Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Konzert mit Kultstatus: Grigory Sokolov im BASF-Feierabendhaus

Ein Perfektionist: Grigory Sokolov
Ein Perfektionist: Grigory Sokolov

Grigory Sokolov, wieder einmal. Im fast voll besetzten BASF-Feierabendhaus. Seine Klavierabende haben seit Jahrzehnten Kultstatus. 74 ist er jetzt, und das ist ein Alter, in dem sich Kollegen gerne oder allmählich von der großen Bühne zurückziehen. Aber Sokolov? Irgendwie undenkbar: Der doch nicht!

Abgesehen davon dass der Mann ein phänomenaler Pianist und noch größerer Musiker ist – man braucht ihn einfach, seine Kunst wie seine bizarren, einer immer gleichen Choreographie folgenden Auftritte: Abgedunkelter Saal, die weiß leuchtenden Tasten des Flügels wirken wie ein überdimensionales Gebiss, reinkommen wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, knappe Verbeugung, setzen, Frackschöße mit einem Ruck nach hinten werfen, spielen. Gesichtsausdruck, Mimik? Ausgeblendet.

Wenn es nicht Schau ist, ist es Notwendigkeit, zumal für einen Pianisten, der immer 100 Prozent da ist, sich ganz und allein auf die Musik konzentriert und von der Programmgestaltung über Unnachgiebigkeit in der (seiner) Interpretation bis zur Stimmung des Instrumentes nie Kompromisse zugelassen hat; seine Abstinenz von Konzerten mit Orchester und Studioaufnahmen gehört dazu.

Widerspruch zwecklos

In Ludwigshafen gibt es Bach, Chopin und Schumann, keine der großen Zyklen, alles „Stücke“, die im Ruch stehen, für Amateure erreichbar zu sein. Sokolov katapultiert sie ins Unerreichbare. Hat man Bachs vier Duette BWV 803 bis 805 je so tiefgründelnd, so präzise auseinandergelegt, wahrlich duettierend gehört? Mit solchen knorrigen Verzierungen, vorlaut sich in den Vordergrund polternden Bässen, wohl dosiertem Pedal und fast unhörbaren Mini-Ritardandi, die so etwas wie Stimmungsumschwünge auf engsten Raum sind?

Dann pausenlos angehängt die viel anspruchsvollere zweite Partita in c-Moll (BWV 826) mit einer Sinfonia die als düsteres Drama beginnt und sich über einen zurückgenommenen Andante-Teil in einen schier überdrehtes Allegro stürzt. Und so eigenwillig Allemande, Courante, Sarabande, Rondeaux und Capriccio. Fast glaubt man philosophische Traktate zu hören. Will man das doch etwas anders? Den auf historische „Korrektheit“ pochenden Kämpfern für die reine Lehre bleibt keine Chance. Alles ist mit sich im Reinen, Widerspruch zwecklos. Mehr Bach geht nicht und Sokolov ist sein Prophet.

Ein großer Abend

Sieben Mazurken op. 30 und op. 50 von Frédéric Chopin geht er spielend auf den Grund. Was folkloristisch-banal an ihnen ist, wird durch Missachtung in den Adelsstand erhoben und man weiß nicht wie. Unter Sokolovs Händen sind es den Tanztypus Mazurka weit übersteigende Tondichtungen im Kleinformat, eine feine Dosis Melancholie und Weltschmerz inklusive.

Bei Schumanns „Waldszenen“ weht dann eine ganz andere Luft. Die sind nicht „schwer“, ein mit lockerer Hand komponierter romantischer Waldspaziergang in neun Charakterstücken, aber in Anspruch und Haltung im Grunde nichts für Amateure, die der Komponist eigentlich im Blick hatte. Der geheimnisvolle „Vogel als Prophet“ war einmal das heiß geliebte, kapriziös in die Tasten gestochene Paradestück des seligen Wilhelm Kempf. Sokolov spielt das nüchterner. Da muss nichts reißerisch funkeln, das ist einfach so und so wie es ist, ist es gut.

Es war ein großer Abend, er war zu erwarten. Zu den vor Jahren schon einmal im Feierabendhaus erreichten sieben Zugaben kam es nicht ganz.

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