzer Residenz des Bayernkönigs Ludwig I. wird derzeit generalsaniert. Voraussichtliche Wiedereröffnung: Ende 2022.
Die Ausstellung
„Max Slevogt. Druckgrafische Experimente“, Landesmuseum Mainz, bis 9. Januar 2022; geöffnet täglich außer montags 10-17 Uhr, dienstags bis 20 Uhr; Katalog 34 Euro (24 Euro im Museum).