Edenkoben
Lyrikpreis der Südpfalz geht an Karin Fellner
Kennen sie Polle und Fu? Nein, das sind keine Helden aus einem alten Kinderbuch, sondern die beiden titelgebenden Protagonisten in Karin Fellners neuem Lyrikband. Immer wieder tauchen sie in den verdichteten Miniaturgeschichten auf, um miteinander zu diskutieren, verrückte Rituale zu vollführen und sich gegenseitig Rat und Halt zu geben, in einer um sie herum wankenden, schwankenden, aus allen Fugen fallenden Welt. Natürlich sind sie auch mit zur Preisverleihung in die Südpfalz gekommen, um sich selbst vorzustellen, den „Mitträumenden“ eine Art „Schutzzauberspruch“ zu spenden und mit ihnen ein „Fest des Fluiden“ zu feiern. Sie verstehen sich als „stoffwechselnde Namen, die sich mal so, mal so/ aneinanderklammern, stoßen, freuen.“ Und sie wünschen allen, die sich mit ihnen befassen:
„Dass Eure Sporen nicht klirren./, Dass sie aus allen Geschirren/ fallen und aufgehen in/ Schneepilz und Pfifferling./ Es grüßen Euch passe-partout/ die Euren/ (Polle + Fu)
In der ersten Reihe der zeitgenössischen Lyrik
Die Publizistin Pia-Elisabeth Leuschner kann von diesen fiktiven Figuren und den rauschhaft magischen Bodensprösslingen gar nicht genug bekommen. In ihrer Laudatio, in der sie sich (in Anlehnung an Fellners lyrische Figur Scarpa) in eine „Laura“ verwandelt, um ihr „schamloses Begeistertsein“ in hemmungsloser Empathie ausdrücken zu können, blätterte sie sechs gewichtige Gründe dafür auf, warum die Preisträgerin „zur vordersten Riege zeitgenössischer Dichter“ gehört.
Bezugnehmend auf die sechs seit 2015 erschienenen Lyrikbände der 1970 in München geborenen Autorin staunt sie über „das Philosophische“ und zugleich „Spielerische“ im Verhandeln verschiedenster „Beziehungsweisen“. Im vorletzten Band wird das schon im Titel „eins: zum anderen“ offenbar. Beim Lesen trifft man dann beispielsweise auf ein scheinbar lauschiges Konglomerat aus Kolibri, Kosen und Kobold, die beim fantasievoll-lautmalerischen Fokus auf die jeweiligen Endsilben neue Koexistenzen bilden. Der Kolibri flattert mit den Libri, also mit Büchern, fort, das Kosen passiert vielleicht in religiös buddhistischem Sen/Zen-Stil, der Kobold scheint so mutig zu sein, wie es das englische Wort „bold“ in seiner DNA suggeriert. Das aufgedröselte Worttriumvirat ist ein guter Hinweis darauf, wie Fellners sorgfältig strukturierte Lyrik funktioniert.
Breites Themenspektrum in den Gedichten
Aber auch die weit gefächerten Themen, „die Hinwendung zu den Randzonen der Gesellschaft, der Tierwelt und dem Klimawandel“ machen die Gedichte der freien Schriftstellerin, die in Konstanz Psychologie und an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Literaturwissenschaft studierte, in den Augen ihrer Laudatorin zu etwas ganz Besonderem. Dass ihre mehr oder weniger gereimten Texte trotz aller Komplexität auf eine geradezu organische Weise eingänglich sind, hängt auch mit ihrer starken Bildhaftigkeit zusammen.
In lebhafter Wortakrobatik und klingender Vokalität komponiert die Lyrikerin sinnliche Regen-Rhapsodien oder komische „Lache Lache Dich“ Opern. Mit kleinsten Lautverschiebungen und ausgeklügelten Buchstabenverdrehern zaubert sie maximale Begriffsveränderungen, macht den Konsens zum Content, verwandelt Basilisken in Bastillen und spart auch den gegenwärtigen Krieg nicht aus, wenn „Maschinen dröhnen, Drohnen marschieren.“ All das findet Platz in ruhigen, unaufgeregten Versen, die – so attestiert Leuschner – frei von jeder Ideologie sind, stets die Komfortzone der Ich-Perspektive verlassen und stattdessen das „Eingebundensein in einen großen Beziehungskosmos“ pflegen. Weshalb bei Karin Fellner schon jeder sein eigenes Süppchen kochen kann, solange er es dem anderen serviert. Dass in ihren eigenen Rezepturen auch mal ganz unvermittelt ein Knödel liegt oder „Brotfische“ schwimmen, macht sie so gut verdaulich, denn gerade diese Zutaten sind es, die schwebende Radikale binden und fliehende Gedanken erden.
Zahlreiche Preise
Für ihre herausragende Dichtkunst hat Karin Fellner schon viele Auszeichnungen, darunter den Förderpreis beim Leonce-und-Lena-Wettbewerb in Darmstadt (2005), den Förderpreis für Lyrik der Internationalen Bodenseekonferenz (2006) und die Christian-Ferber-Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung, erhalten. Der Lyrikpreis der Südpfalz, so betont sie in ihrer Dankesrede, „ist mitnichten nur ein weiterer Preis für mich, sondern etwas ganz Besonderes. Ich sehe ihn als Vertrauensvorschuss, Unterstützung, Aufmunterung. Ich möchte mich bei ihnen dafür hellauf bedanken“. Ein Hellauf, das die Autorin gleich „dreifach“ interpretiert: als hellauf Begeisterte, als karnevalesken Hellau-Ruf und als Appell zum „Weiter so“ an die Organisatoren.
Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert
Der mit 10.000 Euro dotierte und von einem Weinpräsent flankierte Preis wird von den Landkreisen Südliche Weinstraße und Germersheim, der Stadt Landau sowie der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur und dem Künstlerhaus Edenkoben ausgerichtet. Die wechselnde Jury bildeten in diesem Jahr Michael Au, Nico Bleutge, Carolin Callies, Monika Rinck und Hans Thill. Musikalisch wurde die Feststunde von Theo Joulin, einem ausgezeichneten Piano-Schüler der Kreismusikschule Südliche Weinstraße untermalt.