Kaiserslautern
Letzte Premiere des Jahres: Das Pfalztheater präsentiert Franz Lehárs „Die lustige Witwe“
Die 1905 uraufgeführte Operette „Die lustige Witwe“ ist Franz Lehárs bekannteste und erfolgreichste Bühnenkompositionen – auch heute noch so dauerhaft präsent in den Spielplänen der Theater wie sonst vielleicht nur noch „Die Fledermaus“ von Johann Strauß aus dem Jahr 1874. Während man Lehár dem „Silbernen Zeitalter“ der Operette zuordnet, steht Strauß für die „Goldene“ Epoche des Genres.
Schon der Blick auf das Uraufführungsjahr 1905 mag vielleicht bei manch einem Kopfschütteln auslösen. Die Welt, in der Lehár lebte und arbeitete, stand vor einem Abgrund, der sich neun Jahre später mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs auftat und sie verschlang. Und was macht der Komponist? Er komponiert ein knapp dreistündiges Werk, das auch als tönender Groschenroman durchgehen könnte. Unterhaltung pur, Tingeltangel statt Zeitkritik. Wenn große Kunst auch seismographisch zu sein hat, wenn sie bevorstehende Katastrophen vorwegnehmen sollte, zumindest erahnen müsste, dann können wir „Die lustige Witwe“ nicht zur großen Kunst zählen.
Große Kunst kann auch gute Unterhaltung sein
Was ziemlich anmaßend und nachgerade dumm wäre. Natürlich ist dieses Stück auskomponierte Weltflucht. Aber genau dies soll es auch sein. Es soll unterhalten in einer Zeit, die durchaus bleiern schwer auf den Menschen lastete. Ablenkung von einem sorgenvollen Alltag bieten, in dem der bevorstehende Krieg ja längst kein unausgesprochenes Geheimnis mehr war. Denn auch das kann große Kunst sein: gut gemachte Unterhaltung. Und das ist Lehárs Operette nun in der Tat. Und noch viel mehr: Die Walzerseligkeit dieser feierwütigen Pariser Gesellschaft, die sich in jedem der drei Akte zu einem neuen Fest versammelt und in einen neuerlichen Vergnügungstaumel stürzt, sie ist ja nichts anderes als ein Tanz dem Vulkan. Die Menschen wissen das. Und weil sie es wissen, gehen sie heute lieber noch einmal ins Maxim. Denn wer weiß, ob dies morgen noch möglich ist.
Die Kaiserslauterer Regie von Francois de Carpentries und Karine van Hercke, die auch für die Kostüme verantwortlich ist, tut gut daran, die Operette zunächst einmal als das zu nehmen, was sie ist und sein will. Eine radikale Aktualisierung beziehungsweise Politisierung findet nicht statt. Das Bühnenbild von Thomas Dörfler zeigt drei Festsäle, die allerdings, wie uns Günther Fingerle in der Sprechrolle des Njegus kurz vor Beginn augenzwinkernd gestehen muss, nicht ganz fertig geworden sind. Ein Regie-Einfall, der immer wieder aufgegriffen wird, wenn sich Kulissen-Teile anscheinend zu lösen beginnen. Die Illusion ist brüchig, der große Spaß könnte in sein Gegenteil kippen.
Die Handlung wird in die 1920er Jahre verlegt
Die Handlung wurde in die 1920er Jahre verlegt. Der oben bereits erwähnte Vulkan ist längst ausgebrochen. Nun sehnen sich die Menschen nach Ablenkung, nach Unterhaltung, weil hinter ihnen der Schrecken liegt. Und sie tanzen, sei es in der Botschaft Pontevedrinos im ersten, im Haus der Titelfigur Hanna Glawari im zweiten oder im nachgebauten Maxim im letzten Akt. Es wird geküsst, geliebt (mitunter unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber unter lautem Stöhnen) und getrunken. Man spült den Staub des Alltags hinunter, schnappt sich den nächstbesten schlanken Frauenarm – und alles wird gut. Wenn es eben nicht doch nur eine Illusion wäre.
So wie das Leben, das Graf Danilo führt. Ein Liebling der Frauen, genießt er es exzessiv. Nacht für Nacht verbringt er im Maxim, seiner Arbeit in der Botschaft geht er eher weniger nach. Er glaubt, er sei glücklich. Weil er nicht weiß, was Glück heißt. Wahres Glück, und nicht der Traum vom Glück. Es braucht schon die Wiederbegegnung mit seiner Jugendliebe Hanna, um ihm die Augen zu öffnen. Aber bis es so weit ist, muss er ziemlich tief sinken, zahlreiche Flaschen Champagner leeren und sprichwörtlich am Boden liegen.
Für den Macho und Charmeur bricht eine Welt zusammen. Diese Frau ist so anders als jene, die er vor Jahren nicht heiraten durfte. Sie ist selbstbewusst und selbstbestimmt, die Männer tanzen nach ihrer Pfeife. Diese Hanna Glawari entspricht dem Typus der modernen Frau, der in den 1920er Jahren in ganz Europa auf den Bild- und Tanzflächen erschien. Die Männer hatten es schließlich verbockt in ihrem jahrelangen Grabenkrieg. Zeit für einen Paradigmenwechsel. Aber das kann Mann ganz schön zu schaffen machen.
Vor dem Schlussakt, dessen Umbaupause Günther Fingerle mit einem ebenso witzigen wie eindrucksvollen, weil weit hinter die Kulissen der schönen Operetten-Welt blickenden Monolog überbrückt – liegt Danilo wie eine Leiche vor dem Vorhang. Besoffen wie immer, schläft er seinen Rausch aus – und versucht zu vergessen. Hanna, seine Liebe zu ihr, die er zu feige ist, sich einzugestehen und ihr zu offenbaren. Da kann es dann nur noch die Musik retten: „Lippen schweigen“. Liebesduett im Finale. Alles wird gut. Schließlich sind wir in der Operette.
Ein ganz großartiger Graf Danilo
Franz Xaver Schlecht singt und spielt einen geradezu idealen Danilo, mit viel Schmelz in der Stimme, mit Charme, aber eben auch mit dem Mut der Verzweiflung des Liebenden. Ihm gegenüber agiert Elena Fink sehr souverän in der Titelpartie, auch wenn ihre Spitzentöne mitunter etwas scharf klingen. Daniel Kim in der Rolle des Rossillon war die von Daniel Böhm als Botschafter Mirko Zita angekündigte Indisponiertheit in Folge einer Erkältung absolut nicht anzumerken. Darstellerisch wie stimmlich vollauf überzeugend auch Monika Hügel als Valencienne.
Das Pfalztheaterorchester kam unter der Leitung von Olivier Pols etwas schwer in die Gänge. Das war dann mehr stilles Wasser als Champagner-Laune. Doch das besserte sich spätestens im zweiten Akt, was auch am von Aymeric Catalano vorbereiteten Chor und den Choreographien von Salvatore Nicolosi lag. Alles in allem ein gelungener und sehr unterhaltsamer Abend, der an manchen Stellen auch nachdenklich stimmte.
Termine
23., 25., 31. Dezember; 1., 10. Januar; 12., 18. Februar; 2. März.