Welt-Alzheimertag
Interview: Lisa Weber über eine Kunst-Führung für Demenzkranke
Wie muss man sich eine Führung für Demenzkranke vorstellen?
Am besten als gemeinsames, gutes Erlebnis. Das heißt, an sich wie bei allen Besucherinnen und Besuchern eigentlich. Aber hier ist das Gelingen noch mehr meine Verantwortung. Alles soll so sein, dass es ein positives Erlebnis werden kann.
Was heißt das konkret?
So Dinge wie Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer. Oder die Zugänglichkeit, auch visuell, ist ganz ganz wichtig. Zum Beispiel muss man darauf achten, dass nichts spiegelt oder bei Projektionen ist oft nicht ganz klar, was passiert, oder wo das herkommt. Vor allem muss ich noch mehr darauf reagieren, was von den Besucherinnen und Besuchern kommt. Es geht darum, Gesprächsanlässe zu schaffen. Starke Bilder haben die Chance, dass Menschen aktiviert werden, die vielleicht schon sehr zurückgezogen leben. Ein Kunstwerk kann Erinnerungen auslösen. Zum Beispiel haptisch. Wir bieten auf jeden Fall auch was zum Fühlen an.
Eine Umkehrung des Museumshauptsatzes „Bitte nicht berühren!“?
In der Ausstellung „Homosphäre“ geht ja um das Thema Luftraum und die Frage, wie fühlen sich Luft, Himmel, Wolke an? Und dann gibt es eben auch ein Fühlsäckchen, oder die Frage zu einem Bild, was riechen Sie? Wenn die Betroffenen über ihre Wahrnehmung oder eine Erinnerung an ihre Erlebnisse, eine Reise etwa, zu sprechen beginnen, ist ein Ziel erreicht.
Ähnlich wie bei Kindern?
Ja, total, das kann man vergleichen. Nicht in dem Sinn, dass man jetzt sagt, die Inhalte oder die kunstgeschichtlichen Daten sind jetzt für beide Gruppen, Kinder wie Alte, nicht wichtig. Das finde ich immer schwierig, das. Andersherum muss ich aber feststellen, dass dieses situative Arbeiten und die Besucherinnen und Besucher da abzuholen, wo sie herkommen, das ist bei Kindern und Jugendlichen genauso wichtig wie bei Menschen mit Demenz. Bei meiner Fortbildung habe ich gemerkt, wenn man schon mit unterschiedlichen Besuchergruppen zusammengearbeitet hat, dann ist dieses intuitive Arbeiten und Reagieren und Spontaneität ganz normal. Da ist vieles Grundlegendes dabei, was man an Erfahrung schon mitbringt.
Wissen Sie schon, welche Kunstwerke sie zeigen?
Bei der Anzahl bin ich spontan, ob drei oder fünf werde ich dann sehen. Die Veranstaltung wird aber auf keinen Fall länger gehen als eine Stunde. Wenn man die Menschen animiert, zu erzählen, sich zu erinnern, dann weiß man ja nicht, wie das zeitlich aussieht. Dann ist man auch schnell 15 Minuten nur bei einem Kunstwerk gewesen. Auf jeden Fall werde ich bei Almut Linde halt machen. Von ihr sind vier riesengroße Farbfotografien in der Halle zwei.
Und warum gerade sie?
Deswegen Almut Linde, weil das große Farbfotografien sind, auf denen man einen blauen Himmel sieht und Flugzeugspuren, also eigentlich weiße Wolken vor blauem Himmel, wozu, glaube ich, jeder was erzählen kann. Und das Thema Reise steckt drin, weil das wahrscheinlich einige Besucher, auch ältere, erkennen werden, dass das die Kondensstreifen von Flugzeugen sind, also künstlich erzeugte Wolken. Dazu spiele ich Reinhard Meys „Über den Wolken“ ab - als Einladung. Da kommen auch Flugzeuggeräusche drin vor. Es betont sehr den positiven Aspekt von dem Thema Himmel und leitet ganz gut über in einen anderen Raum, zu einem nächsten Kunstwerk. Julian Charrière „Pacific Fiction“ spielt auf dem Bikini Atoll, der durch US-Kernwaffentests unbewohnbar geworden ist. Er hat riesengroße Farbfotografien gemacht, mit einem wunderschönen Sonnenuntergang. Palmen sind zu sehen.
Die wesentliche Aussage des Werks dürfte allerdings eine andere sein, als schöne Palmenbilder zu liefern?
Ja, alle Arbeiten in der Ausstellung „Homospähre“ sind politisch brisant, schon. Und die Informationen werde ich den Teilnehmenden auch nicht vorenthalten. Aber das sind Situationen, da schaue ich, wie die Gruppe vor mir reagiert. Wir haben ja auch die Angehörigen eingeladen. Und die Infos, dass auf Bikini Island niemand mehr leben kann, aktuell, weil sie atomar verstrahlt ist, die gebe ich natürlich auch noch. Aber das steht aber ein bisschen im Hintergrund.
Wie sind sie darauf gekommen, eine Führung für an Demenz erkrankte Menschen zu machen?
Tatsächlich ist der größere Zusammenhang, dass wir an der Zugänglichkeit unseres Hauses arbeiten. Wir weiten gerade unser inklusives, barrierearmes Programm aus, für das wir auch gefördert werden. Zum Beispiel bieten wir viel für Menschen mit Sehbehinderung an, oder für Menschen mit Hörbehinderung gibt es Rundgänge in Gebärdensprache. Und unserer Web-Seite wird teils in einfacher Sprache gestaltet. Wir wünschen uns, dass wir hier im Haus auch etwas für Menschen mit demenzieller Erkrankung anzubieten, von fachlich geschultem Personal. Und, dass wir den Kontakt zu den entsprechenden Einrichtungen wie dem Café Malta, einer Betreuungsgruppe für Erkrankte hier in Mainz, stärken, was wir auch in Form eines Workshops gemacht haben. Tatsächlich ist jetzt das Netzwerk Demenz Mainz für den Welt-Alzheimertag am 21. September auf mich zugekommen.
Und wie geht es weiter?
Dieses Mal habe ich was zum Riechen und zum Fühlen dabei. Kein Kunstwerk, das man anfassen darf. Bei der nächsten Ausstellung sind wir gerade in Absprache mit der Künstlerin Hana Miletíć dass man einige ihrer Werke ertasten darf. Ihre Materialien eignen sich dafür. Das mit der Zugänglichkeit für viele soll auf jeden Fall in Zukunft so bleiben. Und Führungen für demenziell Erkrankte werden weiter dazugehören.
Zur Person
Lisa Weber leitet die Abteilung Bildung und Kunstvermittlung der Kunsthalle Mainz. Bei dem privaten Bildungsträger dementia + art in Köln hat sie eine Fortbildung zur Kulturbegleiterin mit dem Schwerpunkt Museum für Menschen mit demenzieller Erkrankung absolviert.
Infos
- Anmeldung: Weber@kunsthalle-mainz.de
- www.kunsthalle-mainz.de
- www.dementia-und-art.de
- www.alzheimer-gesellschaft-rhpf.de
- www.netzwerkstelle-demenz.de