Geschichte
Kein sicherer Hafen für Flüchtlinge aus der Pfalz
Heute würde man einen wie ihn als „unbegleiteten Minderjährigen“ bezeichnen: Ernst Weil, geboren am 9. August 1924 in Landau, war 14 Jahre alt, als er am 13. Mai 1939 in Hamburg die St. Louis bestieg. Das Ziel des Transatlantik-Passagierschiffes der Hamburg-Amerika-Line war diesmal nicht, wie seit dem Stapellauf 1928 üblich, New York, sondern Kuba. Der Junge aus Landau war kein Ausreißer, der das große Abenteuer suchte. Wie alle anderen 936 Passagiere dieser als Sonderfahrt deklarierten Seereise war er auf der Flucht.
Sechs Monate zuvor hatten in Deutschland die Synagogen gebrannt. Der nationalsozialistische Terror gegen die jüdische Bevölkerung trieb seinem entsetzlichen Höhepunkt entgegen, immer mehr Menschen entschieden sich, ihre Heimat zu verlassen. Die Männer, Frauen und Kinder, die, ausgestattet mit Touristenvisa für Kuba oder gar Einreisepapieren für die USA, im Frühjahr 1939 an Bord der St. Louis gingen, ahnten nicht, dass sie ihr Ziel nie erreichen sollten.
Zwei Selbstmordversuche
Die Fakten sind rasch erzählt: Als das Schiff zwei Wochen nach Reisebeginn in der Bucht von Havanna vor Anker geht, verweigern die Behörden die Einfahrt in den Hafen. Während der Überfahrt hat Kuba seine Einreisebestimmungen geändert: Mit einem Touristenvisum darf nun niemand mehr an Land. Nur 22 der jüdischen Flüchtlinge besitzen gültige Einwanderungspapiere für die Insel. Sie dürfen von Bord, ebenso wie die in Cherbourg zugestiegenen vier Inhaber spanischer Pässe und zwei Kubaner.
Und noch einer kann bleiben, während die St. Louis am 2. Juni Kurs auf die Vereinigten Staaten nimmt. Mit aufgeschnittenen Pulsadern ist ein Rechtsanwalt aus Breslau über Bord gesprungen, von einem Matrosen gerettet und in ein Krankenhaus in Havanna eingeliefert worden. Ein zweiter Verzweifelter, ein Arzt, versucht derweil, sich mit Äther zu vergiften. Er wird gerettet, an Bord wird der Vorfall als Unfall ausgegeben, aber alle ahnen mittlerweile, dass ihre Reise keinen glücklichen Ausgang nehmen wird.
Kreuzen in der Karibik
Hoffnung keimt auf, als die Küste Floridas in Sicht kommt, aber auch in Miami darf die St. Louis nicht anlegen, tagelang kreuzt sie in der Karibischen See, nimmt zwischendurch Kurs auf die Insel Hispaniola. Jüdische Hilfsorganisationen haben sich mittlerweile an den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt gewandt. Vergebens, denn der steht unter innenpolitischem Druck und lehnt am 4. Januar endgültig die Aufnahme der Passagiere in den Vereinigten Staaten ab. Auch in Kanada ist das Flüchtlingsschiff nicht willkommen.
Auf Anweisung der Reederei nimmt die St. Louis am 11. Juni wieder Kurs auf Europa. Mit einem Kapitän – Gustav Schröder –, der seit 1933 Mitglied der NSDAP ist und dessen Bemühungen im Sinne seiner Passagiere dazu führen, dass er in Yad Vashem 1993 posthum in den Kreis der „Gerechten der Völker“ aufgenommen wird. Schröder weiß, was für die Menschen an Bord eine Rückkehr nach Hamburg bedeutet. Er spielt sogar mit dem Gedanken, vor der britischen Küste eine Havarie vorzutäuschen, um einen Landgang in Southampton zu ermöglichen.
