Kunst
Kunst ist besser als gar kein Sex: Die Schau „Frauenkörper“ in Heidelberg
In ihrem Sachbuch über Anfang und Ende der „männlichen Zivilisation“ entwickelt die Biologin Meike Stoverock eine Theorie, warum erotisch aufgeladene Frauendarstellungen von Beginn an die Kulturgeschichte bevölkern. Bis ins 19. Jahrhundert fast ausschließlich von Mannsbildern gemalt und modelliert. Allermeistens aus dem Kopf im Übrigen, nach Detailstudien; oder nach männlichen Aktmodellen. Das Modellstehen war Frauen verboten und/oder schickte sich nicht. Und sowieso galten sie als eine Art Ausgabe 1 B. Eine Spezies, die, wie Otto Weiniger 1903 in seinem abscheulichen Buch „Geschlecht und Charakter“ dozierte, je weiblicher, desto mehr rein geistlose Geilheit verkörpert. Erst durch den Mann empfange die Frau ein Leben aus zweiter Hand. „Female Choice“ heißt Stoverocks Werk jedenfalls, Damenwahl, in dem ausgeführt wird, dass in der Natur die Weibchen den Zugang zu Sex kontrollieren. Sie sucht aus, zurück bleiben frustrierte Ers.
„Pin-up“ aus der Steinzeit
Zur Zeit der Jäger und Sammler sei diese Genderungerechtigkeit noch Usus gewesen, schreibt sie, weshalb sexuell unterversorgte Typen eine starke Fixierung auf den weiblichen Körper entwickelt hätten. Oversexed und underfucked, Folge, so die Naturwissenschaftlerin Stoverock: Die ersten Bildzeugnisse von Menschen zeigten Frauen als Vorlagen leerlaufenden männlichen Begehrens. Die üppige Venus von Willendorf zum Beispiel, die berühmte altsteinzeitliche Figurine mit großen Brüsten und liebevoll detaillierter Vulva, der Kopf unkenntlich bedeckt. Ein erstes „Pin-up“ (Philipp Meier) der Menschheit, heute noch zu provokant für Algorithmen, weshalb die Venus schon mehrmals aus Facebook verbannt worden ist.
Die Kunst also doch, mit Sigmund Freud: Triebsublimation. Mann geht mit gemischten Gefühlen in die „Frauenkörper“-Ausstellung im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg. Schaut auf die „Mutter“-Bilder in Mannheim (RHEINPFALZ-Besprechung vom 1. Oktober). Viele Heilige hier. In Heidelberg dagegen unter anderem Huren, von Otto Dix und George Grosz mit teils emphatischer Abscheu gemalt. Hindrapierte Schönheiten wie auf Albrecht Dürers „Meerwunder“-Bild aus dem Jahr 1498. Max Beckmanns kopfüber auf dem Bett fläzende „Quappi“ wie Gott sie schuf. Ernst Ludwig Kirchners haifischig blickende Nackte mit Hut, das Schamhaar-Dreieck sitzt wie ein Bart über dem Eigentlichen. Die Füße in roten Schuhen stellen die geometrische Figur spiegelbildlich nach. Notgedrungen – der Zugang zu einer Kunst-Karriere war Frauen bis in das 20. Jahrhundert hinein weitgehend verwehrt – übernehmen in der Schau wie im wahren Leben die Künstlerinnen die Sicht auf sich selbst erst spät. Wobei sich manchmal die Bilder zumindest in ihrer Drastik gleichen. Wie Karl Hubbuchs „Lustmord“ (1930) und die himmelschreiend traurige Radierung „Vergewaltigt“, 1907/1908 von Käthe Kollwitz. Leblos liegt bei ihr das Opfer mit gespreizten Beinen im verwüsteten Garten. Unterschied: Bei Hubbuch blickt der mutmaßliche Täter zurück, die Frau ist bäuchlings gemalt, entblößt. Er stiehlt sich davon. Bei Kollwitz schaut die kleine Tochter auf die Szenerie. Ihr Bild ist völlig frei von Voyeurismus. Andernorts wird dieser weibliche Blick ausschließlich akzentuiert.
Kurpfälzische Geschwister
In Tübingen etwa sind derzeit die körperbetonten, oft nackt erlittenen Selbst-Martyrien von Marina Abramovic in der Kunsthalle konzis ausgestellt. In der Basler Fondation Beyeler dann lässt sich der vielzitierte „male gaze“, der vorherrschend männliche Blick auf das Ewigweibliche, endgültig abgleichen. Das Museum zeigt Porträts und Selbstporträts ausschließlich von Frauen wie Frida Kahlo oder Elisabeth Peyton. Titel: „Close-up“, Nahsicht. Auch die 1954 geborene us-amerikanische Foto- und Anverwandlungskünstlerin Cindy Sherman ist vertreten. Offensichtlich eine der Künstlerinnen des Moments. Ihre, die Renaissance-Malerei und die vorauseilende Kritik an der Selfie-Kultur vereinenden Werke sind so auch in Mannheim und Heidelberg präsent.
In der Kunsthalle Mannheim figuriert Sherman als Madonna samt Gummi-Brust und Kind. In Heidelberg, wo sie es in den Untertitel der Schau geschafft hat, unter anderem als stillende Gottesmutter (Maria lactans) ohne Anhang. Es tropft noch aus ihrem – auch hier – Kunstbusen. Das Werk, eine stilsichere Persiflage.
