Kultur Leben, Kunst, Seele

In den 70er Jahren hatte Chi Coltrane mit „Thunder And Lightning“ einen Welthit, spielte 300 Konzerte im Jahr und war im deutschen Fernsehen dauerpräsent. Dann verschwand sie von der Bildfläche. Erst ihre Comeback-Tournee 2009 führte sie wieder nach Europa. Seither kommt sie regelmäßig, kann aber nicht mehr an die Popularität von einst anknüpfen. Heute wird Chi Coltrane 70.
„Es war, als ob ich 20 Jahre lang geschlafen hätte“, blickt Coltrane zurück. So lange dauerte es, bis bei ihr das Dornröschenschlaf-Syndrom diagnostiziert wurde. „Ich nahm dann Medikamente, und nach neun Monaten war ich wieder fit“, erzählt sie in nahezu perfektem Deutsch, denn die US-Amerikanerin aus Racine in Wisconsin hatte in den 70er Jahren auch einige Zeit in Deutschland und der Schweiz gelebt. Und: Eine Großmutter war Deutsche. Gelernt hat sie im Elternhaus aber nur ein einziges Wort: „Schweinehund“. „Das sagte meine Mutter, als sie in mein unaufgeräumtes Zimmer kam.“ Verstanden hat Chi Coltrane das Wort aber erst später, als sie 2009 ihr Comeback feierte – auf der Wiener Donauinsel vor 100.000 Besuchern, als sei sie nie weg gewesen. Chi Coltrane, die sich schon zu Beginn ihrer Karriere nur widerwillig den Gesetzen der Industrie unterwarf, Platten nur dann aufnahm, wenn sie Lust dazu hatte, ist als Musikerin zurück, ihre Arbeitsweise hat sich aber kaum verändert. Alben produziert sie nur gelegentlich, und ihr Desinteresse am Star-sein zeigt sie auch heute noch ganz offen. „Wenn wir auf diese Welt kommen, haben wir nichts. Und wenn wir sie verlassen, können wir nichts mitnehmen. Also ist es doch besser, all das schätzen zu lernen, was mit Geld nicht zu bezahlen ist: das Leben, die Kunst, die Seele.“ Wer sie wirklich kennenlernen wolle, müsse ihre Texte zur Kenntnis nehmen. Die erzählten mehr, als sie je sagen könnte über ihre Lebenskrisen, ihr Glück und ihre Poesie. Chi Coltrane ist eine Frau mit vielen Talenten, einer rauchig-kratzigen Stimme und einem Dampfhammeranschlag am Flügel. Sie ist Sängerin, Songschreiberin, Arrangeurin, Produzentin und Pianistin, wurde mit Janis Joplin oder Elton John verglichen, gar als „The New First Lady of Rock“ gefeiert – und enttäuschte doch immer wieder mit lustlos aufgenommenen Alben. „Während meiner Kindheit gab es zu Hause nur Beethoven und Bach. Zum Rock kam ich erst später durch die Beatles und die Rolling Stones. Und eines meiner größten Vorbilder war Cat Stevens“, verrät die Musikerin, die Anfang der 90er-Jahre sogar Musik für einen „Tatort“ geschrieben hat: den Titelsong für die Schimanski-Folge „Bis zum Hals im Dreck“. Zu Deutschland hat Chi Coltrane bis heute eine enge Beziehung: „Ich habe mich hier immer wohlgefühlt. Es ist meine zweite Heimat. Ich liebe Amerika und seine Menschen, aber was dort politisch passiert, behagt mir nicht. Es geht nur noch um Gewalt und Sex – das ist dumm, das mag ich nicht. Es ist nicht mehr das Land, das ich geliebt habe.“