Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel „Jesus Christ Superstar“: Berührende Pfalztheater-Premiere

Judas (Patrick Stanke) trägt den erschöpften Superstar Jesus (Gunnar Frietsch).
Judas (Patrick Stanke) trägt den erschöpften Superstar Jesus (Gunnar Frietsch).

„Jesus Christ Superstar“, die X-te? Von wegen: Die Inszenierung am Pfalztheater verleiht dem Stoff neue Tiefe und Aktualität. Große Stimmen, großes Kino!

Es ist wie ein Zeitensprung. Der Sound könnte glatt von der alten Vinyl-Platte zu Hause kommen. Schon das Intro zieht mit Wucht hinein in die Klänge der Vergangenheit. „Jesus Christ Superstar“ – wer das Kult-Album mit Ian Gillan, Murray Head und Yvonne Elliman mag, wird die Neuinszenierung der Rockoper, die am Samstag am Pfalztheater in Kaiserslautern Premiere feierte, zumindest schon der Musik wegen goutieren. Das Ensemble zelebriert mit Hingabe und Leidenschaft die Songs der mehr als ein halbes Jahrhundert alten Rockoper von Andrew Lloyd-Webber und Tim Rice. Wie eine Reminiszenz an die 70er-Jahre erscheinen eingangs auch die ineinanderfließenden Schwarz-Weiß-Flächen, die – auf die Leinwand projiziert – von der Musik aus dem Orchestergraben untermalt werden. Die wabernden Flächen lassen eine Hand, dann einen Fuß und zuletzt ein Gesicht erkennen – das Grabtuch von Turin? Klassisch.

„jesus Christ Superstar“ am Pfalztheater bietet großes Kino für Augen und Ohren.
»jesus Christ Superstar« am Pfalztheater bietet großes Kino für Augen und Ohren.

Aber dann wird alles ganz anders: Als der Schleier sich lüftet, katapultiert es das Publikum in die Neuzeit. Junge Leute fläzen auf Stühlen herum, davor zwei Stehpulte wie zur Pro-und Kontra-Debatte aufgestellt. Allein diese – für manchen vielleicht gewöhnungsbedürftige – Optik verleiht dem Stück eine völlig neue Dimension. Plötzlich erscheint der Hype um Jesus nahezu politisch. Das setzt sich in weiteren Szenen fort: Die Hohepriester Kaiphas – Arkadiusz Jakus punktet mit seinem sonoren Bass – und Annas (Chris Green) wirken in ihren schwarzen Anzügen mit Sonnenbrille wie manipulative Mafiabosse. Am Bartisch ziehen sie die Fäden, um mit Jesus die unliebsame Konkurrenz auszuschalten, die ihr Kommerzstreben entlarvt hat. Der Prozess am römischen Hof mutiert auf der Bühne zur quirligen TV-Show, in der Pilatus (Johannes Fritsche) als weiß gekleideter Entertainer den „König der Juden“ verteidigt und vergeblich zu retten versucht, während eine Trump-Version von Herodes (Johannes Hubmer) ihn vor laufender Kamera zum Wunderwirken überreden will.

Herodes in Trump-Montur: Johannes Hubmer und das Tanzsensemble.
Herodes in Trump-Montur: Johannes Hubmer und das Tanzsensemble.

Das zweieinhalbstündige Epos hat Pascale-Sabine Chevroton überaus kurzweilig, bunt und originell inszeniert, wobei unter der musikalischen Leitung von Olivier Pols neben der Pfalzphilharmonie auch Chor und Extrachor zum Einsatz kommen. Auch Tanzensemble und Statisterie sind mit von der Partie. Alle geben ihre Parts bravourös und fehlerfrei. Stark auch Valerie Gels als liebevoll fürsorgliche Maria Magdalena, die ihren Gesangspart wunderbar passend zunächst sanft-einlullend, später verwirrt und traurig interpretiert. Unter die Haut geht aber vor allem das leidenschaftliche Spiel der Hauptakteure Gunnar Frietsch (Jesus) und Patrick Stanke (Judas), die geradezu mit ihren Rollen verschmelzen. Beide geben stimmlich wie körperlich einfach alles – Gänsehaut-Momente und treffsichere Ian-Gillan-Screams inklusive.

