Gastspiel RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafen: Starke Lina Beckmann als Shakespeare-Fiesling

Fasziniert: Lina Beckmann als Richard III. in Karin Henkels Shakespeare-Inszenierung „Richard the Kid & The King“.
Fasziniert: Lina Beckmann als Richard III. in Karin Henkels Shakespeare-Inszenierung »Richard the Kid & The King«.

„Richard the Kid & The King“ hat Karin Henkel ihre Inszenierung genannt, die „Richard III.“ mit Aspekten aus anderen Königsdramen Shakespeares ergänzt. Das Gastspiel des Deutschen Schauspielhauses Hamburg im Theater im Pfalzbau lebt von seiner Hauptdarstellerin.

Der großartigen Lina Beckmann ist es vor allem zu danken, dass man „Richard III.“ so gespannt und zunehmend begeistert zuschaut. Mit trotzigem Teenagerblick stapft die Schauspielerin vier Stunden lang durch eine Epoche von Krieg und Gewalt und offenbart nebenbei die Tricks der Populisten von heute. Am Ende erntet sie Begeisterungsstürme.

Die Welt in „Richard the Kid & The King“ ist eine Scheibe, leer und schwarz, darüber ein ewiger Nachthimmel mit kugeligen Sternen, fahl beschienen. Zugleich ist diese Welt eine Theaterbühne, auf der ein narzisstischer Hauptdarsteller seine mörderische Rolle probt. Bis zum Ende ändert sich nichts an diesem Nachtbild ohne Aussicht auf einen neuen Tag. Die Welt ist schlecht und bleibt es, auch wenn Könige sterben und andere sich hoffnungsvoll die Krone aufsetzen. Ein mörderischer Kreislauf ohne erlösende Pointe.

Richard III., Shakespeares schlimmster und berühmtester Protagonist aus den Königsdramen, gibt es bei Karin Henkel in der XL-Version mit Kindheit, Familiengeschichte und historischer Einbettung. Für den ersten Teil benutzt die Inszenierung Texte aus „Schlachten“ von Tom Lanoye, einem noch größeren Shakespeare-Projekt, bei dem Regisseur Luk Perceval 1999 alle acht Königsdramen zu einem Zwölf-Stunden-Marathon zusammenfasste. Bei Henkel konzentriert sich nun alles auf Richard, auf Kindheit und Jugend folgt im zweiten Teil Machtergreifung und Untergang des Erwachsenen.

„Nicht grausamer als die Natur, als die Zeit“

Das Zweite ist nur aus dem Ersten zu verstehen, lautet Henkels These. Richard wird in eine Zeit blutiger Familienfehden um die englische Krone geboren, in ein labiles, von Bürgerkriegen erschüttertes Staatsgebilde, in dem politisches Handeln von Rache und Gewalt geleitet ist. „Ich bin nicht grausamer als die Natur, als die Zeit“, wird er resümieren, „alles, was ich tat, musste ich tun, damit die Welt mir nicht entgleitet“. Richard ist das perfekt sozialisierte Produkt einer gewaltgetränkten Epoche. Morden lernt er im Kinderzimmer.

Was diesen Theaterabend so gelungen und einzigartig macht, ist aber in erster Linie die Besetzung der Titelrolle. Lina Beckmann, die man auch als neue Ermittlerin im Rostocker „Polizeiruf 110“ kennt, spielt Richard mit beinahe pausenloser Bühnenpräsenz – mit körperlicher Wucht und überschwappender Wut. Ein ewiger Halbstarker mit wiegendem Gang, ungelenken Gliedmaßen und lauerndem Blick. Dieser Richard giert nach Liebe und Anerkennung, will wenigstens wahrgenommen werden. Als er das nicht freiwillig bekommt, holt er es sich mit den Mitteln, über die er reichlich verfügt: Kraft, Gewalt, Heimtücke, billiger Verstellung. Selbst ist er am meisten überrascht, dass er damit durchkommt, dass die anderen ihn gewähren lassen, seine Taten hinnehmen, ihm die Krone aufsetzen: „Wenn du ein Star bist, kannst du alles machen, you can grab pussies.“ Der Satz ist nicht die einzige Trump-Anspielung. Dass mit Lina Beckmann eine Schauspielerin dieses Männermonster spielt, vergisst man bald, so selbstverständlich macht sie sich diese Rolle zu eigen.

Unverfrorene Gräueltaten

Karin Henkel erzählt diese Geschichte in geradezu entlarvend-anschaulichen Bildern. König Heinrich VI. vom Lancaster-Clan wirft da nach siegreicher Schlacht dem York-Sprössling die Köpfe von Vater und Bruder vor die Füße. Mit stummem Trotz lässt Beckmanns Richard diese Demütigung über sich ergehen, später stellt er Weinflaschen wie Kegel in eine Reihe und benutzt einen der Köpfe als Bowlingkugel.

Heinrich VI. wird Richard später genauso ermorden wie dessen Sohn Prinz Eduard, wird dessen Witwe am Grab dazu bringen, an seine Unschuld und Liebe zu glauben und seine Ehefrau zu werden. Seinen älteren, zum König ernannten Bruder Edward bringt er dazu, den dritten Bruder George wegen angeblicher Umsturzpläne umbringen zu lassen. Und als Edward IV. vor Kummer stirbt, lässt er auch dessen Thronfolger meucheln. Lina Beckmann trampelt mit brachialer Unverfrorenheit durch all diese Gräueltaten, das weiße Shirt immer blutiger, die Augen schwarz umrandet, vor Anstrengung schwitzend, rotzend, fluchend über all die immer neuen Hindernisse auf Weg zur Macht. Nur manchmal spielt sie Richard auch als das gewohnt hinkende, bucklige Monster, aber auch das ist hier nur ein weiteres Täuschungsmanöver, ein offen gezeigter Bühnentrick.

Ein Königreich für ein Schaukelpferd

Starke Kolleginnen und Kollegen hat Beckmann an ihrer Seite. Kate Strong und Bettina Stucky sind für die Yorks zuständig, drahtig-fordernd die eine, imposant-beschützend die andere. Kristof Van Boven übernimmt die Lancasters. Am Ende darf er auch Richmond spielen, den aus Frankreich herbeigeeilten Hoffnungsträger, der ein weiterer Königsmörder ist und Richard im Blutrausch niedermetzelt. Als Heinrich VII. folgt er ihm nach.

Ein Königsmörder trifft auf den nächsten: So endet „Richard the Kid & The King“ mit (von links) Kristof Van Bovenund Lina Beckma
Ein Königsmörder trifft auf den nächsten: So endet »Richard the Kid & The King« mit (von links) Kristof Van Bovenund Lina Beckmann.

Auch hier verlangt Richard am Ende verzweifelt nach einem Pferd, das ihn aus der verlorenen Schlacht trägt. Und ist bereit, sein mühevoll zusammengemordetes Königreich dafür zu tauschen. Bei Karin Henkel bekommt er es, es ist dasselbe Schaukelpferdchen, auf das er schon als Kind begeistert in den Kampf gezogen ist. „Mein Tod wird euch die Welt nicht besser machen“, verkündet er am Ende. Das wusste natürlich auch Shakespeare, der unter Richmonds Enkelin Elisabeth I. immerhin etwas ruhigere Zeiten erleben durfte.

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