Kultur Keine Zeit für Rom

Porträtkopf eines römischen Kaisers, vermutlich Valentinian.
Porträtkopf eines römischen Kaisers, vermutlich Valentinian.

Wir schreiben das Jahr 364 nach Christus. Das gesamte Römische Reich wird von schweren Krisen erschüttert. Das gesamte? Nicht ganz, denn zumindest in der Pfalz scheint keine Untergangsstimmung zu herrschen. Im Gegenteil. Seit Kaiser Valentinian I. die Herrschaft angetreten hat, blühen Wirtschaft und Handel. Diesen etwas anderen Blick auf die allgemein Spätantike genannte Epoche ermöglicht eine neue Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz.

Valent... wer? Man kann nicht sagen, dass dieser römische Kaiser Valentinian I. es zu ähnlicher Berühmtheit gebracht hat wie Konstantin oder Theodosius, der eine vor ihm, der andere nach ihm jeweils mit dem Beinamen „der Große“ bedacht. Dabei hat er in den elf Jahren seiner Herrschaft ganz wesentlich dazu beigetragen, den Untergang des Imperiums aufzuhalten. Nicht von Rom, das er nie betreten hat, sondern von seiner Hauptresidenz Trier aus zog er mit seinen Truppen gegen die einfallenden Germanen. Unter denen – so stellen es jedenfalls die römischen Geschichtsschreiber dar – galten die Alamannen als besonders „barbarisch“. Die Archäologen freilich können diese Einschätzung der meist die Ruhmestaten ihrer Auftraggeber huldigenden Autoren nicht immer bestätigen. Die Sache ist, wie so oft, ein wenig differenzierter zu betrachten. Gewiss, mit dem Fall des Limes im Jahr 260 war die Grenze des Römischen Reiches wieder an den Rhein gerückt. Aber bis ins 5. Jahrhundert hinein blieb sie dies, auch wenn nach den Alamannen wohl auch Vandalen und andere rechtsrheinische Stämme plündernd in die römische Provinz eindrangen. Funde, die dies belegen – der auf um 260 zu datierende Barbarenschatz von Neupotz ebenso wie der zunächst durch seine „Raub“-Hebung Schlagzeilen machende Hortfund von Rülzheim aus der Mitte des 5. Jahrhunderts –, sind derzeit nach Berlin „ausgewandert“. Funde, die zeigen, dass die Spätantike eher eine Epoche des Über- als die eines Niedergangs war, sind gerade in der Pfalz reichlich vorhanden und durch Grabungen bis in die jüngste Zeit hinein ergänzt worden. Und dabei lässt sich ganz eindeutig belegen: Kein anderer römischer Herrscher war so oft in der Region, die schon damals Grenzland war, als eben jener Valentinian, der von 364 bis 375 regierte und dem das Historische Museum in Speyer nun eine eigene Ausstellung widmet. Die kleine Pfalz im großen Römischen Reich: Regionalgeschichte trifft Weltgeschichte. Der Raum, in dem dies geschieht, ist mit 150 Quadratmetern recht beschränkt: die ehemalige Museumsbibliothek mit den beiden Rundtürmen, in der zuletzt gezeigt wurde, wie Helmut Kohl Speyer für jeweils kurze Zeit in eine „Weltbühne“ verwandelte. Den deutschen Kanzler und den römischen Kaiser trennen mehr als nur fast 2000 Jahre, aber das Konzept, aus der Platznot des Museums eine Tugend zu machen und wie mit einer Lupe auf die kleine Pfalz im Weltgeschehen einer ausgewählten Epoche zu schauen, geht auch diesmal auf. Kohl nun kannte wohl jeder, aber wer kennt Valentinian? Deswegen wird der Kaiser erst einmal vorgestellt: mit einem Porträtkopf, der als Leihgabe aus Kopenhagen nach Speyer