Dringlicher Trennungsschmerz
Dito ein All-Star ist die epochale Worpsweder Wegbereiterin Paula Modersohn-Becker, die in Basel zu den neun dort präsentierten „herausragenden Positionen“ zählt. In Mannheim ist ihr hypnotisches „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ ausgestellt, der herausfordernde Blick darauf. Und die den Babybauch bergende Geste. Im Heidelberger Katalog schließlich ist von dem nicht zu haltenden Status des Bildes als „wahrscheinlich erster weiblicher Selbstakt der Kunstgeschichte“ die Rede.
Ohnehin sind die beiden kurpfälzischen Schauen so etwas wie verschwisterte Ausstellungen. Auch wenn in Mannheim – nomen est omen – der Chef Johan Holten kuratiert hat, ein Mann. In Heidelberg letztmals Sammlungsleiterin Dagmar Hirschfelder. Die 48-jährige Spezialistin für nordalpine Malerei wechselt als Direktorin zur Gemäldegalerie der Staatlichen Museen Berlin. Wer ihre Abschiedsausstellung sieht, fühlt dringlichen Trennungsschmerz. Sie ist Stil- und Theoriegeschichte, eine Erzählung über Schönheitsideale und Diskursvorlage für Genderdebatten in einem. Ein Wurf, der sich jeder Skandalisierung widersetzt. Voyeurismus wird verhandelt, nicht bedient. Statt chronologisch versammelt die Schau die Werke thematisch, darunter die Figur „Diana und Aktaeon“ (1777) aus der Frankenthaler Porzellanmanufaktur und den Linolschnitt „Tod und Frau“ des in Heidelberg gestorbenen Ludwigshafeners Will Sohl (1906 bis 1969). Das Zeittypische wird dabei quasi mitdiskutiert. Wie sich die Körperideale wandeln von Dürers idealisierten Evas bis zu Rembrandt van Rijn, der die Urmutter Mitte des 17. Jahrhunderts deutlich angejahrt, gebeugt und faltig darstellte. Oder wie Bartholomäus Spranger 1581 die Nymphe Salamacis malt, ausgezogen, rückseitig, in starker Nahsicht, weich modelliertem, hellem Inkarnat, den Körper unnatürlich verdreht, den Blicken vollständig ausgeliefert. In dieser Hinsicht schon ähnlich wie die nackte Schöne auf Lovis Corinths „Fußwaschung (Bei der Toilette)“ aus dem Jahr 1910. Allerdings liegt die Frau beim Impressionisten Corinth in natürlicher Haltung auf dem Sofa. Fleischlich, lebensnah, der Pinselduktus deutlich. Bezeichnend allerdings auch, bei welchen Themen sich derartige zeitüberspannende Stilvergleiche anstellen lassen – und bei welchen nicht.
Sehr gut funktioniert die Diachronie beim Thema „Verführung und Begehren“. Die Bildbeispiele beginnen bei Hans Sebald Behams Frivolität „Die Nacht“ (1548), die unverhüllte Scham ist in die Bildmitte gerückt. Anton Tischbeins malerisches Poser-Bild „Venus und Amor“ aus den 1770er-Jahren ist zugegen. Félix Vallatons landschaftlich Daliegende aus dem Jahr 1924 rangiert in diesem Kapitel, dazu der altmeisterlich coole „Halbakt“ (1929) von Christian Schad. Oder die Aktfotografie, auf der der Mannheimer Günter Blum 1989 seine Muse Sylvie Neubauer helmutnewtonhaft vor einem Räderwerk inszeniert.
Ende im Gelände
Kein Problem ist eine ausgedehnte Chronologie auch, wenn es um „Schmerz, Gewalt und Bedrohung“ geht. Im Kapitel „Weibliche Identität“, wenn Frauen Frauen malen und fotografieren indes, wird es zeitlich dünner. Erstes Bild, die Kohlezeichnung zweier weiblicher Halbakte von Käthe Kollwitz, datiert um 1904/06, frühere Zeugnisse fehlen. Selbstredend werden die illusionslos komischen Selbstporträts von Maria Lassnig angeführt. Oder das existenziell anrührende Nacktfoto einer über 90-Jährigen von Manabu Yakankas. Rein zeitgenössisch bestückt ist dann das Schlusskapitel, in dem aktuelle Körperdebatten illustriert werden. Darunter auch die witzigen Werke der Polin Justin Koeke, 1976 in Krakau geboren. Für die Werkgruppe „Frauen im Wald“ lockte sie mit ihrer finnischen Kollegin Mimosa Pale via der Dating-App Tinder Männer auf eine einsame kleine Insel. Ihre Offerte: Freiluft-Sex. Stattdessen aber wurden die Anreisenden in Performances eingespannt. Auf einem Foto ist einer davon zu sehen, wie er kopfüber und an Händen und Füßen gefesselt an einen langen Stock hängt. Erlegt und von den Frauen abgeschleppt wie bei einer Jagd. So also sieht es aus, wenn wie von Sachbuchautorin Meike Stoverock beschrieben, die männliche Zivilisation endet.
Die Ausstellung
„Frauenkörper. Der Blick auf das Weibliche von Albrecht Dürer bis Cindy Sherman“, bis 20. Februar im Kurpfälzischen Museum Heidelberg. www.museum-heidelberg.de