Stoff für Kino und Theater
Es gab dramatische Szenen an Bord, einen Todesfall, einen Aufstand der Passagiere, die versuchten, das Kommando zu übernehmen: Stoff für einen Spielfilm mit Staraufgebot („Die Reise der Verdammten“ mit Max von Sydow als Kapitän Schröder, Lee Grant, Faye Dunaway, Maria Schell und Oskar Werner 1976 in seiner letzten Filmrolle) ebenso wie für ein Theaterstück („Die Reise der Verlorenen“ von Bestseller-Autor Daniel Kehlmann, 2018), beide basierend auf dem Buch „Voyage of the Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts; TV-Doku-Dramen entstanden – und zuletzt ein bemerkenswertes Projekt von Studierenden des Instituts für Geschichtswissenschaft der Uni Bremen, veröffentlicht in der Reihe „Aus den Akten auf die Bühne“ – Arbeit an den Quellen, die in Zusammenarbeit mit der Bremer Shakespeare Company Geschichte aus den Archiven in die Gegenwart holt.
Rückkehr der Totenschiffe
„Keine Zuflucht. Nirgends“ rückt die Irrfahrt der St. Louis in einen internationalen Zusammenhang, legt offen, was auf Konferenzen wie der von Evian 1938 verhandelt wurde und macht die Konsequenzen der dort und anderswo – auch Australien saß am Verhandlungstisch – gefassten Beschlüsse deutlich: Ein Kapitel der Publikation befasst sich mit den nicht wenigen anderen Flüchtlingsschiffen ohne Hafen, die in jenen Jahren über die Meere kreuzen: „Die Totenschiffe fahren“, schreibt die in New York erscheinende deutsch-jüdische Exilzeitung „Der Aufbau“ schon im April 1939 – und zieht damit Parallelen zu den Schiffen, auf denen nach 1492 die im wieder katholischen Spanien nicht mehr erwünschten Juden flohen.
Zeitlich wie räumlich ganz nah rückt die Odyssee der St. Louis mit einem Mal, schaut man genauer auf die vom United States Holocaust Memorial Museum in Washington veröffentlichte Passagierliste und sucht dort nach den Geburtsorten der unfreiwillig Reisenden. Außer dem allein reisenden Jungen Ernst aus Landau kamen noch mindestens zwölf weitere Flüchtende aus der Pfalz.
Flüchtlingskontingente
Wie viele ihrer jüdischen Leidensgenossen haben sie bereits einige Schikanen erlebt, manche sogar schon Lageraufenthalte. Aber sie gehören zu jenen, die auch die Rückkehr nach Europa überleben. Im Gegensatz zu nach aktuellem Forschungsstand 254 Mitreisenden, die alle in Konzentrationslagern ermordet werden.
„Endlich letzter Tag der Abenteuer-Fahrt, auf den Tag fünf Wochen haben wir gebraucht, um von Hamburg nach Antwerpen zu kommen“, notiert Erich Dublon aus Apolda am 17. Juni in sein Reisetagebuch. Die belgische Regierung hat Kapitän Schröder schließlich die Einfahrt in den Hafen an der Scheldemündung erlaubt, nachdem sich Deutschlands Nachbarn in unzähligen Verhandlungen über die Verteilung der Flüchtlinge einig geworden sind: 288 dürfen nach Großbritannien, wo sie nach Kriegsausbruch interniert werden. Aber ihre Überlebenschance ist ungleich größer als die der 214, die wie Erich Dublon in Belgien bleiben, oder die der 224 von Frankreich und der 181 von den Niederlanden Aufgenommenen.
Glücksfall Großbritannien
Tagebuch-Schreiber Dublon wird wie sein Bruder und dessen Familie am 3. September 1942 in Auschwitz ermordet. Carola Adler hingegen, von 1914 bis 1938 Oberin des Jüdischen Altersheims in Neustadt an der Hardt, entkommt – nach dem Brandanschlag auf das Heim in der Pogromnacht – ein weiteres Mal: Sie findet Unterschlupf bei einer belgischen Bergarbeiter-Familie – und überlebt.
Auch die Familie Alexander aus Pirmasens, die 1889 und 1891 in Landau geborenen Brüder Leo und Karl Alexander, entkamen den Konzentrationslagern. Ob es sich bei der ebenfalls mitreisenden Gisela Alexander um Karls Ehefrau oder um eine andere Pirmasenserin handelt, lässt sich aus den Quellen nicht mit Sicherheit feststellen. Alle drei gehören sie zum Flüchtlingskontingent nach Frankreich.
