Elsass
KZ-Natzweiler-Struthof: Zwangsarbeit in den Vogesen
Clément Schermann ist der Glückspilz. Ihm gelingt unweit des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof der bislang wichtigste Fund. Nicht die erfahrenen Archäologinnen und Archäologen des Kernteams buddeln die Metall-Plakette der deutschen Firma Junkers aus der Erde, sondern er.
Mit seiner Kelle hat sich Schermann, 19 Jahre und Student der Archäologie aus Straßburg, an diesem Morgen an die Arbeit gemacht. Zunächst habe er gedacht, es handele sich um die Plakette eines Häftlings, erzählt Schermann. Er habe das auf den ersten Blick unscheinbare dreieckige Stück geprüft, die Erde abgestreift. Bis er das Logo des deutschen Rüstungsherstellers Junkers, „der fliegende Mensch“, deutlich erkannt habe. „Das berührt mich sehr“, sagt Schermann. „Der Ort hier, das ist Teil unserer Regionalgeschichte.“
Gefragter rosa Granit
Später werden die anderen Studierenden, die mit ihm seit zwei Wochen im Steinbruch des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof an der Arbeit sind, um ihn herumstehen und darüber reden, dass sie den ganzen Morgen schon spekuliert hatten, wann sie endlich ein solches Zeugnis der Zwangsarbeit hier oben in den Vogesen finden würden. Und dann war es auch noch einer von ihnen, der das von mehr als sieben Jahrzehnten patinierte Metallstück mit der stilisierten Figur darauf in der feuchten Erde freigelegt hat.
An der Stirnseite der Anlage arbeitet ein Teil der Gruppe an diesem Morgen an den im Boden verbliebenen Fundamenten einer Demontagehalle. Hier zerlegten Häftlinge ab 1943 bis zur Räumung des Lagers 1944 ausgemusterte Flugzeugmotoren, die aus der damaligen Straßburger Fabrik von Junkers in die Vogesen gebracht wurden.
Die Arbeit im Steinbruch beginnt allerdings schon 1941, zeitgleich mit der Entstehung des Konzentrationslagers. Der hier abgebaute rosa Granit ist überhaupt der Grund, warum die nationalsozialistischen Besatzer ausgerechnet in den elsässischen Vogesen oberhalb von Rothau den Bau eines Konzentrationslagers, Natzweiler-Struthof, vorantreiben. Betrieben wird der Steinbruch von den Deutschen Erd- und Steinwerken. Der abgebaute Granit wird an deutsche Firmen verkauft, dient aber auch zur Errichtung des Konzentrationslagers selbst.
Lücke in der Dokumentation
Doch im Laufe des Kriegs verändern sich die Prioritäten. Noch gebrauchsfähiges Material defekter oder ausgemusterter Flugzeugmotoren soll im Steinbruch von Häftlingen ausgeschlachtet werden. Während anfangs zwei Gebäude für die Verwaltung und als Aufenthaltsräume für die zivilen Arbeiter ausreichen, werden für die Demontage ab 1943 eigens Werkstätten errichtet, insgesamt binnen weniger als einem Jahr gut 20 Gebäude, in Aussehen und Aufbau ähnlich den Baracken auf dem KZ-Gelände.
„Die Nationalsozialisten arbeiteten hier mit vorgefertigten Teilen für die eingeschossigen Holzbaracken auf einem Fundament aus Beton, wie man sie auch in anderen Lagern vorfindet“, sagt Juliette Brangé, die das Archäologieteam mit Studierenden aus Straßburg, Dijon, Rennes und Bordeaux leitet. Das Prinzip lässt sich am Beispiel von Halle 122 nachvollziehen, dort, wo Clément Schermann die Junkers-Plakette entdeckt hat. Das Team hatte in den Tagen zuvor Erde und Moos entfernt und die Grundfläche von etwa acht auf 25 Meter freigelegt. Brangé verweist auf Reste der Trennwände zwischen den Arbeitsplätzen und die Stellen am Boden, wo die Kabel für das elektrische Gerät aus dem Boden kamen.
Jahrzehnte war das Gelände der Natur überlassen. „Einige der Gebäude wurden nach dem Krieg zerstört“, berichtet Brangé. Zum Teil habe die Gemeinde Material verkauft, obwohl der Steinbruch seit den 1950ern unter Denkmalschutz stand. Der Wunsch, das alles zu vergessen, mag eine Rolle gespielt haben, vermutet die Archäologin. Schließlich arbeiteten auch lokale Unternehmen mit, weil die Häftlinge für einige Tätigkeiten nicht die nötigen Fachkenntnisse mitbrachten. „Bislang sind die Vorgänge im Steinbruch und die Zwangsarbeit hier ohnehin ungleich viel schlechter dokumentiert als das, was im Konzentrationslager geschehen ist“, sagt die 23-Jährige, die für ihre Dissertation an einem Vergleich zwischen den Konzentrationslagern Natzweiler-Struthof und Flossenbürg im Oberpfälzer Wald arbeitet.
Dass man über die Arbeit im Steinbruch, über den Umgang mit den Häftlingen wenig weiß, aber auch nicht, an wen der Granit verkauft wurde und welche Mengen aus dem Elsass in Umlauf kamen, hat noch einen anderen Grund. „Die uns bekannten Zeitzeugenberichte stammen fast ausschließlich von französischen Deportierten, in der Regel waren sie politische Gefangene, die nicht im Steinbruch gearbeitet haben“, sagt der Archäologe Michaël Landolt. Denn zur Demontage der Flugzeugmotoren zog die Lagerleitung andere Nationalitäten vor, wie Polen oder Russen. Sie wollte verhindern, dass Gefangene mit den zivilen Arbeitskräften in Kontakt treten konnten und bediente sich dabei der Sprache als Barriere.
Drei unterirdische Tunnel
Es ist der zweite Sommer in Folge, in dem ein Archäologie-Team im ehemaligen Steinbruch von Natzweiler-Struthof bei der Arbeit ist. Inzwischen treten die freigelegten Fundamente mehrerer Gebäude deutlich hervor. Wie schon im vergangenen Jahr mussten zunächst Bäume und Gestrüpp von den Ruinen entfernt werden, berichtet Juliette Brangé. Mit einem Stapel laminierter Fotos und Pläne unter dem Arm schreitet sie den Weg ab dem Fundort der Junkers-Plakette Richtung Schmiede hinunter, einem monumentalen Gebäuderumpf mit Unterkellerung, hinter dem sich die Abbruchwand befunden hat.
Die Arbeit ist längst nicht zu Ende. Auch die genaue Untersuchung dreier unterirdischer Tunnel jenseits des Geländes – zwei von ihnen 60 Meter lang und gegraben, um die Arbeit an den Motoren während des Krieges aus der Luft unsichtbar weiterführen zu können, – steht noch aus. Noch bis Ende August machen sie weiter, legen Mauerreste, Kabel, Türschienen frei und suchen nach Fundstücken. Es sind auf den ersten Blick keine spektakulären Entdeckungen. Doch im nächsten Sommer werden sie wiederkommen. Weil es die Menschen, die hier Zwangsarbeit verrichten mussten, verdient haben.