Kultur Im Weißen Haus des Exils

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Über den Dächern von Los Angeles hat Thomas Mann im Zweiten Weltkrieg Zuflucht gefunden – und „Doktor Faustus“ geschrieben. Seine Exil-Villa hatte das deutsche Außenministerium 2016 gekauft und saniert. Jetzt ist sie wieder eröffnet worden, als Stätte transatlantischen Austauschs. Zu den ersten Stipendiaten der Villa gehört der Schauspieler und Autor Burghart Klaußner. Ein Rundgang.

Es duftet nach Eukalyptus, die Palmen stehen da wie gemalt, im Vorgarten blüht es rosa und violett. Drinnen helles Parkett, schlichte Sessel und im Arbeitszimmer Bücher bis unter die Decke. „Die Fenster sind neu“, sagt Frido Mann. „Aber sonst ist vieles noch da.“ Nur der Blick auf den Ozean, der sei damals freier gewesen, nicht wie heute versperrt von hohen Bäumen. Pacific Palisades ist ein Nobelviertel in den Hügeln über Los Angeles, dessen Straßen nach Küstenorten an der Riviera benannt sind. Am San Remo Drive hat zehn Jahre lang, von 1942 bis 1952, Thomas Mann gelebt. Es ist die Villa, in der „Doktor Faustus“ entstand, Teile von „Joseph und seine Brüder“, die Überarbeitung des „Felix Krull“. Ein Haus mit flach geneigtem Dach, eierschalenfarben angestrichen, keinerlei Pomp, eher zurückhaltend im Vergleich zu den Nachbarbauten, deren Architekten zwischen maurischem Stil und Barockschlösschen so ziemlich alles ausprobiert haben. Hier verfasste der Dichter in den Kriegsjahren auch die meisten seiner berühmten, von der BBC ausgestrahlten Radioansprachen. „Deutsche Hörer“ – ein Sammelband steht im Bücherregal. Als Frido Mann das erste Mal zu Besuch kam, im Sommer 1942, waren seine Großeltern, Thomas und Katia Mann, gerade eingezogen. Von da an verbrachte er jedes Jahr drei bis vier Monate in Pacific Palisades, bevor er in die Schweiz zog, um an einer Internatsschule zu lernen. 1953 wurde das Haus verkauft, nachdem die Manns nach Europa zurückgekehrt waren. Und der Lieblingsenkel des Schriftstellers hatte „das Gefühl, dass meine Heimat verloren gegangen ist“, erinnert er sich heute. Einen Stich habe ihm die Nachricht gegeben, sagt er. Vor zwei Jahren dann, als die Bundesregierung das Anwesen für 13 Millionen US-Dollar erwarb, war es in Frido Manns Erinnerung im Dornröschenschlaf versunken. Von allen Seiten zugewachsen und, ja, ein wenig vernachlässigt trotz der edlen Lage. Frank-Walter Steinmeier, damals deutscher Außenminister, sprach vom „Weißen Haus des Exils“. Aber vielleicht ist Crosby Doe der stille, selten erwähnte Held der Geschichte. Ein älterer, unauffälliger Makler. Er alarmierte die Deutschen, als die Immobilie 2016 zum Verkauf stand. Thomas Manns Haus, erinnert sich Doe, sollte abgerissen werden, um Prächtigerem Platz zu machen, so habe es die Annonce suggeriert. Zwei Jahre später hat es Steinmeier, nunmehr Bundespräsident, jetzt als Begegnungsstätte eröffnet. Stipendiaten sollen dort wohnen, sobald das Obergeschoss keine Baustelle mehr ist. Den Anfang machen die Soziologin Jutta Allmendinger, der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering und der Schauspieler Burghart Klaußner, der im September seinen ersten Erzählband vorlegen wird. Als sich die Manns in Kalifornien einrichteten, gaben sie nach intensiver Suche an einem frisch parzellierten Grundstück am San Remo Drive den Zuschlag. Der Architekt Julius Davidson, aus Berlin emigriert, rät zu einem schnörkellosen Stil. „Ich werde nun ein richtiger Kalifornier