Untrennbar verbunden: Jesus (Gunnar Frietsch, links) und Judas (Patrick Stanke), hinten Valerie Gels.
Untrennbar verbunden: Jesus (Gunnar Frietsch, links) und Judas (Patrick Stanke), hinten Valerie Gels.

Bleibt die Botschaft: Natürlich geht es auch am Pfalztheater wie einst in Hippiezeiten um Rebellion der Jugend, um Freiheit, Selbstbestimmung und die Frage nach Kommerz und zweifelhaftem Hype um Superstars, die doch im Grunde auch nur Menschen sind. Es geht um blinde Anbetung in der Erwartung von Wundern, die – erst einmal enttäuscht – in puren Hass umschlägt, vom „Hosianna“ zum „Kreuzige ihn“. Die graue Masse, eben noch huldigend mit den Aposteln tanzend, geifert bald nach dem Blut ihres vermeintlichen Messias. Und mittendrin die Hauptakteure, die zu Spielbällen höherer Mächte werden – in erster Linie Mächten der überaus irdischen politischen Art.

Das letzte Abendmahl: Szene aus der Kaiserslauterer Produktion der Rockoper.
Das letzte Abendmahl: Szene aus der Kaiserslauterer Produktion der Rockoper.

Es ist also auch in Kaiserslautern die bekannte Geschichte, die sowieso garantiert unter die Haut geht, Bibel hin, Religion her. Doch die Dramaturgie von Andreas Bronkalla erzeugt vor dem Hintergrund der Originaltexte jener Flower-Power-Tage einen weiteren Perspektivwechsel beim Zuschauenden, fast schon ein Dilemma, womöglich eine kognitive Dissonanz. Wer ist hier jetzt eigentlich der Böse? Wer trägt an all dem die Schuld? Wie hätte das schlimme Ende verhindert werden können? Judas wird vor der Kulisse der Postmoderne zum sympathischen Warner, der seinem Freund Jesus nur Gutes will, und Jesus zum tapferen Kämpfer, der zweifelt, aber nie verzweifelt und seinen Tod billigend in Kauf nimmt, während Maria Magdalena als nette Rundum-Sorglos-Tante die Zeichen der Zeit völlig verkennt. Wie zwei Seiten einer Münze sind die Schicksale von Judas und Jesus untrennbar miteinander verwoben. „Ohne Judas gibt es keinen Jesus“, sagt Andreas Bronkalla im Interview mit Regisseurin und Choreographin Chevroton. Er sehe Judas geradezu als Alter Ego von Jesus. Auch diese Lesart fließt spürbar in die Inszenierung ein.

Trauer um den Heiland: Maria Magdalena (Valerie Gels) mit Jesus (Gunnar Frietsch).
Trauer um den Heiland: Maria Magdalena (Valerie Gels) mit Jesus (Gunnar Frietsch).

Die Verbundenheit der Protagonisten spiegelt sich – anders als in der Vorlage – etwa in Duetten und im Wechselgesang. Beide stehen für Alpha und Omega, Anfang und Ende. Judas führt Jesus ins Geschehen ein. Und als schließlich Jesus an der Scheinwerferrampe gekreuzigt wird, die ihn zuvor ins Rampenlicht rückte, ihm dann (optisch) zu Gefängnis und Folterkammer wurde, bricht Judas unter ihm auf dem Boden zusammen, die Arme wie am Kreuz ausgebreitet. Dieses Bild vor Augen hält das Publikum eine kleine Weile inne, bis der hochverdiente Applaus losbricht. Applaus für eine unterhaltsame, berührende, tiefgehende, vor allem aber hochmoderne Inszenierung zur Musik einer Rockoper, die 1971 Premiere feierte.

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