Nachruf
Jean-Luc Godard, der Schöpfer des modernen Kinos, ist tot
„Unsterblich werden und dann sterben.“ Jean-Luc Godard, das zeigt dieses Zitat, hatte Humor, aber auch den Ehrgeiz, ein großes Erbe zu hinterlassen. Es war seine Antwort auf die Frage eines Journalisten nach seinen persönlichen Lebenszielen. Als unsterblich galt er da bereits – und als einer der größten französischen Regisseure, der mit der Mitbegründung der Nouvelle Vague das europäische Kino geprägt hat wie wenige andere seiner Generation. Etliche Auszeichnungen erhielt er für seine Arbeit, darunter einen Ehren-Oscar im Jahr 2010 und den César-Ehrenpreis 1987 für sein Lebenswerk. Am 13. September ist Jean-Luc Godard im Alter von 91 Jahren in Rolle am Genfersee „friedlich in seinem Zuhause, umgeben von seiner Familie“ gestorben, wie diese mitteilte. Ein offizielles Begräbnis werde es nicht geben.
Französischen Medienberichten zufolge hat Jean-Luc Godard die in der Schweiz legale Möglichkeit zum assistierten Suizid in Anspruch genommen Das sagte offenbar der juristische Berater der Familie, Patrick Jeanneret. Demnach war Godard zwar nicht krank, aber sehr erschöpft, er traf diese Entscheidung und wollte auch, dass sie so bekannt wurde.
Erst kurz nach seinem 90. Geburtstag am 3. Dezember 2021, nach einer mehr als 60 Jahre andauernden Karriere, hatte Godard angekündigt, dem Filmgeschäft Adieu zu sagen. Er sei eine „Erscheinung im französischen Film“ gewesen, bevor er zu dessen Meister wurde, würdigte ihn der französische Präsident Emmanuel Macron: „Wir verlieren einen nationalen Schatz, den Blick eines Genies.“ „Und Godard schuf Die Verachtung. Außer Atem ist er in das Firmament der letzten großen Erschaffer von Sternen aufgestiegen“, so formulierte Brigitte Bardot auf Twitter ihre Hommage an den Regisseur, indem sie zwei seiner größten Filmerfolge zitierte.
Er bekam alle großen Stars
Die 87-jährige Schauspielerin hatte 1963 an der Seite von Michel Piccoli die Hauptrolle in Godards Meisterwerk „Die Verachtung“ gespielt, so wie er fast alle großen Stars seiner Zeit vor seine Kamera bekam: Isabelle Huppert und Alain Delon, Gérard Depardieu und Jean-Paul Belmondo, dem er zum Durchbruch verhalf, sowie seine beiden ersten Ehefrauen, Anna Karina und Anne Wiazemsky.
1930 als zweites von vier Kindern einer großbürgerlichen franko-schweizerische Familie in Paris geboren, wuchs Godard in der Schweiz und in Frankreich auf. Während seines Studiums der Anthropologie an der Pariser Sorbonne-Universität interessierte er sich mehr für die Kinos im Studentenviertel Quartier Latin als für seine Seminare und fasste als Filmkritiker vor allem für die Fachzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ in diesem Bereich Fuß. Nach mehreren Kurzfilmen kam der Durchbruch 1960 mit „Außer Atem“, einer Art Gründungsfilm der Nouvelle Vague. US-Star Jean Seberg in der weiblichen Hauptrolle schwärmte von der „irren Erfahrung“, ohne Scheinwerferlicht, Schminke und Toneffekte zu drehen: „All das ist derart gegensätzlich zu Hollywood, dass ich ganz natürlich werde.“
Der Mann für Experimente
Und genau das wollte Godard: etwas Neues, Freies und Experimentelles schaffen, das sich weit vom klassischen Erzähl-Kino, von bisherigen Regeln und Konventionen entfernte. Er drehte teils nur mit einer Handkamera, wagte den collagenhaften „Jump Cut“ als neuen Filmschnitt.
Später entwickelte er sich weiter hin zu einem gesellschaftskritischen und filmtheoretischen Werk, beschäftigte sich mit gesellschaftlichen Themen wie der deutschen Wiedervereinigung, blieb ein einflussreicher Gast bei Filmfestivals und festigte so seinen Ruf eines Unsterblichen des europäischen Kinos.