Klassische Musik RHEINPFALZ Plus Artikel Kleiner Ort, große Musik: Das „fermate Festival“ in Birkweiler

Botschaften „an die ferne Geliebte“: Star-Tenor Werner Guera und Christoph Berner beim Konzert in der historischen Ortsmitte von
Botschaften »an die ferne Geliebte«: Star-Tenor Werner Guera und Christoph Berner beim Konzert in der historischen Ortsmitte von Birkweiler.

Das vom Künstlerehepaar Ilse und Christoph Berner initiierte „fermate Festival Südpfalz“ in Birkweiler hat auch bei seiner zweiten Ausgabe beherzt Flagge gezeigt. Und das unter Corona-Bedingungen. Zu erleben waren am Freitag und Samstag vier fantastische Open-Air-Konzerte.

Not macht bekanntlich erfinderisch. Auch Corona-Not. Und so wandert die Kammermusik raus. Wie zum Beispiel beim „fermate Klassik Festival Südliche Weinstraße“, das am Freitag und Samstag den schmucken Innenhof des Ortsmittelpunkts der kleinen Weinbaugemeinde Birkweiler zwei Programme und vier Vorstellung lang geradezu elektrisierte. Ein Hochglanz-Ereignis, bei dem einfach alles stimmte!

2019 hatte das Künstler-Ehepaar Ilse und Christoph Berner – sie Sopranistin mit Pfälzer Wurzeln, er Wiener und Pianist –, seit wenigen Jahren mitten im Ort beheimatet, das Festival mit Sponsoren und kräftiger logistischer Unterstützung der Verbandsgemeinde Landau Land aus der Taufe gehoben. Es wurde ein Paukenschlag! Unmöglich, es gleich wieder zu beerdigen. 2020 also die mutige Outdoor-Variante unter Beachtung des Corona-Regelwerks, inklusive Blick aufs Damoklesschwert Wetter. Das hat gottlob mitgespielt, sonst wäre „fermate“ wortwörtlich ins Wasser gefallen.

Vogelstimmen, Sechs-Uhr-Geläute und tosender Applaus

So aber gingen alle vier Konzerte auf dem behutsam technisch ausstaffierten Podium vor ausverkaufter Publikumskulisse – was so ausverkauft heißt dieser Tage – über die geschmackvoll ausgeleuchtete schwarze Bühne. Vogelstimmen, Sechs-Uhr-Geläute der nahen Kirchen und mal ein Motorsegler am Himmel inklusive. Der Applaus übertönte ohnehin alles.

Dass auch Künstler mit gewöhnlich ausgebuchten Kalendern heuer Termine frei haben – wen sollte das gegenwärtig wundern? So spürte man sie irgendwie, diese lange Abstinenz der Stars oben, auf der intimen Bühne, ihre Lust, endlich wieder live und im Auge des Publikums zu musizieren.

Der Tenor Werner Güra – der aktuell wohl angesagteste deutschsprachige Lied-Interpret schlechthin –, die virtuose Klarinettistin Laura Ruiz Ferreres, der Cellist Florian Berner, die Sopranistinnen Sara-Bigna Janett und Ilse Berner, der Pianist Filippo Gamba und nicht zuletzt Christoph Berner selbst; müßig, ihre jeweiligen Preise, weltweiten Auftritte, hochklassigen Musizierpartner oder bedeutenden Hochschulämter aufzulisten. Sämtlich zählen sie zur internationalen Meisterklasse.

Die zwei Programme, jeweils mit Dacapo serviert, lauteten „Beethoven 250 – Forever Young“, sowie „Tanzbein – Spielbein“ mit Schwerpunkt auf Werken von Johannes Brahms. Bemerkenswert am Konzept der Berners ist nicht zuletzt ihr erklärtes Geschick, auch das weniger klassisch verortete Publikum behutsam abzuholen und die Hemmschwelle klein zu halten. Und das Tor in die auf hohem Niveau präsentierte Hohe Kunst weit aufzutun.

Keine Angst vor Revoluzzer-Musik

Dazu zählt vorneweg die im charmant humorigen Plauderton eingestreute Moderation durch Christoph Berner. Zudem – Kammermusikpuristen mag dies die Nackenhaare kräuseln –, Werke auch mal nur ausschnittweise, auf einen Satz verkürzt, zu spielen. Schließlich der beherzte Griff in die Wunschkonzert- und Raritätenkiste. Und so war Beethoven, der ewig junge Revoluzzer, kraftvoll präsent mit vom Trio Ferreres, Berner und Berner brillant interpretierten Sätzen aus Opus 20 und Opus 11, der „Mondschein Sonate“ und dem Adagio aus der „Pathetique“ – in Filippo Gambas wirklich atemberaubend spannender Darstellung. Florian Berner veredelte zwei Sätze Cello-Sonate op. 1/5 auf seinem wunderbar weichen Gagliano-Cello. Werner Güra entsandte in magischem Einklang mit Christoph Berner am Flügel seine köstlichen stimmlichen Botschaften „An die ferne Geliebte“ in anbetungswürdig Noblesse und unangestrengtem Höhenglanz. Ilse Berner huldigte mit dem köstlich zelebrierten Couplet „Soll der Schuh nicht drücken“ dem eher unbekannten humorigen Beethoven.

Zur „Fledermaus“? Eine Straße weiter

Bevor sie die „Ungarischen Tänzen“ von Brahms auf die Orchester-Bühne geschickt hatten, begeisterten sie bereits auf dem Klavier zu vier Händen – und Gamba und Berner brillanten. In Brahms schwerblütiger Klarinetten-Sonate f-Moll vitalisierte Laura Ferreres die Bühne nochmals mächtig. Mit vier deutschen Volksliedern- und Duetten, sieben Momentaufnahmen aus den Liebeslieder-Walzern, begleitet vom Duo Berner/Gamba am Flügel, formulierten Ilse Berner, Werner Güra und die mit eleganter Stimmkultur operierende junge Sopranistin Sara-Bigna Janett kultivierte Liedkunst vom Feinsten. Von da zu Johann Strauß’ „Fledermaus“ war’s nur eine Straße weiter.

Grandioser Abschluss im Arrangement für die Akteure des Festivals: das Final-Terzett des ersten Akts, „Oh je, oh je, wie rührt mich das“. Großes Bravo und – in der Pfalz unausweichlich – ein Konzert-Aprés mit „Betthoven-Wein“ beim Winzer um die Ecke.

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