Pfalz-Krimi RHEINPFALZ Plus Artikel Lilo Beil blickt in „Lebende Schatten“ auf jüdische Schicksale

Lilao Beil auf der Buchmesse in Neckarsteinach.
Lilao Beil auf der Buchmesse in Neckarsteinach.

Erneut ein Buch wider das Vergessen ist Lilo Beils elfter Band um den – lange pensionierten – Ludwigshafener Kommissar Friedrich Gontard. In „Lebende Schatten“ geht es um ein 1942 in Klingenmünster begangenes Verbrechen. Die Untaten der NS-Zeit, die viele nach wie vor nicht wahrhaben wollen, lassen den Kommissar – und Autorin Beil – nicht los. Von Gontards wiederkehrendem Lebensmuster ist die Rede und dem „Versuch, der Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen“. Und so ist auch dieser Krimi ein Appell, hinzuschauen und das Leid nicht zu vergessen.

„Mein Leben hat mich hellsichtig gemacht für die Verbrechen der Vergangenheit, die oft eine Grundlage sind für neue, aktuelle Verbrechen“, lässt Lilo Beil ihren Gontard sinnieren. „Lebende Schatten“ spielt 2007. Gontard ist mittlerweile 83 und spürt in Klingenmünster, Lilo Beils Geburtsort, einem Verrat nach. Im fiktiven Nachbarort Niederzell lebt Gontards Tochter Lilli. Und ihr Nachbar Gabriel Sutter bittet Gontard um Mithilfe. Er ist ein engagierter Geschichtslehrer, der nicht nur seine ihn hoch schätzenden Schüler über NS-Verbrechen aufklären möchte und Stolpersteine verlegt, die an die Deportationen Pfälzer Juden erinnern.

Ein Ausschnitt aus dem Buch-Cover.
Ein Ausschnitt aus dem Buch-Cover.

Nun ist er auf ein besonderes Schicksal gestoßen: 1939 war die 15-jährige Elsa Grünewald aus Ludwigshafen, die mit ihrer Familie oft Ferien in Klingenmünster verbracht hatte, mit einem Kindertransport nach England ausgereist und überlebte. Ihre Eltern und die jüngere Schwester Leni wurden im KZ ermordet. Leni war zuvor in Klingenmünster von einer wohlmeinenden Familie versteckt worden, doch wurde diese offenbar denunziert. Ähnlich wie Anne Frank führte Leni Tagebuch – und Emilie Kern, deren Eltern Leni einst Zuflucht gewährten, hat nun dieses Heft entdeckt und Sutter übergeben. Aus England wiederum ist die Tochter von Elsa angereist, mit Briefen, die ihre Mutter aus Ludwigshafen erhielt. Gabriel Sutter und Friedrich Gontard studieren nun auf der Suche nach dem damaligen Verräter Briefe und Tagebuch. Doch dann geschieht ein Mord. Und aus Ludwigshafen reist die forsche Kommissarin Bettina Sonnendecker an, die zunächst „auf dem rechten Auge blind“ zu sein scheint. Doch die Beweise und die Begegnung mit Zeitzeugin Emilie Kern bewegen sie zum Umdenken.

An der Liverpool Street Station in London erinnert dieses Denkmal an die Kindertransporte.
An der Liverpool Street Station in London erinnert dieses Denkmal an die Kindertransporte.

„Lebende Schatten“ zeigt auf, wie die Vergangenheit weiter unsere Gegenwart prägt, und welche Rolle Umfeld und Bildung spielen, um einen moralischen Kompass zu entwickeln. Das Buch ist von wahren Ereignissen inspiriert: Lilo Beils verstorbene Patin Emilie Degitz aus Klingenmünster und deren Freundin Inge Hummel, heute 93, hatten ihr von Kindheitserlebnissen mit den 1940 nach Gurs deportierten Brüdern Gustav und Alfred Levy erzählt, deren Schicksal das Buch ebenfalls streift. Und die Geschichte von Elsa und Leni basiert auf dem Erleben der Ludwigshafener Familie Michel. Judith Rhodes, Tochter von Ursula Michel, die dank eines Kindertransports anders als ihre Schwester und Eltern den Krieg überlebte, hat Beil Zugang zu den echten Briefen ihrer Familie gewährt.

Ein erschütterndes – und spannend erzähltes – Buch, das zum Nachdenken anregt und zugleich Hoffnung macht, dass sich Menschen doch ändern können.

Lesezeichen

Lilo Beil: „Lebende Schatten“, Conte; 186 Seiten; 14 Euro.

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