Glück haben die Zwillingsbrüder Julius und Arthur Weil, geboren 1897 in Oberlustadt. Schon gleich nach ihrer Rückkehr aus dem Lager Dachau haben sie sich mit ihren Familien zur Auswanderung entschlossen und sind mit allen notwendigen Papieren ausgestattet: Sie dürfen von Antwerpen nach Großbritannien übersetzen. Arthur wandert 1940 nach Chicago aus, wo bereits der ältere Bruder Paul lebt. Julius mit seiner Familie folgt 1946.
Eine weitere Odyssee hingegen beginnt führt die Vendigs aus Kaiserslautern, eine angesehene Textilkaufmannsfamilie, die ihr Kaufhaus in der Marktstraße 1936 verkauft hat und nach Berlin gezogen ist. Ernst Vendig landet im November 1938 im KZ Oranienburg und entschließt sich nach seiner Entlassung zur Emigration nach Kuba. An Bord der St. Louis sind neben seiner aus dem Westerwald stammenden Ehefrau Charlotte auch seine 1872 in Rheingönheim geborene Mutter Paulina und seine zwei Söhne Fritz und Heiner.
Schweizer Maskerade
Die Vendigs bleiben 1939 in Belgien, lassen sich in Brüssel nieder. Aber auch dort ist nach dem Überfall der Nazis niemand mehr sicher. Ernst wird 1940 nach Frankreich gebracht und in den Lagern Le Fauga, Saint Cyprien und schließlich Gurs interniert, die übrigen Familienmitglieder landen im Lager Rivesaltes. Es gelingt Ernst, von Gurs nach Les Milles verlegt zu werden, näher an Marseille, dem Auslaufhafen für die großen Auswandererschiffe. Was dann folgt, könnte auch aus einem Filmdrehbuch stammen.
Mit Hilfe seiner als Rot-Kreuz-Schwester verkleideten, in der Schweiz lebenden Schwägerin gelingt die Familienzusammenführung und die Freilassung: 1942 befindet sich alle Vendigs sicher in Évian am Genfer See – an dem Ort, wo vier Jahre zuvor die Regierungen der Welt um die Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen geschachert haben.
Ernests süßer Kuchen
Lebensgeschichten wie diese hat Roland Paul als langjähriger Leiter des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde akribisch zusammengetragen. Ehrenamtlich setzt er nun diese Arbeit mit der Arbeitsstelle für Geschichte der Juden in der Pfalz fort. Ihm wie jüngeren Generationen hilft bei dieser Arbeit heute das Internet.
Schülerinnen und Schüler des Landauer Otto-Hahn-Gymnasiums beispielsweise haben das Leben jenes Ernst Weil verfolgt, der allein auf der St. Louis reiste und einmal dieselbe Schule besucht hat wie sie heute. Seit 2020 erinnert in seiner Heimatstadt ein Stolperstein an ihn, an den jungen Konditorlehrling, der es in Kalifornien zum Millionär brachte und von dessen „Coffee Crunch Cake“ man in San Francisco auch bald 13 Jahre nach dem Tod seines Erfinders noch heute schwärmt. Das Rezept, das die Kunden scharenweise zu Blum’s Bakery lockte, bevor Ernest – wie er sich nun nennt – Weil sein eigenes Unternehmen, „Fantasia Confections“, gründete, kann man im Internet nachlesen. Sogar Papst Johannes Paul II. soll sich später für die Petits fours begeistert haben, die „Fantasia confections“ an First Class-Passagiere von Fluggesellschaften lieferte.
Landau in Kalifornien
Nachdem er die St. Louis in Antwerpen verlassen hat, führt ihn sein Lebensweg nach Soisy-sur-Seine, in ein französisches Kinderheim, wo er bereits seiner Backleidenschaft folgen darf, aus dem er dann kurz vor der deutschen Invasion 1940 flieht. Von Saint-Nazaire aus bringt ihn die „Champlain“ in die USA. In San Francisco trifft er seine dort lebenden Brüder. Ende 1941 erreicht auch dann Mutter Auguste die USA. Vater Isidor ist in Gurs gestorben, wohin man sie beide aus der Pfalz deportiert hat. In San Francisco trifft der „unbegleitete Minderjährige“ von der St. Louis Margot Schwarz, die er heiratet. Auch seine Ehefrau stammt aus Landau. Ernest Weils Kinder, Enkel und Urenkel leben heute in den USA und in Israel.
Und die St. Louis? Sie endet als Hotelschiff im Hamburger Hafen und wird 1952 abgewrackt.