Kunst
Komm in die Gondel: Venezianische Zeichnungen in München
Die Nummer ist zirkusreif. So lässig posiert Gottvater auf seiner Weltkugel, dass man in Gedanken gleich einen Trommelwirbel hört. Und dann balanciert der Allmächtige auch noch mit ausgebreiteten Armen, als wollte er in die Manege rollen. Fast. Bei näherer Betrachtung ist der artistische Spaß eher ungefährlich: Die Evangelisten Johannes und Markus halten den Globus so mühelos, als sei’s ein Gymnastikball.
Was für eine Leichtigkeit, noch dazu bei diesem Thema. Und natürlich stellt sich unwillkürlich die Frage, ob das nicht auch mit Venedig zu tun hat, wo ja doch alles ein bisschen schwebender ist als auf dem Festland und sich proseccogleich in Schaum auflöst. Denn die beschriebene Szene ist auf einer Zeichnung Antonio Vassilacchis festgehalten und zählt zu den delikaten Höhepunkten der Ausstellung „Venedig. La Serenissima“ in der Pinakothek der Moderne.
Muskelprotz El Greco
Über deren Qualität muss man sich sowieso keine Gedanken machen, die liegt in Hülle und Fülle in den staatlichen Schubladen. Selbst die zweite Garde kann in dieser wild zusammengepuzzelten Runde locker mithalten – und sei es durch einen tänzelnden Weltenlenker.
Zwei Schritte weiter von Vassilacchi jedenfalls ist etwas Singuläres von dessen Landsmann El Greco gehängt. Allein wegen der Muskelpakete käme man nie auf „den Griechen“, sondern eher auf einen an Tizian geschulten Anhänger Michelangelos. El Greco bezieht sich in dieser einzigen, aus seiner Venedig-Zeit gesicherten Papierarbeit dezidiert auf den „Giorno“ aus der Medici-Kapelle. Der gelernte Ikonenmaler war zwar noch nicht lange in Italien. Aber dass man mit Zeichnungen und Grafik fabelhaft für sich werben konnte, dürfte er bald begriffen haben. Wollte El Greco dem einflussreichen Kunstrichter Vasari, für den Michelangelo das Nonplusultra war, damit schmeicheln? Und ihm gleich noch ein vielsagendes Statement unterjubeln?
Im weichen Licht der Lagune
Denn genau genommen ist das um 1570 entstandene Blatt auch eine Antwort auf den Vorwurf der Florentiner, die Venezianer würden die Zeichnung vernachlässigen. Was ja nicht stimmt. Im weichen Licht der Lagune hatte man einfach eine andere Auffassung von der Linie, der Kontur, der Abgrenzung vom Hintergrund, man sah das Wasser flirren, den Dunst aufsteigen – und war vielleicht auch nicht dauernd am Griffelspitzen…
In der Grafik spielt sich vieles in feinsten Details ab, für die man etwas Zeit und Erklärungen braucht. Etwa aus dem großartigen, geschmackvoll gestalteten Katalog. Dass ein Astrologe auf Giulio Campagnolas Kupferstich von 1509 mit dem Zirkel Berechnungen auf einer Himmelsscheibe anstellt und ohne jede Furcht neben einem Ungeheuer sitzt, ist dann auch nicht mehr verwunderlich. Just zu dieser Zeit hatten die Venezianer in der Schlacht von Agnadello eine verheerende Niederlage erlitten und wichtige Städte verloren. Doch die siegreichen Truppen der gemeinsam agierenden Trias Frankreich, Habsburg und Sizilien – verkörpert durch den Lindwurm – erwiesen sich als völlig desolat und chaotisch.
Venezianisch-fränkische Kombination
Der Astrologe liest das längst aus den Sternen. Deshalb empfiehlt dieses schöne, zarte Blatt nichts weniger als Gelassenheit, selbst wenn die Gefahr bereits ihr spitzes Maul aufreißt. Solche für uns eher rätselhaften Bilder demonstrieren, dass die Druckgrafik oft genug etwas für Connaisseure war. Diesen Sammlern ist auch aufgefallen, dass dem experimentierfreudigen Campagnola außerdem eine ziemlich schräge venezianisch-fränkische Kombination gelungen ist: Sein von Zeus begehrter Ganymed erlebt kein gewaltvolles Kidnapping – bei Rembrandt wird er sich später vor lauter Angst bepinkeln. Stattdessen reitet der Jüngling auf einem „göttlich“ verkorksten Adler über eine Landschaft, die deutlich von einem Kupferstich Dürers inspiriert ist.
Neben so vielschichtigen Kompositionen sind selbstredend auch Postkartenmotive zu finden. Das heißt, klassische Veduten, etwa vom Spezialisten Canaletto, und herrliche Typen aus dem venezianischen Alltag: vom exaltierten Kaffeetrinker mit Gebäckzange bis zum schmerbäuchigen Tandler und vom nicht ganz glücklichen Pflasterer bis zur Fischerin mit Angel, die eigentlich auf Männerfang ist.
Die Gondel als Kick
Was auch in einer Serenissima aus Papier nicht fehlen darf, ist eine Gondola. Hier hat sie sogar ein Verdeck. Unter dem sitzt ein Liebespaar beim Tête-à-Tête, begleitet von einem Musiker, der nur Augen für sein Clavichord hat. Alles andere sehen die Betrachter, die für den gewissen Kick einst ein Deckblatt heben mussten und solche kunstvollen Souvenirs gerne mit nach Hause brachten. Schon, um sich mit ihren mehr oder weniger amourösen Abenteuern in Venedig zu brüsten.
Die Ausstellung
„Venedig. La Serenissima“, bis 8. Mai. www.pinakothek-der-moderne.de