werden“, erklärt Thomas Mann, wozu er wie zum Beweis auf den Zitronenhain rund um sein Grundstück verweist. Der Nobelpreisträger, der Deutschland 1933 verlassen hatte, war mit seiner Familie im Exil von Staat zu Staat gereist, in die Schweiz, nach Südfrankreich, schließlich in die USA. „Wo ich bin, ist Deutschland“, seine deutsche Kultur trage er in sich, diktiert er 1938 bei seiner Ankunft in New York in die Notizblöcke der Reporter. Seine Gönnerin Agnes Meyer, Gattin des Eigentümers der „Washington Post“, vermittelt ihm eine Stelle an der Universität Princeton, wo auch Albert Einstein lehrt. Es folgt der Umzug von der Ost- an die Westküste, nach Los Angeles, wo rund zehntausend Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich leben, Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Theodor Adorno. Die Stadt wird zu einem „Weimar am Pazifik“, über das Thomas Mann wie die Stimme des anderen Deutschland präsidiert. Sein Zwanzig-Zimmer-Anwesen dient als Treffpunkt für geflohene Schauspieler und Wissenschaftler – und natürlich für Literaten, von denen sich einige als Lohnschreiber der Hollywood-Studios durchschlagen. Unter allen Exilanten ist Mann wohl derjenige, der sich Amerika am nächsten fühlt. 1944 wird er US-amerikanischer Staatsbürger, er bleibt, bis 1952 die vom Senator Joseph McCarthy geschürte antikommunistische Hetze derart bedrohliche Züge annimmt, dass er es vorzieht, nach Europa zurückzukehren. Es mangelt nicht an Kommentaren, die in der Achterbahn jener Zeit Parallelen zur Gegenwart erkennen. Erst der Zufluchtsort USA, dann das Abrutschen in McCarthys hysterischen Populismus. „Es ist ein schreckliches Schauspiel, wenn das Irrationale populär wird“, hatte Thomas Mann bereits 1943 gewarnt. Steinmeier greift den Satz auf. „Ich fürchte, wir erleben gerade neue Folgen dieses Schauspiels, in der politischen Debatte auf beiden Seiten, in Amerika und in Europa“, sagt er in seiner Eröffnungsrede. Ja, man könne klagen über die Verrohung der Sprache, gerade in den sozialen Netzwerken, über die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, die Verlockung von Feinbildern und Sündenböcken, über die Verachtung von Sachlichkeit, sogar von wissenschaftlicher Expertise. Solche Klagen seien auch Thomas Mann nicht fremd gewesen. „Doch die Frage ist, was aus den Klagen folgt.“ Burghart Klaußner sagt, dass er aus seinem Stipendium den Auftrag ableite, sich Gedanken zu machen. Was eine Gesellschaft tun solle angesichts der Herausforderungen von Migration, einer Wir-sind-wir-Mentalität, eines „America first“ oder „Deutschland zuerst“, darüber wolle er nachdenken am San Remo Drive. Und den Dialog mit den Amerikanern pflegen, weil man einander ja zuhören müsse. Bei Frido Mann, dem in Erinnerungen schwelgenden 77-Jährigen, ist es eine Szene, die sich tief eingebrannt hat ins Gedächtnis. Kurz vor seinem vierten Geburtstag läuft er durch das sonnendurchflutete Haus und spürt eine außergewöhnliche Unruhe: hektische Telefonate, aufgeregte Debatten, alles rings um ihn in Bewegung. Es ist der 21. Juli 1944, das Attentat auf Hitler ist fehlgeschlagen. Doch die Nachrichten, die nach und nach eintreffen, lösen bei der Familie weder Enttäuschung noch Resignation aus. Nein, so schildert es Thomas Manns Enkel, vielmehr habe sich neue Hoffnung breitgemacht. Die Hoffnung, dass dies doch endlich der Anfang vom Ende des verhassten Diktators sein müsse.

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