gekommen ist und einigen biografischen Angaben. Geboren wurde der Sohn eines Militärs 321 in Cibalae (heute Kroatien), gestorben ist er 375 in Brigetio (heute Ungarn), beides in der römischen Provinz Pannonia gelegen. Dieser ungarische Kroate also zog in den Westen, nach Mailand, Amiens, Paris und schließlich „Augusta Treverorum“ (Trier), um ein Reich zu verteidigen, in dem zumindest ein Teil Germaniens, die Provinz Germania superior, in Gallien (Gallia belgica) lag. Beim Blick auf die Karten wird eines deutlich: Römische Verwaltungsreformen sind nicht dazu geeignet, heutigen Abgrenzern eindeutige Argumente zu liefern. Und im Gegensatz zu ihren Vorgängern vergangener Jahrzehnte versuchen Archäologen von heute auch nicht mehr, eindeutige Beweise auszugraben, sondern argumentieren und stellen zur Diskussion. „Unterschiedliche Positionen in der modernen Forschung“ ist ein Katalogbeitrag von Christian Witschel vom Heidelberg Center for Cultural Heritage (HCCH) und Professor für Alte Geschichte in Heidelberg. Dort haben sich Studierende in mehreren Seminaren mit Valentinian und seiner Zeit befasst. Und mit der Speyerer Außenstelle der Landesarchäologie ist ein dritter Partner zu nennen, der zum Gelingen der Ausstellung Entscheidendes beitrug. Die Auswahl muss schwer gefallen sein. Gezeigt werden Objekte und Funde, die eine Momentaufnahme aus einer Zeit erlauben, in denen die Pfalz trotz aller Bedrohung eine blühende Landschaft war. Gewiss auch, weil Festungsanlagen gebaut wurden – wie in Altrip oder Speyer – und das Material dafür in Rheinzabern produziert wurde: Bauziegel statt Geschirr. Militär sorgt eben dafür, dass die Wirtschaft floriert. Der Wein, den die Römer an den Rhein gebracht hatten, wollte getrunken werden – aus zum Teil kunstvoll verzierten Gläsern. In Landvillen (villae rusticae) bedeckten Fließen aus dem Mittelmeerraum den Fußboden. Dass in Speyer auch einmal ein römisches Theater stand: davon erzählt der Rest eines einzigen erhaltenen Sitzes. „Migration ist die Mutter aller Kulturen“, wirft Museumschef Alexander Schubert beim Presserundgang dann noch fast beiläufig ein. Auch das ließe sich so, mit der Lupe auf die Pfalz gerichtet und in Zusammenarbeit mit so kompetenten Partnern wie diesmal, trefflich darstellen – dann vielleicht in größerem Rahmen. Obwohl doch schon diese kleine Ausstellung so viel erzählt. Die Ausstellung „Valentinian I. und die Pfalz in der Spätantike“, Historisches Museum der Pfalz, Speyer; bis 11.8. 2019; Begleitprogramm mit Vorträgen und wissenschaftlicher Tagung (18. bis 20. 10); Katalog 19,95 Euro.

Aus Eßweiler: Silberlöffel mit Tauben und Segenswunsch.
Aus Eßweiler: Silberlöffel mit Tauben und Segenswunsch.
Aus Eisenberg: ein Brotstempel – das älteste Zeugnis frühen Christentums in der Pfalz.
Aus Eisenberg: ein Brotstempel – das älteste Zeugnis frühen Christentums in der Pfalz.
Aus Altrip: Bronzelampe in Form einer Taube.
Aus Altrip: Bronzelampe in Form einer Taube.
Aus Wachenheim: Glaspokal, gefunden als Beigabe in einem spätantiken Gräberfeld.
Aus Wachenheim: Glaspokal, gefunden als Beigabe in einem spätantiken Gräberfeld.
Porträt des Kaisers auf einer Goldmünze.
Porträt des Kaisers auf einer Goldmünze.
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